11. August 2017

Who watches the Watchmen?Offene Frage

20. August 2017

29. Juli 2017

Bei eMails arbeite ich nach der Zero Inbox Methode. Das war schon immer so. Ein Posteingang mit unzähligen eMails würde mich wahnsinnig machen. Deswegen antworte ich meistens sofort, lösche Unwichtiges und übernehme Aktivitäten in meine ToDo-Liste. Dabei verschiebe ich jedes Mail nach der Bearbeitung in einen Ordner. Zum Dienstschluss ist mein Posteingang in der Regel leer. Wenn ich abends mein Notebook zuklappe, sind meine Gedanken nicht mehr an offene Mails gebunden und der Kopf ist frei, was ich sehr genieße.

Zero Inbox eMail

Die letzten Monate sind mir jedoch auch die Nachteile dieses Vorgehens augenscheinlich geworden. Mit der zügigen Bearbeitung erhöht sich die allgemeine Geschwindigkeit der Dinge spürbar. Wenn man zeitnah antwortet, erhält man in der Konsequenz auch schneller Antworten zurück. Damit erhöht sich in Kontrast zum angestrebten Ideal also auch die absolute Zahl der Mails im Posteingang. Zwar steigert sich der eigene Erledigungsgrad sichtbar, kostet aber auch mehr Energie, weil sich die Aktivitäten zeitlich verdichten.

20. August 2017

24. Juli 2017

Ich bin sehr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Obwohl ich noch ein Auto besitze, bewältige ich meinen Alltag fast vollständig mit Bus, Straßenbahn und Zug. Das war nicht immer so. Als ich noch auf dem Dorf gewohnt habe, kannte ich den öffentlichen Nahverkehr nur aus dem Fernsehen. Jetzt wohne ich in der Stadt und habe an jeder Ecke eine Haltestelle. Eine Sache hat mich aber immer genervt und das waren die Abfahrtszeiten, die man sich unmöglich alle merken konnte. Mitunter aus diesem Grund heraus war ich von meinem ersten iPhone so begeistert. Einer meiner ersten Apps zeigte mir die Abfahrtszeiten der Haltestellen im näheren Umkreis. Phänomenal!

ÖPN Haltestelle

Seit damals sind nun fast zehn Jahre verstrichen. Heute schaue ich kaum noch nach Abfahrtszeiten. Schlimmer noch, Freunde und Kollegen, die schnell zur Bahn müssen, kommen mir beinah schon vor wie Wesen von einem anderen Stern. Mir ist das mittlerweile zu anstrengend: iPhone rausholen, App starten, Haltestelle auswählen, die richtige Linie (und Richtung) aus einer Liste wählen. Das ist mir alles schon zu viel (so alt bin ich schon geworden)! Wenn ich von einem Ort zum nächsten muss, schlendere ich gemütlich an die Haltestelle und nehme die nächste Bahn, die kommt.

20. August 2017

16. Juli 2017

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, womit mein Arbeitgeber sein Geld verdient. Also auf der Metaebene weiß ich das schon, aber was die Produkte jetzt genau machen oder wie man sie richtig ausspricht, kein Plan.

Mein Startmenü - Windows 8.1

Ich arbeite nämlich in der IT und wer in der IT arbeitet, macht irgendwas mit Computern. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sich auch mit Computern auskennt. Jedenfalls, wir in der IT müssen bei Problemen mit dem Computer oft selber bei der Hotline anrufen (also strenggenommen bei den Kollegen im Helpdesk). Weil wir halt auch keine Ahnung haben oder die nötigen Admin-Rechte besitzen, um die Probleme selbst zu lösen.

Mein Desktop - Windows 8.1

Die Anrufe beim Helpdesk gehen mir aber mittlerweile zunehmend auf die Nerven! Die Kollegen glauben einem wirklich kein Wort („ich hab nichts gemacht“) und wollen sich in der Regel als Erstes remote via Fernwartung auf den PC schalten. Aber anstatt, dass ich dann das Problem zeigen und erklären dürfte, werde ich meistens erstmal in eine Diskussion verwickelt, warum in meinem Startmenü keine Programme sind, warum der Desktop leer ist und warum das Microsoft Office so komisch aussieht. Das entspricht nicht dem Standard und hier ist doch scheinbar alles kaputt. Jedes Mal muss ich mühsam erklären, dass dies alles seine Richtigkeit hat und ich mir das extra so eingestellt habe.

