Eure Debatten langweilen mich

Im Grunde mag ich die Diskussion. Ich mag die Vielfalt der Gedanken, ich mag Gegensätzlichkeit und ich mag die Funken, die entstehen, wenn zwei Pole aneinander reiben. Gedanken sind wie ein Virus und was dieser Virus alles anstellen kann, das beeindruckt mich immer wieder. Wenn sich ein Gedanke mit anderen Gedanken infiziert, eine veränderte Sichtweise bewirkt und etwas ganz Neues zum Vorschein bringt. Es gefällt mir sehr. Trotz dieses Zuspruchs gegenüber der Debatte im Einzelgespräch, beobachte ich eine schleichende Veränderung meiner Position im Kontext der Breite. In unseren modernen Zeiten haben wir ziemlich viel Redebedarf. Es gibt so viele neue Verwicklungen und wir wissen noch nicht, was davon zu halten ist. Damit einhergehend zersplittert die Gesellschaft fortlaufend in weitere Einzelstücke und man weiß gar nicht mehr richtig, wo oben und unten ist. Wir brauchen den stetigen Dialog. Denn wir müssen im Gespräch bleiben, um das große Ganze zu erhalten. Sei’s drum. Liebe Freunde! Ich muss euch leider sagen, ihr müsst das alleine machen. Das ist nicht mehr mein Kampf.

Wir müssen nicht reden

Ihr wuppt das schon. Debattiert weiter! Bringt eure Positionen ein. Dreht euch nicht weg. Steht auf und zeigt Flagge! Zieht das Ding gerade. Ich drücke euch die Daumen und wünsche viel Glück. Meine Gedanken schwingen stillschweigend mit. Ich zieh den Hut und verneige mich, voller Anerkennung und ehrlichem Respekt. Ich feiere den Protest aus der Ferne. Und ich bin stolz auf euch, ohne einen Anteil für mich selbst zu beanspruchen. Im Gegenteil, ich werde mich für die Abwesenheit schämen. Es ist so vieles verkehrt und die Welt schreit nach Korrektur. Die Welt braucht die Korrektur dringend. Ach was, wir brauchen ein ganzes Service Pack! Wenn nicht sogar ein völlig anderes Betriebssystem. Das kann alles so nicht bleiben, das können wir nicht tolerieren. Obwohl man theoretisch alles tolerieren sollte. Aber Toleranz hat seine Grenzen. Wenn einem alles egal ist, kann man auch gleich aufhören zu leben und sterben gehen. Trotzdem bin ich der Debatten müde.

Shitstorm only

Die Müdigkeit beschleicht mich auf allen Kanälen. Es gibt keinen Unterschied zwischen den klassischen Medien, der Blogosphäre, den sozialen Netzwerken oder den alltäglichen Begegnungen. Es sind immer die gleichen Debatten. Sie verändern sich nicht. Sie bewegen sich nicht. Sie wiederholen sich und es ist immer dasselbe. Die Diskussion verharrt im Stillstand. Man ist dafür oder man ist dagegen und mehr geben diese Debatten eigentlich nicht her. Der Inhalt ist beliebig austauschbar und die Verhandlung folgt immer wieder den gleichen Mechanismen. Viel zu oft lässt sich der Diskurs auf ein Du bist doof. Nein, du bist doof. reduzieren. Trotzdem entwickelt die Polarität natürlich ihre ungeheure Kraft, die aber nicht weiter trägt, uns größer und besser macht und näher zusammen bringt, sondern nur die Zerstörung der Gegenseite sucht. An manchen Tagen traut man sich kaum noch in die Zeitung zu schauen oder Twitter aufzumachen. Da ein Shitstorm, dort ein Shitstorm, hier ein Shitstorm, überall nur noch Shitstorm.

Eigentlich gäbe es recht viele Debatten, bei denen ich das Gefühl habe, hier könntest du etwas Relevantes einbringen. Ich habe tatsächlich etwas zu sagen, was bisher noch niemand gesagt hat. Aber dann betrachte ich mir das Schauspiel von Außen und mir gruselt es richtig im Bauch. Da ist so viel Power drin. So viel brachiale Gewalt, welche über der Diskussion schwebt, jederzeit bereit herunter zu brechen. Dann habe ich doch keine Lust mehr. Also drehe ich mich um und wende mich anderen, viel schöneren Seiten des Lebens zu.

