Das ABC des kleinen Mülleimers

Müll, ein kleines Wort, aber viel dahinter. Müll ist eigentlich schon viel zu pauschal. Es gibt Hausmüll, Restmüll, Bioabfall, Altpapier, Leichtstoffverpackungen (Gelber Sack), Sperrmüll und sogar Sondermüll. Jeder dieser Mülltypen hat seine eigene Tonne und einen spezifischen Abtransport. Und damit geht das Drama auch erst richtig los, denn jeder Müll besitzt sein eigenes individuelles Wertstoffkreislaufsystem. Noch viel spannender ist aber die Frage, was der Müll über den Menschen selbst aussagt. Ein anderes Wort für Müll ist beispielsweise Überrest. Und warum gibt es das überhaupt, Überrest? Kann man mit diesem Rest tatsächlich nichts anders anstellen als in die Tonne werfen? Ich möchte hier aber nicht nur über Müll diskutieren, sondern im gleichen Atemzug einen aktuellen Beitrag zur Twitter-Forschung abliefern, auch wenn das im ersten Moment schon etwas komisch klingt. Aber bei der Frage, was ist Twitter, und was machen wir dort, da sind wir doch bisher auch noch nicht wesentlich weitergekommen, oder?

Jedenfalls, der Müll und ich, wir haben eigentlich gar kein so schlechtes Verhältnis. Das fängt schon bei der Mülltrennung an. Mülltrennung find ich super, weil ich total gerne sortiere und strukturiere. Wenn alles seine Ordnung hat, da geht mir die Seele auf. Bevor man den Müll trennen kann, muss der Müll aber erst mal entstehen. Das ist aber ganz einfach und funktioniert quasi automatisch. Nun begab es sich vor Jahren, als ich bei meinen Eltern auszog, dass ich mir für die erste eigene Wohnung zwei Mülleimer kaufte. Einen fürs Bad, einen für die Küche (Papierkorb zählt jetzt mal nicht, Papierkorb ist außen vor). Derjenige fürs Bad ging leider nach kurzer Zeit kaputt (Ikea halt), danach hatte ich nur noch einen Mülleimer. Die Gesamtsituation im Haus gestaltete sich so, dass unsere Mülltonne ein Volumen von 240 Litern besaß. Für insgesamt 13 Parteien war das schon challenging. Im Alltagsbetrieb hat das zwar schon gereicht, aber wehe da hat jemand eine Party gemacht oder seinen Kühlschrank entrümpelt. Unter solchen Umständen hat man sogar gelernt, den Müll ein paar Tage früher rauszubringen.

Diese Situation hat sich glücklicherweise mittlerweile geändert und man muss den eigenen Müll auch nicht mehr bei der nächsten Hausnummer einwerfen, wenn die Nachbarn mal wieder schneller waren. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr das zum guten Miteinander beiträgt. In der Einzelfallbetrachtung habe ich mich in diesem Durcheinander aber immer gut geschlagen. Meinen ersten Mülleimer, den von damals, also derjenige Mülleimer, der nicht kaputt gegangen ist, den hab ich immer noch. Bis heute habe ich mein Mülleimer-Portfolio auch nicht erweitert. Und dann hab ich gedacht, da mach ich mal einen Tweet draus.

Wenn man sich nun selbst die Frage stellt, warum man einen solchen Tweet schreibt, so wüsste ich keine Antwort darauf. Ist am Ende aber auch egal, schließlich muss nicht alles im Leben einen Sinn ergeben. Außerdem richtet dieser Gedanke in seiner Neutralität ja auch keinen Schaden an und bringt keine fremden Gemüter in Wallung. Jetzt ist es aber so, wenn man in das Internet hineinschreibt, dann schreibt das Internet manchmal auch zurück. Was in diesem Fall schließlich auch passiert ist.

Ich bin leider gleich am ersten Satz hängen geblieben und konnte die Optionen gar nicht richtig in Augenschein nehmen. Es war mir echt nicht möglich, diese seltsame Aussage im ersten Satz zu überwinden. Was will sie denn jetzt damit sagen? Warum nennt die mich Künstler? Da ist doch irgendwie komisch. Wie ist das nur gemeint? Die Sachebene überforderte mich auf allen Kanälen und andere Ebenen waren leider nicht verfügbar. Das hat mich richtig wuschig gemacht. Davon abgesehen hätte ich aber auch nicht gewusst, wie lang die „Nas“ ist. So viel Bedenkzeit blieb mir auch gar nicht, weil das Internet unmittelbar mit sich selbst reagierte.