Mein Office - Office 365

Aber wer sowas macht, der ist schon mal automatisch verdächtig, der verdreht doch das ganze System und hat den Fehler ganz bestimmt selbst verursacht (hab ich aber nicht).

20. August 2017

15. Juli 2017

Kürzlich habe ich den Auftraggeber eines Projekts, welches sich in meiner Zuständigkeit befindet, darum gebeten, in seiner Rolle als Project Sponsor eine Kommunikation an das obere Management durchzuführen. Wir saßen zusammen in einem Besprechungsraum und ich erklärte ihm, welche “Message” ich gerne senden und was ich damit bewirken wollte. In Gedanken war mir ein kurzes Mail mit drei mehrzeiligen Absätzen im Sinn, welches einen Sachverhalt, dessen Hintergrund und die nächsten Schritte beschrieb.

Mein Auftraggeber startete Outlook und öffnete ein neues Mail. Er schrieb 5 Zeilen. Dabei waren Anrede und Schlussformel schon mitgezählt.

eMail mit 5 Zeilen

Er betrachte skeptisch den Bildschirm und sagte, wir müssen den Text noch kürzen. 5 Zeilen wären für das obere Management zu lang. Er überlegte kurz und kürzte das Mail auf 3 Zeilen. Dann fragte er mich, so okay? Ich selbst bin leider mit der Aufmerksamkeitsspanne des oberen Management nicht sehr vertraut und zuckte nur ratlos mit den Schultern. Daraufhin schickte er das Mail ab.

In den nächsten acht Stunden entstand ein äußerst interessantes eMail-PingPong auf der Ebene des oberen Management, weil kein Mensch verstand, worum es hier ging, was jetzt getan werden musste und vor allem warum. Inhaltlich enthielten alle diese Korrespondenzen weder Anrede noch Grußformel, sondern meistens nur eine Zeile (z.B. „I do not understand. Please explain!“).

20. August 2017

9. Juli 2017

Besser sterben (oder dement werden), indem man sich (also bevor man tot ist) um folgende Dinge kümmert.

  • das Login-Passwort von Computer, Tablet und Smartphone sowie das Master-Passwort des Passwort-Managers einer nahestehenden Person anvertrauen
  • eine Vorsorgevollmacht erteilen, welche notariell beurkundet sowie ins Vorsorgeregister eingetragen ist
  • ein Datenblatt über sich selbst anlegen, welche alle bestehenden Verpflichtungen (z.B. Verträge) auflistet und deren Rahmendaten (z.B. Vertragsnummern) aufführt

Im besonderen Maße gilt dies für Alleinstehende und all diejenigen, welche ihr Leben vorrangig digital abbilden. Im Ernstfall müssen nämlich alle laufenden Verpflichtungen detektivisch recherchiert, identifiziert und aufgelöst werden. Mit den obigen Maßnahmen erspart man seinen Lieben unzählige Stunden, Tage und Wochen an mühevoller Kleinarbeit.

Ein Grabstein

Auf die Schritte kann man aber verzichten, wenn man sich von seiner Familie entzweit hat. In diesem Fall könnte man zwecks weiterer Verkomplizierung noch zusätzlich die Festplatte des Computers verschlüsseln!

20. August 2017

25. Juni 2017

Aus familiären Gründen bin ich seit ein paar Jahren öfter mal in Kaiserslautern unterwegs. Normalerweise reise ich aus Mannheim mit der Bahn an und nutze auch vor Ort öffentliche Verkehrsmittel, aber das letzte Mal war ich ausnahmsweise mit dem Auto in der Stadt.

Ich parkte mein Auto auf einem Parkplatz in der Nähe der Stadtmitte und in der Eile hatte ich vergessen, einen Parkschein zu lösen. Natürlich hatte ich später, als ich zu meinem Auto zurückkam, ein Knöllchen. Sowas passiert mir selten, normalerweise löse ich immer einen Parkschein. Den letzten Strafzettel bekam ich in Frankfurt als ich mit Laura einen Podcast aufgenommen habe. Damals habe ich das Knöllchen sogar noch persönlich von der Politessin in Empfang genommen. Auf Amtsdeutsch wird das Knöllchen übrigens als Schriftliche Verwarnung mit Zahlungsaufforderung bezeichnet. Jedenfalls, als ich in Kaiserslautern den Zettel vom Scheibenwischer nahm, war ich schon dabei ihn ungelesen zu zerknüllen. Zufällig kam mir aber das Aktenzeichen in den Blick, welches auf den Strafzettel aufgedruckt war.