Nulltoleranz

In der Debatte sind seltsamerweise keine Toleranzzonen vorgesehen. Obwohl wir die Toleranzzonen dringend bräuchten, schließlich wird das Wort von Menschen geführt. Und dass Menschen fehlbar sind, das muss man nicht erklären. Unsere eigene Fehlbarkeit, die erfahren wir schließlich jeden Tag. Aber unseren Mitmenschen ist die gleiche Fehlbarkeit irgendwie nicht erlaubt. Mit aller Härte wird unmittelbar das Urteil gesprochen. Da gibt es keine Gnade. Sich einmal im Ton vergriffen oder über die Stränge geschlagen, die Geschütze geben sofort volles Rohr. Und so ist der Täter nicht nur ein Täter, sondern ebenso ein Opfer, aber das interessiert dann auch keinen mehr, der hat es schließlich verdient. Soll er mal schön drüber nachdenken! Und sich die Sache noch mal gut überlegen, bevor er das nächste Mal den Mund aufmacht. Einsnull für die Weltgerechtigkeit, Hurra! Lass uns feiern gehen!

Bauchpinseln

Die eigene Weltanschauung lässt sich natürlich am Besten mit Kumpels feiern, welche die eigene Sicht teilen. Wenn sich der linksfeministische Stammtisch einmal in der Woche trifft und den Zeigerstand der maskulinen Weltuntergangsuhr bespricht, finde ich das eigentlich richtig süß. Gleichgesinnte sind wichtig. Mitstreiter sind wichtig. Nicht alleine sein ist wichtig. Wichtig ist aber auch, mit den Ideen in die Welt des Andersdenkenden zu gehen und die Konzepte über die eigene Filter-Bubble hinaus zu tragen. Sich gegenseitig bauchpinseln ist eine prima Sorte Honig, bringt die Welt aber nicht weiter. Manchmal kann ich die Ideen, die ich selbst vertrete und forciere, tatsächlich nicht mehr hören. Es ist zu viel desgleichen und desselben. Ich will auch die Konzepte des Gegendenkers sehen und sie als Sprungbrett benutzen. Damit kann ich viel besser arbeiten als mit den immer gleichen Gedanken, die ich eh schon unzählige Male selbst gedacht habe.

Aber Gedanken bedeuten eigentlich nichts. Man kann vorwärts denken und das Ganze wieder zurückdenken. Und danach kann man noch mal über den eigenen Horizont hinaus denken. Aber das ist alles nichts. Und wenn man all die wertvollen Gedanken ausspricht, ist das immer noch nichts. Worte bedeuten nichts. Gar nichts. Ein Wort ist nicht mehr als ein Code. Ein Wort macht die Welt nicht besser. Das Wort verändert nichts. Es trägt nur die Information von einem Mensch zum nächsten Mensch. Es zählt nicht, was man sagt. Es zählt nur, was man tut. Und was man tut, das ist eine viel schönere Botschaft als jedes Wort jemals sein könnte. Aber solche Botschaften sind selten und verlieren sich meistens in der Lautstärke der Empörung.

Lautstärke

Und diese Empörung ist immer da. Alles ist ein Skandal. Alles ist eine Eilmeldung. Alles ist eine Katastrophe. Alles ist ein Drama. Alles ist kaputt. Alles ist falsch. Über alle Medien. Über alle Beteiligten. Über alle Räume hinweg. Es ist so laut. Es ist betäubend, durchdringend und unüberhörbar. Ich halte mir die Ohren zu! Es ist so unglaublich laut. Diese Lautstärke. Ich kann mein eigenes Wort nicht mehr hören. Ich möchte nicht gegen die Lautstärke anschreien. Aber das müsste ich. Ich müsste noch lauter sein. Damit meine Worte auch Gehör finden. Noch lauter, noch lauter, noch lauter. Aber ich will nicht laut sein, weil das nicht meine Art ist. Und Lautstärke hat die Welt schon genug. Ich will nicht noch mehr Lautstärke hinzufügen. Ach, lass die doch, denk ich mir. Die schlagen sich sowieso gleich die Köpfe ein.