Jetzt wollte ich schon rufen: Ja!!! Ja!!! Es ist F. Es ist F. Natürlich ist es F, ich bin voll super und überhaupt. Dann kam aber Option G in meine Augenwinkel und immer wenn das Wort Mutter fällt und zeitgleich von einer Frau ausgesprochen wurde, reagieren Männer schon manchmal etwas problematisch. Diese Mutmaßung hat mich dann doch ganz schön frustriert und damit war das schöne F irgendwie kaputt. Das nervt! Immer wenn ich denke, ich bin so cool und die anderen sehen das auch, dass ich so cool bin, erhalte ich im nächsten Moment eine Lektion in Sachen Demut.

Ich sag mal so, die Bewohner dieses Paralleluniversums, die fänden das sicherlich gar nicht lustig. Die hätten dann ja quasi den Müll doppelt. Also ihren eigenen Müll und den Müll von mir. Was sollen die nur mit dem ganzen Müll machen? Nee, das würde ich mich nie trauen, dazu bin ich einfach zu anständig. Zum Schluss ist noch mit Gegenwehr zu rechnen und für den ersten Weltenkrieg möchte man ja auch nicht verantwortlich sein. Außerdem will ich mir es nicht mit dem Universum verscherzen, schließlich bin ich ein guter Kunde und bestelle dort regelmäßig. Die Lieferungen gehen zwar oft an die falsche Adresse, aber die Freude der Anderen ist ja auch eine Freude.

Mittlerweile war es mir nicht mehr möglich, mich in die Diskussion einzuschalten. Da hatte sich zu viel Erfolgsdruck aufgebaut und mir sind keine qualitativ ebenso lustigen Antworten eingefallen. Man will sich ja auf Augenhöhe begegnen. Die veranschaulichte Kreativität hatte mich auch zu sehr eingeschüchtert. Bin ja quasi per default schon automatisch schüchtern, kann man sich also nicht ausdenken, wie schüchtern mich die Situation ontop gemacht hat. Außerdem waren die zwei Mädels ja richtig im Flow, also bloß nicht stören.

Määäääää… jetzt habe ich schon so viel #foodporn getwittert und das war scheinbar alles umsonst. Ist schon ein bisschen traurig. Vielleicht sollte ich auch mal sicherheitshalber dazu schreiben, dass ich den ganzen Scheiß nicht nur (ohne Filter) selbst fotografiert, sondern auch selbst gekocht habe. Aber immerhin werden meine #foodporn Tweets auch gefavt und retweetet (zumindest wenn ich ein Hashtag für den Bot dran mache).

Jetzt verstehe ich die Sache mit der Pfanne endlich! Soll noch mal einer sagen, das Internet bildet nicht. Twitter macht mich jeden Tag ein Stück schlauer.

Physik konnte ich noch nie leiden! Wir hatten da einen voll strengen Lehrer. Der konnte mich nicht leiden. Was aber eigentlich auch kein Wunder war. Schließlich konnte ich ja sein Fach ebenso nicht leiden. Außerdem war der Lehrer voll fies drauf. Kann mich noch erinnern, als er sagte, Kinder, nicht in den Infrarot-Laser gucken! Hab ich gleich mal reingeguckt! Hat natürlich Aua gemacht. Das war doch die pure Absicht, oder? Schließlich wissen Pädagogen ganz genau, wie rebellierende Jugendliche reagieren. Machen immer das, was sie nicht machen sollen.

Und da war es geschrieben, das kleine ABC des Mülleimers. Ist das nicht wunderbar? Und jetzt könnte ich auch die Frage beantworten, warum ich diesen Tweet geschrieben habe.

Ja, und wie ist das jetzt eigentlich mit meinem Müll? Gute Frage! Ich hab zwar schon länger im Verdacht, dass ich mit meinem Mülleimer-System etwas aus der Reihe tanze (zumindest, wenn ich mir die ganzen anderen Mülltüten in der Mülltonne ansehe), aber es fühlt sich für mich nicht unbedingt so an, als würde ich wenig Müll produzieren, ganz im Gegenteil. Letztens habe ich meinen Hausstand ausgemistet. Nun sind Gegenstände sehr schnell und einfach gekauft, aber eine wertstoffgerechte Entsorgung oder die Überführung in einen weiteren Verwendungszweck, das kostet richtig viel Zeit und Energie. Beides hat man in der Regel nur sehr begrenzt und allokiert das auch lieber in anderen Dingen. Also landen viele Sachen als schnelle Lösung am Ende doch auf dem Müll, wo sie eigentlich nicht hingehören. Die Strafe ist ein innerer Ekel vor Dingen, der mit einem Versprechen einhergeht: Nie wieder! So oder so, im Alltagsbetrieb komme ich aber mit meinem kleinen Mülleimer mit 5-Liter Volumen ganz gut zurecht.