Falsch geparkt: Aktenzeichen auf Strafzettel

Wenn ich jetzt so einer wäre, der gerne streitet und versucht sich überall herauszuwinden, könnte ich unmittelbar Widerspruch einlegen, mit Referenz auf den richtigen Tatbestand. Dazu ist eine eMail-Adresse angegeben und sie lautet politessendienst@kaiserslautern.de. Der Strafzettel selbst wurde vom Referat für Recht und Ordnung ausgestellt. Mein Blick fuhr weiter dem Papier entlang und ich konnte meinen Augen kaum glauben. Am Ende des Zettels folgte ein QR-Code für die Zahlung mit Paypal.

Falsch geparkt: Sofort zahlen mit QR-Code und Paypal

Wie geil ist das denn? Eingescannt und noch gleich am Tatort die Buße verrichtet!
Kaiserslautern <3

20. August 2017

22. Juni 2017

Ich hätte mir ja beinah mal mit einem Messbecher selbst das Leben genommen. Und das kam so: Ich stand in der Küche und spülte Geschirr. Im Spülwasser befand sich auch ein Messbecher. Ich hatte ihn mir mal bei Butlers gekauft, er war aus Glas und hatte eine zylinderartige Form. Als ich ihn reinigte, fuhr ich sorgfältig mit dem Wischtusch hinein und säuberte den Boden. Dabei hab ich wohl etwas viel Kraft angewendet, denn mein Handgelenk drückte zeitgleich recht stark an die Mantelfläche und das Glas brach dann genau in der Höhe der Pulsader am Handgelenk und schnitt mir die Haut auf. Anfangs hab ich den Unfall gar nicht richtig wahrgenommen, mich aber irgendwie schon gefragt, warum das Wasser plötzlich so rot war. Ich hatte doch gar nichts mit Tomatensoße gekocht.

Auf die Schnelle habe ich mir die Wunde spontan mit einem Handbuch verbunden (wie im Film). Erstmal in der Küche alles ordentlich machen, alles andere kann warten, hab ich gedacht. Trotzdem fand ich komisch, wie schnell auch das Handbuch seine Farbe veränderte. Zum Glück bin ich aber (aus Erfahrung) auf solche Situationen eingestellt und mit ausreichend Verbandszeug ausgestattet. Trotz mehrmaliger Versuche habe ich es jedoch nicht geschafft, mir einen stabilen Verband anzulegen. Die Wunde hat so stark geblutet, dass die Bandagen nach kurzer Zeit durchtränkt waren und von der Wunde abrutschten. Irgendwann war dann klar, so wird das nix, ab in die Notambulanz.

Überall Blut

Mit dem Auto konnte ich jedoch nicht fahren, weil ich trotz Automatik dazu beide Hände brauche. Deswegen wollte ich die Straßenbahn nehmen. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle ist mir leider erneut der Verband abgerutscht. Okay, so kannste nicht in die Straßenbahn. Die halten dich für bekloppt. Also blieb mir nur ein Taxi zu rufen! Der Taxifahrer hat mich schon ein bisschen komisch angeguckt und für einen kurzen Moment hatte ich auch Angst, dass er mich nicht mitnimmt.

Es war Freitag Abend und im Krankenhaus gab es einen relativ großen Andrang in der Notambulanz. Aber wegen der starken Blutung wurde ich vorgezogen. Auch der Arzt schaute etwas komisch als ich wahrheitsgemäß erkläre, dass ich mich mit einem Messbecher geschnitten hatte. Als er sich die Wunde dann skeptisch genauer betrachtete, sagte er, da muss ich einen Chirurgen holen. In diesem Moment ist mir schon etwas mulmig geworden. Ich lag einsam auf der Patientenliege und sah Gewebe aus meinem Handgelenk rausgucken. Lange Rede, kurzer Sinn, die Ärzte haben das noch einigermaßen hinbekommen und ich konnte dann wieder nach Hause.