Grenzwert der Freude

Die Streitkultur ist mittlerweile sogar dem Disput selbst entwachsen. Wir brauchen keine Meinungsverschiedenheit mehr, es reicht die Freude der Anderen. Sogar darüber streiten wir inzwischen. Über das Glücksgefühl der Anderen! Obwohl die Sache schon eine Weile her ist, muss ich noch recht häufig an Julia Engelmann und ihren kleinen Poetry Slam denken. Darin fand sich kein Anspruch darauf, eine Delle ins Universum zu schlagen. Mehr aus dem Zufall heraus fand der Poetry Slam aber ziemlich viel Anklang. Die Botschaft wurde bejubelt und gefeiert. Daran nimmt in der Regel niemand Anstoß. Aber wehe, die Freude übersteigt einen Grenzwert! Dann formatiert sich unmittelbar eine Gegenbewegung. Die Gegenbewegung besteht aus HATE und los geht das Gemetzel. Ich persönlich mache das immer umgekehrt. Wenn sich jemand freut, freue ich mich einfach mit. Unabhängig dessen, worüber sich eigentlich gefreut wird. Interessiert mich auch gar nicht, weil Freude, Freude ist ansteckend, Freude macht die Welt schön und Freude ist selten.

Netzkultur

Über das Internet habe wir uns damals auch gefreut. Endlich echte Demokratie und jeder kann gehört werden. Gemeinsam sind wir stark. Und heute? Netzkultur quasi komplett im Arsch. Das waren einfach zu viele Trolle und Shitstorms auf einmal. Manche haben das Internet sogar schon wieder abgeschaltet.

Warum auch immer, aber irgendwie holt das Netz die Abgründe aus dem Menschen heraus und bringt dessen negativen Seiten zum Vorschein. Aber dieser Abgrund ist gar kein Abgrund und hat mit dem Internet herzlich wenig zu tun. Ich will mehr davon! Weil es real ist und ich will mir die Realität nicht verdrehen. Diese Wahrheit ist nicht künstlich, diese Wahrheit ist immer da. Jeden einzelnen Tag werden diese Gedanken effektiv gedacht und vom Gedankenträger im täglichen Leben implementiert. Wir sehen es nur nicht.

Aber immerhin kann man solche Gedanken blocken. Das ist so einfach. Klick und du bist weg. Niemand kann dich mehr hören. Du bist mit deiner Botschaft allein. Du hast hier keinen Platz mehr. Niemand will dich. Geh dahin zurück, woher du gekommen bist. Und lass dich bloß nicht wieder sehen! Adieu!

Wer hat was gesagt?

Anstatt eine neue Mitte zu finden, konzentriert sich die Debatte oft nur auf den Rückblick und die Feststellung von Schuld. Wer hat was gesagt? Wie hat man es gesagt? Wie hat man es gemeint? Würde man es heute auch noch so sagen? Jeder kleine Unstimmigkeit wird aufgegriffen, umgedreht und damit neue Konfrontation gesucht. Ein wichtige Rolle nimmt dabei die Reue ein. Ohne Reue ist alles nichts. Das muss der Beschuldigte schon mal mindestens tun. Und wenn er es nicht tut, stockt die Diskussion und Inhalte haben keine Raum. Aber vor der Reue steht die Schuld. Und die Schuld muss jemand an sich nehmen und damit wäre dann auch die Diskussion entschieden. Obwohl die Schuld für keine Seite einen Mehrwert bringt.

Tatsächlich muss man keinem Menschen sagen, dass er etwas falsch gemacht hat. Der Mensch braucht keinen weiteren Menschen, um sich seiner Missgriffe bewusst zu werden. Jeder Mensch bemerkt seine Fehler ganz allein und völlig automatisch. Dieses Bewusstsein hat er ohne Mithilfe entwickelt. Trotzdem ist man gemeinhin stets bemüht, den Sachverhalt noch mal explizit zu bekunden und mit dem Finger auf den Anderen zu zeigen.

Die eigene Doppelmoral

Parallel zum Anspruch an die Anderen stellen wir auch immer wieder fest, dass wir unseren eigenen Anspruch selbst nicht vollständig umsetzen können und immer wieder am eigenen Wertkonzept scheitern. Wir propagieren also, wozu wir selbst gar nicht in der Lage sind. Dieses eigene Scheitern möchten wir den Anderen aus irgendwelchen Gründen aber nicht zugestehen. Da gibt es ein schönes Wort und dieses Wort nennt sich moralflexibel. Klingt lustig, ist es aber nicht. Zumindest nicht, wenn wir diese Flexibilität nur für uns selbst in Anspruch nehmen. In Wirklichkeit ist die Doppelmoral gar nicht zu vermeiden. Innerhalb eines Menschen wirken viele unterschiedliche Kräfte und kein Kontext ist universal. Deshalb müssen wir die Moral entsprechend biegen, um inneren Frieden und Rechtfertigung finden.

Was ist richtig? Was ist falsch?

