26. Februar 2016

Folgendes eMail habe ich gestern von einem Lehrer aus Bremen erhalten.

Sehr geehrter Herr Hiltscher,     < – gleich in der Anrede ein Rechtschreibfehler

meine Schüler haben Ihre Seite zitiert.

Da biste erstmal platt!

Nun muss ich entscheiden, ob ich Ihre Seite als “zitierfähig” zulasse.

What?

Eigentlich war ich der Annahme, jegliche Form der Existenz wäre im default automatisch zitierfähig. Im Umkehrbeweis ist schließlich alles, was nicht existiert (also nicht gesagt oder publiziert) auch nicht zitierfähig. Logisch, oder?

Leider finde ich nirgendwo ein Hinweis auf Ihre Qualifikation.
Sind Sie Germanist?

Aha! Da kommt’s raus! Er meint gar nicht zitierfähig, sondern viel mehr zitierwürdig. Und diese Zitierwürdigkeit wird nicht davon abhängig gemacht, ob die vorliegende Publikation gewisse fachliche Anforderungen erfüllt, was er natürlich selbst beurteilen können müsste, sondern an dem fachlichen Bildungsgrad des Autors, welcher leider in diesem Fall (weil ich mich selbst betreffend immer wortkarg bin) unbekannt ist.

Zudem ist “ein Hinweis” falsch dekliniert!!!

Mit freundlichen Grüßen
P.Schuster

Da antworte ich lieber nicht drauf.
PS: Nein. Ich bin kein Germanist.

20. August 2017

15. Februar 2016

Also letzte Weihnachten, das war ganz komisch, das wollte ich unbedingt noch erzählen. Wir sind nämlich pünktlich zuhause losgefahren und waren sogar ein paar Minuten früher zum Weihnachtsessen im Restaurant.

Normalerweise läuft das so: Es ist Zeit und wir müssten eigentlich losfahren. Aber Mama findet den Autoschlüssel nicht. Und niemand kann sich daran erinnern, den Schlüssel irgendwo im Haus gesehen zu haben. Papa ist noch nicht richtig umgezogen und wird deswegen von einem beliebigen Familienmitglied lautstark angetrieben. Und ich muss unbedingt noch mal aufs Klo, außerdem wollte ich auch noch eine Zigarette rauchen. Mein Bruder steht derzeit im Hof und fragt sich, ob hier eventuell alle verrückt sind.

Es dauert quasi ewig bis wir alle im Auto sitzen. Aber losfahren ist noch nicht, weil irgendjemand irgendeine Tür nur mit einmal Schlüssel drehen abgeschlossen hat, aber Papa drauf besteht, dass man zweimal drehen muss. Und dann fällt Mama ein, dass der Hund ja noch in der Wohnung ist. Und sollen wir nicht doch lieber den Rollator anstatt des Stocks für das mobilitätseingeschränkte Familienmitglied mitnehmen? All diese Themen müssen natürlich im Detail ausdiskutiert werden, bevor wir endlich losfahren können.

Pünktlich im Restaurant ankommen, das bisher immer eine Utopie, das haben wir bis letzte Weihnachten noch nie geschafft.

20. August 2017

8. Januar 2016

Wenn jemand im öffentlichen Raum laut telefoniert, darauf reagieren viele Leute extrem genervt. Schließlich hat man seine eigenen Gedanken und kann sich diesen Gedanken nicht richtig zuwenden. Weil man dauernd vom Telefongespräch des Anderen gestört wird. Das ist natürlich ärgerlich. Aber ich mag das! Das ist wie Twitter. Nur in echt. Da kann man mal so richtig in ein anderes Leben hineinhören. Man erfährt, dass der Lautimöffentlichenraumtelefonierer sich zwar verspätet, aber um 7 Uhr zuhause ist. Dass es Oma immer schlechter geht. Dass der beste Freund grad was mit der Nachbarin hat. Dass man etwas schon hundertmal gesagt hat. Dass man noch ein Brot kaufen muss, aber nicht irgendeins, sondern ein ganz bestimmtes, aber sich nicht mehr dran erinnert, welches Brot das noch mal genau war. Ist doch toll! Ganz, ganz toll!!!