Die nächsten Tage bin ich auch ganz normal arbeiten gegangen. Allerdings hat meine Hand zunehmend geschmerzt. Deswegen bin ich nochmal zum Hausarzt. Und der Hausarzt hat dann gesagt, so wird das nichts! Die Hand muss ruhig gestellt werden und darf nicht bewegt werden (es war meine rechte Hand). Er hat mir auch nochmals ganz genau erklärt, wie ich sie bandagieren muss. Und dass ich sie auf keinen Fall benutzen darf. Er hat mich dann ungelogen vier (!) Wochen krankgeschrieben.

Im ersten Moment fand ich das etwas surreal. Aber auch irgendwie cool, hey, vier Wochen frei und mir tut eigentlich gar nichts direkt weh! Im zweiten Moment habe ich gedacht, wie soll ich mir jetzt eigentlich die Zähne putzen, Essen kochen, Wäsche waschen, etc? Ich bin ja normal mit beiden Händen schon ziemlich grobmotorisch. Spontan hab ich mich dann bei meinen Eltern einquartiert und mich trotz meines fortgeschrittenen Alters rundum versorgen lassen. Das war vielleicht ein Spaß!

Den gleichen Messbecher habe ich mir übrigens dann später bei Butlers erneut gekauft. Ist aber leider bisher nicht mehr kaputt gegangen.

20. August 2017

12. Juni 2017

Rheinland-Pfalz grenzt an Frankreich. Mit 17 war ich mit einem Mädchen zusammen, das nicht allzu weit von der Grenze weg wohnte. Es waren kaum 20 Minuten mit dem Auto. Deswegen fuhren wir ab und an gerne nach Frankreich, um Flammkuchen zu essen. Also sie fuhr, ich war ja noch 17 und hatte keinen Führerschein.

Wir gingen eigentlich immer in die gleiche Gaststätte in der Gemeinde Roeschwoog. Dort schmeckte der Flammkuchen so gut, dass sich alle anderen Flammkuchen in der ganzen Welt daran messen mussten. Wie das mit der Jugendliebe halt meistens so ist, es ist eine Liebe der Jugend und keine Liebe des Lebens (leider). Also gingen wir nach ein paar Jahren wieder getrennte Wege und seitdem war ich nicht mehr in Roeschwoog.

Letztes Jahr, also gute 20 Jahre später, machte ich mit meiner Schwester und ihrer Familie einen Ausflug nach Frankreich. Wir besuchten das Cigoland in Kintzheim, das uns mit seinem erfrischenden Charme sehr überraschte. Zum Tagesabschluss wollten wir dann noch Flammkuchen essen gehen. Und da habe ich gesagt, “Leute! Ich kenn da ein echt gutes Lokal.” In Wirklichkeit hatte ich natürlich keine Ahnung, ob es die Gaststätte von damals noch gab. Die Chancen gingen eigentlich gegen null. 20 Jahre sind in der Gastronomie eine lange Zeit und eine solche Lebensdauer ist nur wenigen Lokalen gegönnt. Außerdem war ich mir auch gar nicht sicher, ob ich mich an den Weg dahin erinnern würde.

Überraschenderweise fanden wir auf Anhieb zum Ziel und die Gaststätte existierte tatsächlich noch. Sie hatte sogar noch den gleichen Eigentümer. Es ist Familienbetrieb und selbst heute arbeiten dort teilweise noch die Leute von damals (spürbar gealtert). Als später der erste Flammkuchen vor uns stand und ich bedächtig das erste Stück probierte, kam die ganze Zeit zurück und wie ein Regen über mich. Meine Jugendliebe, die Schulzeit, die Tanzschule, die Rebellion, mein erstes Auto und all die unbefleckte Leichtigkeit voller Neugier, Lebensmut und Entdeckungen!