Diese Frage wird tatsächlich noch gestellt. Obwohl jegliche Antwort keine Gültigkeit beanspruchen kann. Diese Frage ist ein Skandal. Sie ist eine Frechheit und schamlos. Sobald man die eigene Position verändert, verändert sich die Perspektive. Weiß doch jedes Kind, lernt man doch schon in der Grundschule. Und durch die geänderte Perspektive, verändert sich der Gegenstand der Betrachtung. Wie soll man denn unter solchen Umständen schwarz und weiß voneinander unterscheiden? Wie soll man denn jetzt richtig und falsch auseinander halten? Wenn alles gleichsam gut wie böse ist? Mitunter deswegen werden wir irgendwann als Community auseinander brechen. Die Vielfalt ist unser Grab. Alle Menschen sind verschieden und irgendwann werden wir aus dieser Verschiedenheit heraus die gemeinsame Basis verlieren.

Differenzierung

Mir fehlt die differenzierte Betrachtung. Hinter jeder Aktion und hinter jedem Standpunkt steht eine Idee. Und diese Idee ist ebenfalls nicht der Ursprung. Vor der Idee steht eine Voraussetzung. Jede Idee braucht ein Bedürfnis und den richtigen Nährboden. Das ist das Eigentliche. Dort müssen wir hin. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Da müssen wir tiefer rein.

Das machen wir aber nicht. Wir halten uns mit unnützen Ideen auf. Ideen, die es gar nicht gäbe, ohne die Lebenswirklichkeit, die es dafür braucht. Deswegen kommen wir nicht richtig weiter. Es kostet so viel Kraft, den Gedankenträger vom Irrwitz seiner Gedanken zu überzeugen. Manchmal gelingt das tatsächlich. Einen Erfolg können wir trotzdem nicht feiern. Denn die Idee kehrt immer wieder zurück. Gedacht von einem anderen Menschen aus der gleichen Lebenswirklichkeit heraus.

Der Inhalt ist längst verloren gegangen und die Diskussion läuft in das Leere. Weil man gewöhnlich einen verschobenen Konflikt betrachtet und der Ausgangspunkt auf völlig anderen Ebenen liegt. Und wenn es wieder rumpelt, rufen alle alle, Scheiß Terroristen. Und manch einer denkt, Scheiß Muslime. Und das Netz antwortet darauf: I am a Muslim. Und die Offiziellen: Wir müssen die Finanzierung des Terrors unterbinden. Und keine Sau fragt danach, warum der Terrorist eigentlich ein Terrorist ist.

Die Antworten

Mir sind die Antworten zu wenig. Wenn die Nazis schreien, “Ausländer raus”. Dann schreit die Community, “Nazis raus!”. Und dann wird durchgezählt. Wie viele Leute haben „Ausländer raus!“ geschrien? Wie viele Leute haben „Nazis raus!“ geschrien? Und wenn die Community den Penisvergleich gewinnt, ist erst mal alles gut. Aber der Nazi ist immer noch ein Nazi. Der Nazi hat sich nicht verändert. Der Nazi ist immer noch da.

Strenggenommen unterscheiden wir uns gar nicht vom Nazi. Die Verdrängung des anders Denkenden. Aber kein Mensch fragt danach, wo kam eigentlich der Nazi her? Kann mir doch niemand erzählen, dass irgendein Mensch auf diesem Planeten gerne ein Nazi sein möchte. Der Nazi an sich ist ein Stellvertreterkonflikt und der Output eines anderen, ungelösten Problems. Aber damit will sich irgendwie niemand beschäftigen. Weil es viel schwieriger ist und ein sehr langwieriger Prozess, der keinen schnellen Erfolg verspricht.

Deswegen alle so: Scheiß Nazis! Wir müssen Nazis verbieten! Die müssen weg! Und dann startet die nächste Debatte und wir opfern das, was wir eigentlich beschützen wollten. Obwohl jeder weiß, dass nichts, wirklich gar nichts auf der Welt verboten werden kann. Das Leben findet seinen Weg. Das Verbotene verschwindet nicht. Das Verbotene bleibt, schiebt sich in den Untergrund und verliert damit nur seine Sichtbarkeit. Und dort entsteht in aller Stille ein neuer Fight Club. Und wenn der Fight Club die Welt in den Abgrund zieht, alle so: Warum hat das niemand kommen sehen?

Die Zugänglichkeit

Es gibt so tolle Argumente und diese Argumente laufen alle ins Leere, weil die Zugänglichkeit gar nicht gegeben ist. Weil Zugänglichkeit über Vertrauen gelegt wird. Wenn Menschen sich vertrauen, dann hören die Menschen einander zu. Wenn Misstrauen dazwischen steht, ist jedes Wort eine Verschwendung.