20. August 2017

31. Dezember 2015

Es ist zwischen den Jahren. Die Tage halten inne. Papa und sein Freund sitzen im Büro und beleuchten den Zustand der Welt. Ich lese etwas im Internet und höre beiläufig zu. Irgendwann sagt Papa, die jungen Leute haben heutzutage gar keine Zeit mehr.

Eigentlich hat Papa die meiste Zeit auch keine Zeit gehabt. Weil es immer so viel zu tun gab. Die letzten Jahre hat sich das geändert und mittlerweile hat er wieder mehr Zeit. Zumindest so viel mehr Zeit, um zu merken, wenn jemand weniger Zeit hat. Mama hat heute noch keine Zeit, obwohl sie nicht mehr jung ist. Dafür hab ich gerade Zeit, obwohl ich laut Papa keine Zeit haben dürfte.

Ich bin der Zeitfrage schon lange überdrüssig. Es ist so einfach. Bekanntlich ist die Zeitmenge unveränderlich und für alle Menschen gleich. Aus diesem Grund kann man nur am anderen Ende ansetzen. Was auch jeder Mensch weiß und nicht mehr erklärt werden muss.

Trotzdem bleibt das Problem akut und verlangt immer wieder nach Hinwendung. Ich möchte aber über die Zeitfrage nicht mehr diskutieren. Die Debatte ist schon geführt und jedes weitere Wort ist eine Verschwendung dessen, was fehlt.

20. August 2017

22. Dezember 2015

Gestern war ich mit meinen Geschwistern in Darmstadt zum Einkaufen verabredet. Also nicht dieses Einkaufen, wo man sich unter innerem Zwang kurz vor knapp in die Stadt quält, weil man noch Geschenke braucht. Auch nicht dieses Einkaufen der Lebensmittel für die Festtage, was ebenso stressig ist. Sondern eher dieses Einkaufen, wo man eigentlich gar nichts einkauft, weil man schon alles erledigt hat, und eigentlich nur etwas Zeit mit seinen Geschwistern verbringen möchte. Also schlendert, Kaffee trinken geht und den anderen beim Einkaufen zuschaut.

Jedenfalls, beim Losfahren in Mannheim habe ich noch gedacht, du musst unbedingt noch Tanken. Als ich an der ersten Tankstelle vorbeigefahren bin, hab ich gedacht, jetzt habe ich keine Lust. Nach dem Einkaufen auf dem Weg zurück, hab ich an der gleichen Tankstelle gedacht, jetzt geht’s auch nicht, weil sonst meine Geschwister im Restaurant zu lange auf mich warten (wir gehen nach dem Einkaufen meistens noch schön essen). Dann muss ich halt spät bei mir im Stadtteil noch tanken. Als ich dann nach dem Essen spät im Stadtteil angekommen bin, hab ich das Tanken vergessen.

Voll blöd! Deswegen habe ich vorhin extra die Wohnung verlassen, nur um zu tanken. Das Tanken an sich geht ja immer total schnell, sodass ich mich immer frage, warum hast du das jetzt eigentlich so lange vor dir hergeschoben? Wo man dann auch schon extra die Wohnung verlassen hat, hab ich gedacht, jetzt könntest du auch noch schnell durch die Waschanlage fahren. Das wollte ich eigentlich dieses Jahr aussparen. Es ist ja nicht weniger Weihnachten, nur weil das Auto nicht sauber ist.

Bei der Waschanlage um die Ecke (bei mir ist irgendwie alles um die Ecke) war auch nicht viel los, was mich total gefreut hat. Ich mag diese Waschanlage um die Ecke sehr. Das Auto fährt da nämlich komplett alleine durch und man kann der Waschanlage beim Auto waschen zuschauen. Danach wird das Auto vom Waschanlagenmann noch grob von Innen gereinigt. Weil ich es nicht so gerne hab, wenn andere Leute meinen Schmutz wegmachen, helfe ich da auch immer mit. Der Waschanlagenmann putzt meistens von rechts und ich dann immer von links.

