Musik aus der Wolke

Irgendwas mit Schall, Geräusch und hörbarem Bereich. In nächster Nähe spricht man von Tonleiter, Klangfarben und Melodien. Die Definition aus dem Lehrbuch beschreibt organisierte Formen, Tonbeziehungen und Mehrstimmigkeit. Wippen, Tippen und Bewegen. Wie sie uns umhüllt und wie sie uns verdreht. Was ist Musik? Eine andere Geschichte ist, wie sie uns begegnet. Und wie sich die Art der Begegnung über die Jahre verändert hat.

Als Kind hab ich sehr gerne Hörspiele gehört. Auf Kassette. Nils Holgersson oder Masters of the Universe. Aber auch Biene Maja oder die drei Fragezeichen. Irgendwie war das aufregend und vor dem inneren Auge entstand meist ein wahrer Bilderregen. Die Hörspiele wurden nie langweilig, auch nach mehrmaligem Hören. Und die Kassetten waren total praktisch. Das kam dem Kindergeschick entgegen. Nur selten gab es Kabelsalat und Tränen.

Selbst heute noch feiert unser Dorf einmal im Jahr ein Volksfest. Damals begann ich irgendwann meinen Kassenrekorder mit auf das Fest zu nehmen. Ich hab mich damit immer direkt vor die Bühne gesetzt, hab den spielenden Musikern zugesehen und ihre Musik aufgenommen. Die Qualität der Aufnahmen war natürlich eine Katastrophe. Mich hat das nicht gestört. Ich hab mir die Bänder unendlich oft angehört.

Nach einigen Jahren kam der Sturm mit dem Drang und was in der Bravo stand, war wichtiger als das, was unsere Eltern sagten. Eine schwierige Zeit. Ich war damals oft neidisch auf meine Freunde in der Stadt. Die hatten Privatfernsehen und MTV. Rund um die Uhr wurden dort neue Trends gesetzt und Musikvideos gespielt. Bis das alles bei mir ankam und ich mir die neusten Hits überspielen konnten, waren sie schon längst veraltet. Wenn ich ein neues Lied hörte und es mir gefiel, hab ich mich oft nicht getraut, nach dem Interpreten zu fragen. Aus lauter Angst vielleicht von gestern zu sein.

Auf den Klassenfahrten hatten wir Walkmans und unsere Lieblingskassetten dabei. Oft waren das selbstgeschnittene Zusammenstellungen, die man mit den damaligen Doppelkassettenrekordern mit viel Liebe aufgenommen hat. Dazu musste man die Originalkassette in die linke Seite und eine Leerkassette in die rechte Seite des Rekorders legen. Und dabei zeitgleich auf „Play“ und „Rec“ drücken. Wenn man auf dem Walkman ein Lied erneut hören wollte, musste man die Kassette mühsam zurückspulen. Das dabei entstehende Geräusch wäre heute wie aus einem anderen Universum. Die richtige Stelle im Band zu treffen glich beinah einem Lottogewinn, aber mit der Zeit entwickelte man dafür ein Gefühl. Was ist das Geheimnis, dass man daran sehr gerne zurück denkt?

Nach einiger Zeit kam die Compact Disc auf den Markt. Und die Welt wurde endlich wieder zur Scheibe. Für die Industrie war das ein wahrer Segen, denn wir mussten all unsere Lieblingsalben noch mal auf Compact Disc nachkaufen, was wir auch fleißig taten. Mensch, das war so ein Quantensprung. Um ein Lied auf einem Album vorzuspringen, musste man nur einen Knopf drücken und eine Sekunde später wurde das nächste Lied gespielt. Auf dem Walkman folgte gleich der Discman. Ich hatte dieses Gerät damals übersprungen. Ich war schon froh und dankbar, dass ich mir von meinem Konfirmationsgeld eine kleine Anlage zum Abspielen der Compact Discs kaufen konnte.

Endlich 18 und der Führerschein. Das mp3 etablierte sich als Dateiformat für Musik und das Internet nahm langsam richtig Fahrt auf. Und somit standen auch schon Napster und Kaaza vor der Tür. Das war einfach nur unglaublich. Man konnte alles einfach so aus dem Internet herunterladen. Musik in unendlichen Mengen. Ohne dafür Geld zu bezahlen, komplett umsonst. Und die Geschichte wiederholte sich. Meine Freunde in der Stadt konnten das. Diejenigen, mit der schnellen Internetverbindung. Nicht ich, ich wohnte auf dem Dorf. Weil die Musikindustrie das aber nicht lustig fand, machte es den Stadtbewohnern irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Danach war irgendwie lange Ruhe im Teich. Die Verkäufe der Musikindustrie gingen zurück. Die Musik war aber irgendwie auch immer dieselbe. Nach den illegalen Portalen versuchten die Labels ihr eigenes Ding im Internet. Die Musik war sehr teuer. Und auch sonst war das alles Quark. Man konnte die Musik teilweise nur auf dem Computer hören. Man konnte sie nur ein oder zweimal auf Compact Disc brennen. Danach war Schluss. Und die meisten mp3-Player konnten mit dem Kopierschutz nichts anfangen. Der mp3-Player war übrigens der logische Nachfolger des Discman und anfangs auch gar nicht so erfolgreich.

