Die armen Gänse

Sankt Martin wird am 11. November gefeiert. Das Brauchtum geht auf Martin von Tours zurück. Martin von Tours wurde 316 oder 317 (man weiß es nicht genau) nach Christus geboren. Er war Sohn eines römischen Militärtribuns und deswegen auch von Beruf Soldat. Der Erzählung nach traf Martin eines Winters auf der Straße einen leicht bekleideten Bettler, der ihn um eine Gabe bat. Daraufhin teilte Martin mit dem Schwert seinen eigenen Mantel und gab eine Hälfte dem Bettler. In der folgende Nacht erschien ihm Gott im Traum und Gott gab sich als jener Bettler zu erkennen. „Was immer ihr einem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Nach dieser Offenbarung gab er den Soldatendienst auf und ließ sich taufen. Fortan verschrieb Martin sein Leben dem Christentum und wurde nach einigen Jahren sogar zum Bischof berufen. Er pflegte ein asketisches Leben und selbst im Amt des Bischofs wohnte er in einer Holzhütte vor der Stadt. Gestorben ist Martin am 8. November 397. Beigesetzt wurde er drei Tage später am 11. November. Nach seinem Tod wurde Martin von Tours von der Kirche heiliggesprochen. Der heilige Sankt Martin gilt als barmherziger Schutzpatron der Reisenden, Bettler und Armen.

Illustration Heiliger Sankt Martin

Traditionell wird Sankt Martin gerne mit einem Gänsebraten gefeiert. Dieser Brauch rührt von der Erzählung, dass Martin gar nicht begeistert war, als er zum Bischof berufen wurde. Er hielt sich des hohen Amtes für nicht würdig. Daraufhin versteckte er sich in einem Gänsestall. Das war aber leider eine ganz schlechte Idee, denn die Gänse verrieten ihn durch ihr Geschnatter recht schnell. Tja, und den Gänsebraten gibt’s seitdem quasi als Tribut der Buße (schlecht gelaufen). Eine andere Interpretation besagt, dass einmal eine Schar von Gänsen die Predigt von Bischof Martin gestört hätte, wonach man sie gefangen und verspeist hat (auch nicht besser). Wobei die Wissenschaft davon ausgeht, dass diese Legenden erst viel später erdichtet wurden und sich der traditionelle Gänsebraten aus dem damals üblichen Lehnzins sowie den Feierlichkeiten zum Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahrs entwickelt hat. Insgesamt ist die Gestalt des heiligen Sankt Martin erstaunlich reich an lehrreicher Dichtung und schöner Erzählung.

Illustration Laternenumzug Sankt Martin

Der Laternenumzug zum Martinstag geht übrigens auf die Überführung seines Leichnams zurück. Martin von Tours war unter dem Volk sehr beliebt und nach seinem Tod wurde der Leichnam im Rahmen einer Lichterprozession nach Tours überführt. Der Laternenumzug wird heutzutage meist von Kindergärten, Grundschulen oder Städten veranstaltet und endet oft mit einem Martinsfeuer. Irgendwie ein schönes Brauchtum, wenn Kinder mit Laternen durch die Nacht schreiten. Wobei das Basteln der Laterne die lieben Eltern schon auf eine harte Probe stellt. Bruchstückhaft habe ich noch ein paar Erinnerungen aus meiner Kindheit. Im Sinn ist mir noch ein Reiter, ein Pferd, ein Brezelsack und die Lieder.

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.

  1. Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Brenne auf mein Licht, Brenne auf mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht.
  2. Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Sperrt ihn ein, den Wind, Sperrt ihn ein, den Wind, er soll warten, bis wir alle zu Hause sind.
  3. Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Bleibe hell, mein Licht, Bleibe hell, mein Licht, denn sonst strahlt meine liebe Laterne nicht!

Ähnlich wie der Fisch zum Karfreitag wartet die Gastronomie am 11. November traditionell mit Gänsebraten auf. So war das auch immer in der Gaststätte meiner Eltern. Bis auf wenige Ausnahmen gab es am Martinstag auf der Karte vorwiegend Gans in verschiedenen Variationen. Mit den Jahren wurde das Martinsgansessen in der Gaststätte so beliebt, dass es sich zeitlich ausdehnte und an weiteren Tagen durchgeführt wurde. Mittlerweile findet das Gänseessen unabhängig von Sankt Martin den ganzen November über statt und ist mehr oder weniger schon Wochen im Voraus ausreserviert. Und seit einigen Jahren kann man sogar noch im Dezember auf Vorbestellung Gans essen.