Normal saugt der Waschanlagemann kurz durch und entstaubt die Armaturen. Keine Ahnung, warum, immerhin lass ich dort jetzt schon einige Jahre mein Auto putzen, und sonst wurde das nie gemacht, aber diesmal hat der Waschanlagenmann auch meinen Aschenbescher geleert. Beim Öffnen des Aschenbechers guckt er mich komisch an. Ich dachte, warum guckt er denn jetzt so komisch? Das ist ein Aschenbecher, da sind halt Zigarettenstummel drin

„Sie rauchen ja im Auto!“
„Ja!“
„Aber das Auto riecht gar nicht nach Rauch.“

Ich wusste irgendwie nicht, was ich sagen sollte. Da kann ich doch nichts dafür. In der Wohnung rauch ich nicht, da bin ich konsequent, aber im Auto kommt das schon mal vor. So eine Langstrecke und gute Musik im Radio, ich meine, wie soll man da nicht rauchen? Aber Langstrecken hat man halt nicht so oft und deswegen rauche ich im Auto recht selten.

20. August 2017

15. Dezember 2015

Wenn ich Kollegen am Arbeitsplatz besuche und deren Posteingang sehe, habe ich meistens ganz viele Fragezeichen im Kopf. Ich sehe die unzähligen Mails im Posteingang. Manche sind ungelesen (Dickschrift), andere sind gelesen (Dünnschrift), manche sind zur Nachverfolgung markiert, wieder andere werden farbig angezeigt. Mir kommt es vor wie eine unendliche Liste, wo man gar nicht mehr richtig weiß, wo oben und unten ist.

Ich selbst arbeite nach der Zero Inbox Methode. Schon immer. Ich sortiere Mails zur Kenntnisnahme sofort weg, lösche unwichtiges, antworte zeitnah und übernehme Aktivitäten in meine ToDo-Liste. Die längste Zeit wusste ich eigentlich nicht, dass Zero Inbox eine konzeptionelle Methode ist. Aber alles andere würde mich überfordern und wahnsinnig machen.

Letzte Woche habe ich mich schon im Büro für Weihnachten verabschiedet. Den letzten Arbeitstag hatte ich mir im Kalender freigehalten. Damit ich noch Zeit habe, mich bei meinen Projektteams, die mich über das Jahr begleitet haben, zu bedanken. Ich schreibe. Ich lege richtig viel Gefühl und Persönlichkeit rein, weil ich die Menschen erreichen möchte, und man mit „Thank you for the successful golive“ nicht durch die Oberfläche kommt. Ich brauche Mut zum Versenden.

Schon nach wenigen Momenten kommen die ersten Antworten zurück. Und es liegt das gleiche Gefühl darin. Ich kämpfe ein wenig mit den Tränen, mache den Rechner aus und lasse die Mails im Posteingang stehen.

20. August 2017

15. November 2015

Mit einer Zigarette in der Hand kann man sich nicht vor einen Bahnhof stellen. Das ist immer wieder dasselbe und hier ist jede Stadt gleich. Ob Mannheim, Köln, Hamburg oder Berlin. Da gibt’s echt keine Unterschiede. Man steht keine zwei Minuten und dann steht da noch jemand (vor dir) und fragt „haste mal ne’ Kippe“?

Seit einiger Zeit steht aber noch viel öfter eine andere Frage im Raum und diese Frage hört man nicht nur am Bahnhof, sondern man begegnet ihr im ganzen Stadtgebiet. Und das macht mir Angst und erschrickt mich und beschämt mich. Die Frage lautet „haben Sie etwas Kleingeld für mich?“

20. August 2017

27. Oktober 2015

Letztens habe ich mich an der Raucherecke mit unserem Facility Manager unterhalten. Im Gespräch haben wir den Fensterputzer beobachtet, der auf einem Kran gerade mit der Südfassade beschäftigt war.

Ich: Die putzen aber schon ganz schön lange die Fenster.
Facility Manager: Ja, einmal das ganze Gebäude dauert 6 Wochen.
Ich: 6 Wochen?
Facility Manager: Ja, 6 Wochen. Und kosten tut es 20.000 Euro.

20. August 2017

24. September 2015

Mir sind heute den ganzen Tag lang die Züge vor der Nase weggefahren.

