Zimtwolke

Es gab da mal so einen Tweet.

An diesen Tweet muss ich relativ häufig denken. Also immer dann, wenn ich mich bei einem neuen sozialen Netzwerk anmelde. Ich finde das nämlich heute schon total schwierig. Zumindest wenn man sich nicht mit Namen wie Wolfgang21cm_ oder LederUschi1965 zufrieden gibt, ist das wirklich eine Herausforderung. Der Mensch als Nummer, in dunklen Zukunftsphantasien bei Film und Fernsehen sieht man das recht häufig. Letztendlich wird unseren Kindern aber auch nichts anderes übrig bleiben als sich @22387ziwuz, @asd897zmh oder @welkuk3jh zu nennen. Weiß nicht, ob da Twitter so noch viel Spaß macht!

Illustration: Der Mensch als Nummer

Identitätsmanagement

Die Zeichenkette ist das eine, die Bedeutung ist das andere. Ich hab mich bei Twitter im April 2007 unter dem Namen @irrlicht angemeldet. Irrlicht? WTF?!?!?!?! Klingt schon irgendwie nach Psycho! Hab ich wohl grad eine ungünstige Lebensphase gehabt. Heute würde ich mir den Namen so nicht mehr auswählen. Die ganzen anderen Blogger heißen ja meistens auf allen Plattformen gleich. Ich frag mich immer, wie machen die das? Ham die sich noch nie einen Namen im Vollsuff ausgedacht und dabei ins Klo gegriffen? Also ich heiß überall anders. Zum Thema Identitätsmanagement könnt ich euch also echt was erzählen. Auf der re:publica15 wusste ich jedenfalls nie, unter welchem Namen ich mich vorstellen sollte. Manchmal komme ich bei all den Namen ja selber ein bisschen durcheinander (von der Konstruktion der jeweiligen Persönlichkeit ganz zu schweigen). Auf Ello heiße ich zum Beispiel @zimtwolke.

Illustration: Identität

Aber ich wähle die Namen nicht nur nach Lebensphasen, sondern manchmal denke ich mir auch was dabei (kommt vor). Die Zimtwolke hat tatsächlich einen echten Hintergrund. Und das kam so:

Das Mitbringsel aus Frankreich

Da war die Anna. Und die Anna war ein total liebes Ding, Blondschopf, immer putzmunter und fröhlich, auf die ganz charmante Art. Weil ich jetzt genau das Gegenteil bin, haben wir uns natürlich gleich ineinander verliebt. Was soll man da auch anderes machen!

Illustration: Anna

Nun wohnen wir hier nicht allzu weit von Frankreich weg und Annas Mutter hat mit ihrem damaligen Lebensgefährten oft Ausflüge im Elsass gemacht. Und was machen die Mamas dann immer so? Ja genau, die bringen Mitbringsel für die Kinder mit. Irgendwann bestand das Mitbringsel aus einem Duschgel mit dem Duft von Zimt. Das haben wir am nächsten Morgen in der Dusche natürlich gleich mal zusammen ausprobiert. Das war schon irgendwie lustig, diese Zimtnote. Und weil wir das so lustig fanden, hat Annas Mutter immer wieder dieses Duschgel mitgebracht. Tja, was soll ich sagen, die Menge macht das Gift und irgendwann waren wir halt süchtig danach.

Features

Im Zimt-Duschgel waren so kleine Steinchen drin, damit konnte man quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sich beim Duschen gleich ein Peeling verpassen. Der reine Wahnsinn! Man kann sich das gar nicht richtig vorstellen. Zimt ist ja eigentlich eher was für’s Weihnachtsgebäck. Aber das ist total falsch gedacht. Das passt nämlich in jede Jahreszeit hinein und sogar auf den eigenen Körper. Das glaubt man leider erst, wenn man es selbst ausprobiert. So wie Twitter, das kann man auch nicht erklären. Twitter versteht man erst, wenn man es selbst ausprobiert.

Illustration: Duschgel

SuperU

Jedenfalls bin ich seitdem alle halbe Jahr nach Frankreich gefahren und habe eine Tasche voller Duschgel gekauft. Dieses Duschgel gibt es nämlich bei uns leider nicht. Es ist eine Eigenmarke des SuperU und der SuperU ist so eine Supermarktkette in Frankreich. Wobei das immer eine saupeinliche Angelegenheit war. Da stehen die Kunden an der Kasse und legen ihre Einkäufe aufs Band und dann komme ich und lege gefühlt 100 Tuben Duschgel hin. Ich war immer heilfroh, wenn ich wieder aus dem Supermarkt raus war. Die Blicke der Leute, das muss man erst mal aushalten. Immerhin hab ich mich mit dem Sachverhalt getröstet, dass es wohl noch andere Süchtige geben muss. Jedes Duschgel hatte im Regal zwei Reihen, außer das Duschgel mit Zimt – das hatte ganze sechs Reihen. Fünf Reihen hab ich dann mitgenommen und die letzte Reihe war der Anstandsrest.