Das ganze Mülleimer-ABC ohne nervige Kommentare?

Grafik Storify

Und überhaupt, ist es nicht auch bemerkenswert, was aus so einem kleinen Tweet unvermutet alles erwachsen kann? Der losgelassene Gedanke treibt durchs Universum und stößt irgendwo irgendwie einen anderen Gedanken an. Und dieser neue Gedanke vermischt sich mit den alten Bestandsgedanken des Gedankenträgers und entwickelt seine eigene spezifische Kraft. Diese Kraft schiebt weitere Kräfte an und setzt das Leben insgesamt in Bewegung. Der Mensch kombiniert sich also mit anderen Menschen und durch diese Kombination infizieren und inspirieren sich die Menschen gegenseitig. Das geschieht eindringlich, radikal und permanent.

Wir wachsen also nicht nur aus uns selbst heraus, sondern unser eigenes Wachstum bedingt sich aus einer Fremdeinwirkung. Wir gestalten nicht nur unser eigenes Leben, sondern entwickeln durch bloße Existenz ebenso das Leben der Anderen. Es ist auch völlig egal, ob dabei nur Schabernack für den Augenblick oder nachhaltige Strukturerschütterungen entstehen. Die Gedanken sind ein Virus und durch diesen Virus werden wir fortlaufend transformiert. Diese Inspiration erleben wir sehr bewusst, aber das Umkehrbild (die Inspiration der Anderen durch uns selbst) bleibt meistens ungesehen, was sehr schade ist.

Nun, die oben angesprochene Entrümpelung geschah nicht ohne Grund. Irgendwie hat es sich für mich seit längerer Zeit so angefühlt, als ob mich all meine Sachen innerlich erdrücken würden. Die Sachen mussten also weg, um noch Platz für mich selbst zu lassen. Dieses Bedürfnis war aber unvollständig. Irgendwie hat etwas gefehlt, um das Vorhaben letztendlich auf den Weg zu bringen. Ein kleiner Funke, ein Anstoß oder eine Triebfeder. Von dieser Problematik hat Frau Momo natürlich nichts gewusst und noch viel weniger, dass der fehlende und wesentliche Impuls auch durch ihr eigenes minimalistisches Wirken beigesteuert wurde. Genau genommen verändern wir Einzelmenschen die Welt und ihre Dinge viel stärker und konkreter als wir jemals denken und vermuten würden.

Und wenn der Humor von Gitte letztendlich nicht so wunderbar ansteckend wäre (sie wirft auch gerne Himbeeren), dann würden dieser Dialog, dieser Text und alles, was damit einher kam, gar nicht existieren. Das wäre doch eigentlich ganz schön traurig, oder?

9. November 2014
Persönliches
Creative Commons
Tweets ausgeschlossen.

Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen schreibt Marco ebenso gerne auf Twitter und produziert den Podcast Zirkusliebe.

Kommentare 9

  1. Gitte Härter 9. November 2014

    Wie schön!
    So lustig.
    So interessant.
    So bewegend.

    … was da alles an Gedanken rumschwirrt, wos am anderen Ende gar keinen gab. ;-)

    Es war – und ist – mir ein Vergnügen.

    PS: Mülleimer-Portfolio!

  2. Nicole 9. November 2014

    Sensationell! Ich bin begeistert! Zeigt wieder einmal, was ich alles verpasse durch meine extrem sporadische Anwesenheit auf Twitter. Nun noch zwei Gedanken. Nr. 1 zum Thema: Wenn ich, trotz des Amüsements über das Müll-Alphabet, richtig aufgepasst habe, trennst du deinen Müll akribisch. Nun, nach meinem Verständnis müsstest du dann auch weitere Behälter besitzen. Davon ausgehend, dass besagter Mülleimer den Restmüll fasst, sollten da doch noch Behälter für Bio-Müll & Gelb-Sackmüll vorhanden sein, ooooder?

    2. Kennst du eigentlich meinen machen-Spleen? Frag mal Heike. Es geht darum, dass das Verb machen in 98% aller Fälle durch ein adäquateres ersetzbar ist … Um es positiv zu formulieren: An zwei Stellen in deinem Text war ich angenehm überrascht davon, dass du machen durch ein aussagekräftigeres Verb ersetzt hast ;)

  3. Frau Momo 9. November 2014

    So gut!!!