Logo Gänseessen Spelzenhof

Als Jugendlicher habe ich mein Taschengeld oft in der Gaststätte aufgebessert. Ich stand entweder hinter der Theke oder habe als Bedienung gearbeitet. Dabei wurde ich von meinen Eltern genauso wie die anderen Helfer bezahlt. Ich freute mich jedes Jahr auf das Gänseessen. Hauptsächlich natürlich weil man zwischendrin den ganzen Tag aus der Küche etwas Gans stibitzen konnte. Das Gänseessen ist vom Ablauf her viel harmonischer als der Regelbetrieb. Durch die Fokussierung auf ein Gericht läuft irgendwie alles viel reibungsloser und organisierter. Auch die Gäste nehmen zum Gänseessen viel mehr Zeit und Gemütlichkeit mit. Außerdem (das darf man auch nicht vergessen) gab’s da auch mehr Trinkgeld. Alles was Vorteile hat, hat aber auch Nachteile, denn nach vier Wochen konnte man dann auch keine Gans mehr sehen.

Spelzenhof Weihnachtsdekoration

Der November läutet für mich auch ein Stück weit Weihnachten ein. Ich beginne schon früh damit, mir Gedanken über Geschenke zu machen und die vorweihnachtlichen Arbeiten zu planen. Letztendlich will damit vermeiden, alles auf die letzten Minuten zu erledigen, gehetzt in das Weihnachten hineinzufallen und damit keinen Zugang mehr zu finden (was in der Vergangenheit durchaus schon öfter passiert ist). Mir liegt viel daran, auch schon die Vorweihnachtszeit zu genießen und mich besinnlich einzustimmen. Das Gänseessen nehme ich jedes Jahr zum Anlass, um mich mit guten Freunden und Menschen zu treffen, mit denen ich im zurückliegenden Jahr besondere Schnittpunkte hatte. Auch dieses Jahr reservierte ich an mehreren Abenden bei meinen Eltern.

Flyer Vorweinachtszeit Spelzenhof

Vor einigen Jahren hat meine damalige Abteilung auch ab und an mal die Weihnachtsfeier bei meinen Eltern in der Gaststätte gemacht. Davon ausgehend hat sich das Gans Essen irgendwie unkontrolliert im ganzen Unternehmensbereich herumgesprochen. Jedenfalls, hab ich zum Gans Essen dort jetzt eigentlich keine Ruhe mehr und treffe ständig Kollegen. Nicht selten erhalte ich auch auf der Arbeit eMails mit der Frage, ob es noch Tische gäbe, und ob ich da was machen könnte? (Leider nicht! Soll man nicht denken, aber ich werde da in keinster Weise bevorzugt). Als ich dieses Jahr mein ersten Termin zum Essen hatte und die Scheune betrat, begrüßte mich der Betriebsrat und die Kollegen vom Project Management Office. Am nächsten Abend hatte ich mich grad gesetzt und als ich mich halb umdrehte, um meine Jacke auf der Stuhllehne aufzuhängen, grüßte mich ein Kollege vom Change Management vom Nachbartisch. Und letztens durfte ich sogar die Eltern jenes Project Managers kennenlernen, der ein bisschen mein Vorbild auf der Arbeit ist.

Logo Gänseessen Spelzenhof

Auch mit meinen Geschwistern gehe ich traditionell am Jahresende zum Gänse essen bei meinen Eltern. Wobei wir dieses Jahr erstmalig noch ein weiteres Mal in einem Lokal an der südlichen Weinstraße einkehrten. Nachdem die Getränke bestellt waren, kam dort der Koch sogar persönlich an den Tisch und zeigte uns die Gans bevor sie in den Ofen kam. Das hat sich ein bisschen so wie bei der Bestellung einer Flasche Wein angefühlt, wenn man den ersten Schluck probiert, bevor der Kellner die Gläser füllt. Insgesamt ein schöner Abend bei der Konkurrenz und die Gans hat auch wirklich gut geschmeckt. Aber lange nicht so gut wie im Spelzenhof, da waren wir uns alle einig.

Die Weinstube hat sich mittlerweile in die Winterpause verabschiedet. Weihnachten selbst ist bei uns in der Familie eigentlich weitgehend eine gänsefreie Zeit. Einmal Gans essen geht aber noch und ich freu mich schon auf die Neujahrsgans.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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