Illustration: SuperU

In Deutschland ist der private Einkauf übrigens nur in haushaltsüblichen Mengen erlaubt. Wie sich diese Sachlage in Frankreich verhält, hab ich mich nie getraut zu recherchieren. Zum Schluss wäre ich noch kriminell gewesen und kriminell wollte ich natürlich nicht sein.

Risk Management

Mir fällt jetzt leider keine Brücke ein, die vom SuperU zum Projekt Management führt, aber im Projekt Management gibt es die Methodik des Risk Management. Im Risk Management werden mögliche Risiken, die den Projekterfolg gefährden, gesammelt und klassifiziert. Damit hört die Sache meistens leider auf, weil der Project Manager sagen kann, guck, ich hab Risk Management gemacht (falls er gefragt wird). Der nächste Schritt bestünde eigentlich nun darin, Strategien für die einzelnen Risiken zu erarbeiten. Eine dieser Strategien nennt sich “Transfer”. Beim Transfer schiebt man die Zuständigkeit für das Risiko einfach auf ein andere Person. Voll praktisch also! Deswegen hab ich versucht, diesen Ansatz auf den Einkauf in Frankreich anzuwenden. Und wann immer sich die Möglichkeit ergeben hat, hab ich Freunde damit beauftragt.

Illustration: Brettspiel Risiko

Wie eine Drogenszene entsteht

Lukas, ein Freund meiner Schwester, war damals ab und an in Frankreich unterwegs. Und immer wenn er in Frankreich unterwegs war, hat er mir Duschgel mitgenommen. Irgendwann hat er dann leider den entscheidenden Fehler gemacht: er hat sich selbst auch ein paar Tuben gekauft. Isser natürlich gleich süchtig geworden. Und damit kam so eine Kettenreaktion in Gang. Sein Bruder hat’s ausprobiert, süchtig. Sein Papa hat’s ausprobiert, süchtig. Meinem Beschaffungsprozess hat das voll gut getan, ich musste immer seltener nach Frankreich fahren.

Illustration: Putzen

Irgendwann hat die Chefin (die Mama vom Lukas) der Sache leider einen Riegel davor geschoben. Nicht, weil das so arg sophisticated wäre, nach Frankfreich zu fahren, um sich Duschgel zu kaufen. Nein, das Problem war ein gänzlich anderes. Jetzt muss man wissen, das Duschgel ist nämlich so bräunlich (wie Zimt halt). Das allein ist natürlich unproblematisch. Das Problem ist aber, bei dauerhaftem Konsum färbt sich mit der Zeit die Dusche bräunlich ein. Also muss man öfter putzen und das war der Mama dann doch der Liebe zu viel.

Was bleibt

Bin ich halt wieder selbst nach Frankreich gefahren. Hat mir natürlich nicht so gut gefallen. Anna und ich sind irgendwann auch wieder getrennte Wege gegangen. Aber es bleibt halt immer etwas hängen. Dagegen kann man einfach nichts machen. Die Zimtwolke in meiner Knutschzone ist über die Jahre ein bisschen zu meinem unique Markenzeichen geworden. Was aber natürlich nur die Leute wissen, die Zugang zu meiner Knutschzone haben.

Illustration: Knutschzone

Zeiten ändern sich

Und dann stand ich letztens im SuperU und mich traf es wie ein Blitz. Ich vor dem Regal und im Regal kein Duschgel mit Zimt. Und weil da keine 6-reihige Lücke war, nehme ich an, dass es aus dem Sortiment genommen wurde. Im ersten Moment kann man das gar nicht richtig verarbeiten. Zum Glück hatte ich mir zuhause einen Geheimvorrat für Notfälle angelegt. So von 100 auf 0, ich will gar nicht wissen, wie mein zarter Körper da reagieren würde. Jedenfalls, seitdem bin ich auf der Suche nach Ersatz (bisher erfolglos). Ein paar Tage darauf hab ich mich bei Ello angemeldet und das war eine gute Gelegenheit dieser Geschichte ein kleines Denkmal zu setzen.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
5 Kommentare
  1. marco
    Heike 4. Juli 2015

    Du bist echt sooooo cool :-)

  2. marco
    Koelschgirl 4. Juli 2015

    Und wenn du dir dein Zimt-Duschgel selber mixt? Neutrales, parfümfreies Duschgel mit einem guten Zimt-Duftöl mischen zum Beispiel?

  3. marco
    marco 4. Juli 2015

    @Koelschgirl
    Eigentlich eine coole Idee. Könnte ich tatsächlich mal ausprobieren. Vorallem weil ich noch keine Alternative gefunden hab und mich das zunehmend frustriert.

  4. marco
    zeilentiger 5. Juli 2015

    Gigantisch.

  5. marco
    neontrauma 13. Juli 2015

    Sehr schön, wenn auch mit tragischem Ende, so auf Entzug…!
    Ich aß neulich Zimteis. Könnte man vielleicht auch zum Duschen nehmen, gerade so im Sommer. :D

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