    Habe mich heute wie damals sehr amüsiert.

    Ich bin ziemlich angetan, welch‘ inhaltlichen Bogen du spannst. Da geht es um Müll & Müllarten, dein Verhältnis zu Müll & Nachbarn und um liebenswerte Einsichten in dein Seelenleben: „Mülltrennung find ich super, weil ich total gerne sortiere und strukturiere. Wenn alles seine Ordnung hat, da geht mir die Seele auf.“ Twitter-Forschung im Allgemeinen und Speziellen und das Internet, das manchmal auch antwortet – im Gegensatz zum Universum, das mit seinen Lieferungen an dich im Rückstand ist. Paralleluniversen und Erfolgsdruck bei viraler Kreativität, Minimalismus und Entrümpeln sowie die Frage, wie wir uns alle gegenseitig beeinflussen und inspirieren: „Genau genommen verändern wir Einzelmenschen die Welt und ihre Dinge viel stärker und konkreter als wir jemals denken und vermuten würden.“

    Ich danke dir für diesen Blumenstrauss an Gedanken & Würdigung.

    Herzlich & augenzwinkernd, die Frau Momo

    P. S. Und natürlich wusste ich, dass ich mit s) völlig daneben liege … aber genau deshalb hat es Spass gemacht, diesen Punkt aufzunehmen. ;-) Dafür strafte mich stande pedes mein Tippfehler-Fluch.

  4. marco 10. November 2014

    Danke!!! Ich weiß gar nicht so richtig, was ich jetzt sagen soll (ich freu mich voll). Eigentlich dürfte ich diese Komplimente gar nicht annehmen. Letztendlich habe ich Gitte und Frau Momo ja nur remixt – that is all for you!

    @Nicole

    1.
    Haste awa gut aufgepasst, meine Liebe! Ich habe tatsächlich noch zwei weitere Behälter, wobei Behälter nicht das richtige Wort ist, das eine ist ein Sack (Gelber Sack) und das andere ist ein Korb (Papierkorb). ;-) Biotonne haben wir leider nicht. Bioabfall wird in Mannheim zwar angeboten, aber Biotonne ist derzeit auf meiner Hausnummer noch nicht mehrheitsfähig. In der Konsequenz ist mein Restmüll also Biomüll + Restmüll. Tatsächlich hätte ich eigentlich fast gar keinen Restmüll, weil mein Müll weitgehend nur aus Biomüll besteht (wenn ich so drüber nachdenke). In meinen Gedanken denke ich Müll immer im Kontext von Restmüll. Restmüll ist der einzige Mülltyp, der kein Wertstoffkreislaufsystem hat (also echter Müll).

    2.
    Nee, den Spleen von dir kenne ich nicht (kann es mir aber gut vorstellen). Ist klar, dass ich natürlich keine Ahnung hab, an welchen Stellen ich das aussagekräftigere Verb benutzt habe (Random Success).

  5. Zamyat M. Klein 11. November 2014

    Zauberhaft! Da bin ich doch noch morgens vor dem Yoga hier hängen geblieben und habe mich festgelesen, obwohl ich eigentlich nur meinen „Morgenschrei“ bei Twitter posten wollte.
    Aber das liest sich wirklich wunderbar, witzig, sprachlich herrlich und auch mit Tiefgang. Danke!
    Und Gitte und Frau Momo übertreffen sich natürlich mal wieder selber- einfach köstlich! War völlig an mir vorübergegangen, weil ich in der letzten Zeit wenig twitterte und viel arbeitete :-)

    Nun folge ich also noch einem mehr…und freue mich auf weiters Mundwinkelhochziehen!
    Zamyat

  6. marco 11. November 2014

    Jetzt muss ich ehrlicherweise einräumen, dass es sonst auf diesem Blog eigentlich nicht so lustig zugeht. Aber immer nur Klugscheißen ist halt auch doof. Deswegen freut es mich immer voll, wenn ich zur Abwechslung mal was zum Lachen einschieben kann. Vielleicht sollte ich das öfter mal machen.

  7. Leonie Walter 12. November 2014

    Sehr schön! Das Mülleimer-A-Z! Wer hätte gedacht, dass es so was gibt!
    Hat mich sehr gut unterhalten! :-)

    Viele Grüße
    Leonie Walter

  8. Pingback: #30skizzen

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