20. August 2017

7. Juni 2017

Vor ein paar Monaten habe ich Heike in Köln auf ein Abendessen besucht. Wenn ich nach Köln fahre, bleibe ich meistens über Nacht, aber dieses Mal wollte ich am selben Abend wieder zurück, damit sich der nächste Tag nicht so zerstückelt. Ich stand also am späten Samstagabend an den Gleisen und freute mich auf eine ruhige Zugfahrt durch die Nacht. Der Zug war dann leider sehr voll, weil Bayern München in Köln gespielt hatte und die ganzen Fans wieder nach Hause mussten. Der FC Bayern München hatte den 1. FC Köln mit 3:0 besiegt und die Fans waren guter Laune. Trotzdem war es eine sehr angenehme Fahrt.

Die letzte Station vor Mannheim war der Frankfurter Flughafen. Ich begann mich langsam auf die Ankunft in Mannheim und die Rückkehr in meine Wohnung zu freuen. Aber dann kollabierte während des Halts am Frankfurter Flughafen nur wenige Meter von mir entfernt ein Passagier und fiel leblos zu Boden. Seine Begleiterin versuchte sofort ihn bei Bewusstsein zu halten und schlug abwechselnd auf seine Wangen. Ein anderer Passagier informierte sogleich den Zugbegleiter. Die Deutsche Bahn führt in der Regel keine Sanitäter mit im Zug. Auch die Zugbegleiter sind nicht gezielt medizinisch ausgebildet. Nach dem Protokoll wird in solchen Situationen über die Sprechanlage nach einem Arzt unter den Passagieren gefragt. Im Fernverkehr ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich ein Arzt im Zug befindet. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten war zwei Ärzte und eine Krankenschwester vor Ort. Die machten sich gleich an die Arbeit. Derweil stand der Zug.

Illustration: ICE am Bahnhof

Nach 20 Minuten waren auch die Sanitäter des Frankfurter Flughafens vor Ort. Der Wagenabschnitt wurde provisorisch in eine Art mobilen OP umfunktioniert. Der Patient bekam mehrere Infusionen und die Infusionsbeutel wurden im Zug an der Gepäckanlage angehängt. Über die ganze Zeit erhielt der Patient fortlaufend eine Herzdruckmassage. Das ärztliche Team funktionierte wie ein Uhrwerk. Jeder wusste, welche Aufgaben er hatte. Jeder gesprochene Satz hatte eine Funktion. Alle Hände gingen ineinander. Die Stille im Wagen wurde neben den Anweisungen des leitenden Arztes nur durch den Defibrillator durchbrochen. Aus Sicherheitsgründen gab das Gerät vor jedem Stromschlag die Phrase „Bitte vom Patienten wegtreten“ über eine natürliche Stimme aus. Als nach weiteren 20 Minuten keine Besserung eintrat, wurde von der Polizei ein Sichtschutz um den Patienten installiert und die Sanitäter fuhren fort.

Der Zug blieb stehen. Nachts am Frankfurter Flughafen. Der Patient war nicht transportabel. Viele Passagiere stiegen aus und wechselten in nachfolgende Züge. Ich vertrat mir zwischendrin die Beine und rauchte eine Zigarette am Bahnsteig. Mental konnte ich die Situation nicht wegabstrahieren und mir war innerlich ganz anders. In diesen Minuten wurde mir bewusst, dass wir alle unsere Aufgaben haben, damit das große Ganze funktioniert. Der Arzt sorgt für unsere Gesundheit. Der Zugführer fährt uns quer durch Deutschland, damit wir nach Hause kommen. Die Polizist sorgt für Ordnung, damit kein Chaos entsteht. Der Bäcker verkauft Backwaren, damit wir morgens frühstücken können. Und sogar die Kulturszene ist wichtig, damit wir Zerstreuung, Inspiration und Widerspruch finden. Zwischen all dem Schaffen habe ich mich gefragt, was meine Aufgabe ist und welchen Beitrag diese Aufgabe leistet. Und in dieser Situation konnte ich die Frage für mich nicht zufriedenstellend beantworten.

Irgendwann war der Patient soweit stabilisiert, damit man ihn transportieren konnte. Der Rettungswagen wartete schon lange abfahrbereit. Fast unmerklich löste sich die Situation auf. Polizei, Sanitäter und Bahnmitarbeiter eilten zu ihren nächsten Aufgaben und örtlich schien es beinah so als wäre nichts gewesen. Nach eineinhalb Stunden am Frankfurter Flughafen rollte der Zug wieder langsam an und fuhr weiter durch in die Nacht.

20. August 2017