Das hat schon am Morgen angefangen. Zuhause konnte ich mich mal wieder nicht aus meiner Müdigkeit befreien. Und deswegen hab ich gedacht, noch 5 Minuten Twitter. Noch 5 Minuten Twitter, das geht, bevor ich mich auf den Weg mache. Die Straßenbahn hab ich immerhin noch fahren sehen. Nicht, dass ich sie nicht mehr hätte erreichen können, aber so Laufschritt am Morgen? Nee, lass mal, ich war ja schon froh, nicht beim Laufen einzuschlafen. Konnte ich mich also noch mal 10 Minuten mit Twitter beschäftigen.

An der Haltestelle Rathaus-Center musste ich dann umsteigen. Bis zum Anschluss hatte ich noch 7 Minuten. Eigentlich genug Zeit, um sich noch schnell einen Cafe to Go zu holen. Hab ich zumindest gedacht. Es stand nur eine Frau beim Bäcker, aber dass die gleich Backwaren für ihre ganze Abteilung kaufen möchte, das konnte ich ja nicht ahnen. Natürlich hab ich es in den 7 Minuten nicht geschafft.

Tja, irgendwann hab ich meinen Arbeitsplatz dann doch erreicht. Abends war ich außerhalb mit einem Freund zum Essen verabredet. Ich bin in solchen Dingen ja total entspannt und mach keine echte Reiseplanung (ist mir schon zu anstrengend), sondern geh einfach an den Bahnhof und nehme den nächsten Zug.

Auf der Arbeit hab ich also irgendwann das Notebook zugeklappt und statt mich auf den Weg zu machen, habe ich gedacht, ach, grad so schöne Stimmung, könnte ich noch entspannt eine Zigarette rauchen. Nicht, dass ich auf dem Weg zur Haltestelle nicht auch eine Zigarette hätte rauchen können, jedenfalls die nächste Straßenbahn hab ich dann auch verpasst.

Am Hauptbahnhof blieben dann wieder 10 Minuten bis der nächste Zug fuhr. Leider hab ich dann im Hauptbahnhof ums Verrecken nicht die Schließfächer gefunden (wollte mein Notebook darin ablegen). Musste dann einen Angestellten fragen und hinterher hab ich mich wieder selbst gefragt, an dieser Stelle biste wirklich schon ewig oft vorbeigelaufen, warum haste du nie die Schließfächer gesehen? Jedenfalls haben die 10 Minuten natürlich wieder nicht gereicht. Und der nächste Zug kam dann auch gleich mal 10 Minuten später.

Voll lustig!

20. August 2017

20. September 2015

Das letzte halbe Jahr bin fast jeden Morgen vom RathausCenter Ludwigshafen in die Südstadt gelaufen. Irgendwie war das ein schönes Ritual. Entstanden ist die Zeremonie im Frühling. Die südliche Brücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen wurde aufgrund von Bauarbeiten für den Straßenbahnverkehr gesperrt und ich musste deswegen neue Wege gehen.

Der RathausCenter ist eine Mischung aus Rathaus, Einkaufszentrum und Straßenbahnknotenpunkt. Fast täglich habe ich mir dort morgens einen Kaffee gekauft. Manchmal habe ich vor der Arbeit auch kleine Einkäufe erledigt. Hab mir Nagellack im Douglas, Schnürsenkel im Reno oder Entkalker von Saecco im Saturn besorgt.

Im dem städtischen Gebäude sitzen auch kleine Unternehmen und Vereine. Vehra hat dort unter anderem sein Büro. Vehra ist eine Ehrenamtsbörse und Träger vieler lokaler und sozialer Projekte. Dazu gehört beispielsweise die städtische Tafel, welche Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Vor langer Zeit habe ich einen Vortrag auf dem Ehrenamtstag in Ludwigshafen gehalten und seitdem berate ich den Verein in Internetfragen.

Seit vielen Jahre gehört der RathausCenter immer wieder zu denjenigen Orten, an denen mein Leben geschieht. Es ist kein schöner Ort, aber es ist ein Ort, ein Ort mit Menschen. Ein Ort, den man regelmäßig im Alltag passiert und an dem zufällige Begegnung entsteht.

Mittlerweile ist der Sommer vorbei und die Temperaturen sinken. Die südliche Brücke wurde für den Straßenbahnverkehr wieder freigegeben. Und so nähert sich diese Gewohnheit langsam dem Ende und neue Rituale kündigen sich leise an.

20. August 2017