Zugänglichkeit ist ein Riesenthema. Wenn man frontal angegangen wird, sind alle Kanäle verschlossen und der ganze Mensch ist mit voller Kapazität auf Abwehr eingestellt. Und das passiert sehr häufig gleich im ersten Moment. Streng genommen soll man natürlich differenzieren und die Sache nicht persönlich nehmen. Das sagt man so, aber letztlich können das nur sehr wenige, weil der Mensch der Mensch und der Blickwinkel mit dem Menschen verwoben ist. Die operative Schließung ist eine innere Notwehr. Und da kommt nichts durch. Noch nicht mal Atombomben.

Deswegen probiere ich es immer genau andersrum. Ich lege denen erst einmal meine ganze Liebe auf den Tisch. All die Faschistentrolle, all die Dreckskapitalisten, all die Femnazis, scheißegal, die sollen sich reich bedienen. Die sollen das Gefühl mitnehmen und in sich tragen. Und vielleicht kommt dann irgendwann etwas kleines langsam ins Rollen.

Spiegelbild

Letztlich haben wir das alles verdient. Wir haben die Nazis verdient. Wir haben die Trolle verdient. Wir haben die Terroristen verdient. Wir haben die Amokläufer verdient. Wir haben die Shitstorms verdient. Wir haben all das verdient. Nicht die Betroffenen konkret, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Jede Gesellschaft hat sich seine Probleme selbst gemacht. All das Unglück existiert, weil die Gesellschaft an einer ganz anderer Stelle versagt hat, weil ein Mensch an unserem System versagt ist. Es ist immer wieder dasselbe. Probleme verschwinden nicht, sie schieben sich weiter auf völlig neue Ebenen und irgendwann beginnen sie in einem Ausmaß zu eskalieren, das jegliche Vorstellungskraft sprengt und nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem Ursprungsproblem zu tun hat. Aber das wollen wir nicht hören! Wir schauen in ein Spiegelbild. Wir sehen nur den Feind, wir sehen nur die Bedrohung, wir sehen nur das Böse. Aber unser eigenes Spiegelbild, das sehen wir nicht. Auf beiden Augen sind wir blind.

Es ist mir egal

Schon früher war alles falsch und nichts war richtig. Früher hab ich auch gegen alles und jedes andiskutiert. Ich war noch voller Jugend, mitten im Sturm und Drang und standesgemäß rebellisch. Auf dem Kreuzzug ins Glück! Und die Community hatte Sehnsucht – nach strenger Zurechtweisung und sozialer Innovation. Es hat also gepasst. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Heute ist immer noch alles falsch und nichts ist richtig.

Mittlerweile ist mir herzlich egal, welche Normen in der Community gelten, welche Werte gelebt werden, welche Konzepte angesagt sind. Es ist mir egal, welche Funktion für mich vorgesehen ist. Ich habe meinen eigenen Plan. Ich habe mein eigenes Verständnis meiner Aufgabe und es ist mir nur wichtig, dass ich diese Rolle im Zusammenspiel mit den Menschen, die ich liebe, aushandeln kann. Und ob ihr da draußen noch ein Problem mit Genderprogrammierung oder anderen Sachen habt, ist ohne Belang. Ich lackiere mir hier schon seit über zehn Jahren die Fingernägel.

Wo ist nur die Liebe geblieben?

Sie ist der wahre Schlüssel in der Debatte. Wo ist die Liebe? Die Liebe, die Brücken baut und Grenzen überwindet? Die Liebe, die keinen Unterschied zwischen den Menschen macht. Wo ist die Nächstenliebe? Die Nächstenliebe, welche ebenso diejenigen einschließt, die wir ablehnen? Wo ist die Barmherzigkeit? Die Barmherzigkeit, die den Sünder umarmt und nicht dessen Niederlage feiert? Wo ist die Vergebung? Die Vergebung, die immer wieder neue Chancen einräumt, obwohl das Versagen im Unendlichen konvergiert? Wo ist der Glaube daran, dass jeder Mensch gut ist und wir dieses Gute nur wecken müssen? Wo ist all das nur geblieben?

13. März 2015
Gesellschaft

Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen schreibt Marco ebenso gerne auf Twitter und produziert den Podcast Zirkusliebe.

Kommentare 3

  1. Heike 13. März 2015

    Mensch… Also… Mal wieder sensationell auf den Punkt!
    Ich freue mich schon auf Samstag :-)

  2. Pingback: “Ausnahmejournalismus” und Trauer im Netz | juna im netz

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