Die Sache mit der Musik wanderte irgendwie aus meinen Augen und andere Dinge freuten sich über mehr Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht mehr, welche Dinge das genau waren. Ist aber auch nicht wichtig. Abstand tut immer gut. Es ist beinah wie Heilfasten. Man geht weg und kommt wieder. Entgiftet, gereinigt und im Gleichgewicht. Mit neuer Freude und mit neuer Energie. Und das war gut so.

Denn jetzt kam der iPod.
Einfach so.

Sofort war man wieder im Geschäft. Man hatte seine ganze Musik dabei und nur ein kleines Rädchen zu drehen. Er war einfach magisch. Und nicht nur für die Ohren ein Gedicht, sondern auch für die Augen. Auf den iPod folgte der iTunes Store. Die Musik der ganzen Welt in einem einzigen Geschäft (gefühlt). Und man konnte diese Musik auf Knopfdruck kaufen. Auf Knopfdruck! Dir gefällt ein Lied und ZACK hast du es. Und wenn das nicht schon genug Weihnachten wäre, so hat Apple die Musik später sogar ohne Kopierschutz verkauft.

Da standen die ganzen Medienkonzerne ganz schön doof da. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich das in der Zwischenzeit wesentlich geändert hat. Die Verkäufe sinken seit Jahren kontinuierlich. Und im Kontext von Musik hört man heute öfter die Namen von Amazon, Google und sogar Microsoft. Aber selten Universal Music Group, Warner Music Group oder Bertelsmann. Jedenfalls, mittlerweile heißt Apple nur noch Apple und nicht mehr Apple Computers. Und ist zum weltgrößten Musikverkäufer geworden.

Jetzt ging es Schlag auf Schlag. So schnell kann man gar nicht gucken. Das Internet wurde zu Gott (also mobil, das heißt allgegenwärtig). Die Smartphones kamen (genauer: das iPhone) und ersetzten so ganz nebenbei (eigentlich versehentlich) unsere geliebten mp3-Player (genauer: den iPod). Und als ob das alles noch nicht genug wäre, gab es von heute auf morgen einfach so (mir nichts, dir nichts) den AppStore von Apple. Eigentlich ist das eine ganz andere Baustelle. Aber der AppStore brachte uns Shazam. Und Shazam lernten wir kennen und lieben.

Shazam ist ein ganz wunderbares Programm für das Smartphone. Du hörst ein Lied. Dir gefällt das Lied. Du möchtest wissen, was das für ein Lied ist. Und egal wo du dich gerade befindest, zuhause, bei Freunden, im Kaufhaus. Du drückst ein Knopf und Shazam sagt dir, was für ein Lied das ist. Name, Interpret, Album. Unglaublich! Wo warst du nur all die Jahre? Ich hätte eine ganz andere Entwicklung genommen, wenn ich das schon in meiner Jugend gehabt hätte.

Endlich in der Gegenwart und man denkt zwangsläufig, eigentlich kann jetzt nicht mehr viel kommen. Aber in Wirklichkeit kommt die Musik nun aus der Wolke. Und wenn auch am strahlend blauen Himmel nur die Sonne scheint, die Wolke und ihre Musik sind immer bei dir. Es gibt solche und solche Wolken. Bei manchen Exemplaren muss man nicht mal Geld einwerfen und kann trotzdem aus 30 Millionen Lieder genau diejenigen auswählen, die man gerne hören möchte. Es sind nicht nur Wolken, sondern eine riesige Waschmaschinen. Die Musik geht mit Kopierschutz in die Wolke hinein und kommt ohne Kopierschutz wieder aus der Wolke heraus.

Wenn ich heute den Namen Nils Holgersson höre, dann klingt das wie aus einem anderen Leben. Aber das war kein anderes Leben. Das war nur eine andere Zeit. Nur der Geist der Musik hat sich nicht verändert. Die Musik ist genau so berauschend geblieben wie sie schon immer war.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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