Gedanken entlang des Bewohnerparkausweis EXTENDED

Es gibt Fragen, die mag ich nicht so sehr gern. „Was gibt es Neues?“ zum Beispiel. Die Antwort fühlt sich unangenehm an. Die Abwesenheit der Veränderung drängt sich in das Bewusstsein und ich muss dabei an Stillstand und die Vergänglichkeit der Zeit denken. Im Kontrast dazu möchten sich aber in meinem Leben einfach keine stabilen Rituale einstellen. Immer wenn sich mal (versehentlich) eine Zeremonie eingebürgert hat (so was denkt man sich ja nicht aus), die man lieb gewinnt, auf die man sich freut, an der man sich orientiert, zerfällt der Brauch nach kurzer Zeit. Das steht natürlich im Widerspruch zum Erstgesagten. Auf diesen Konflikt habe ich keine Antwort und finde ihn selbst etwas sonderbar. Immerhin, Ausnahmen bestätigen die Regeln. Es gibt da so was, darauf freue ich mich jedes Jahr.

Ich freue mich voll darauf, im Dezember meinen neuen Bewohnerparkausweis beim Bürocenter Wacker in Neustadt an der Weinstraße zu laminieren. Bevor mir die Stadt aber den Ausweis schickt, muss ich die Jahresgebühr bezahlen. Dazu erhalte ich meistens Mitte November ein Schreiben mit den Formalitäten der Verlängerung. Wenn sich bestimmte Parameter ändern (z.B. das Nummernschild), dann muss man den Parkausweis komplett neu beantragen und kann ihn nicht einfach durch eine Gebührenbezahlung verlängern. Jedenfalls, manuelle Sachen (Überweisung durchführen) mag ich eigentlich nicht so gerne. Das geht einfacher (Einzugsermächtigung erteilen). Danach muss man gar nichts mehr machen und alles macht sich automatisch, was ich persönlich viel besser finde, weil es mir mehr Zeit für andere Dinge einräumt. Diese anderen Dinge haben aber bisher leider auch verhindert, die Einzugsermächtigung einrichten (muss man ja auch wieder was ausfüllen und hinschicken, voll Steinzeit, ey).

Das Bewohnerparken ist übrigens im Straßenverkehrsgesetz definiert, die Einzelheiten stehen aber in der Straßenverordnung. Da, wo Bewohner parken dürfen, dürfen alle anderen Verkehrsteilnehmer (also diejenigen, die woanders wohnen) entweder nur kurz halten oder – die schärfere Variante – weder halten noch parken. Aber nicht jeder Bewohner der Stadt ist auch ein Bewohner, der parken darf. Welche Bewohner parken dürfen, das entscheidet die Stadt oder der Landkreis. In Mannheim erhalten Bewohner mit Erstwohnsitz einen Bewohnerparkausweis; diejenigen mit Zweitwohnung in Mannheim erhalten keinen Parkausweis. Find ich persönlich schon etwas unfair.

Wenn im November also das erste Schreiben von der Stadt kommt, wird mir bewusst, das Jahr geht bald zu Ende und Weihnachten ist nicht weit. Es wird Zeit, seine Dinge zu sortieren, die letzten Geschenke zu bestellen und dann langsam abzubremsen. Vollbremsung kurz vor Weihnachten funktioniert nicht, hab ich schon ausprobiert. Man muss den Bremsweg einkalkulieren und das ist gar nicht so einfach. Weil ich das jetzt aber schon ein paar Jahre fleißig geübt habe, klappt es für mich meistens ganz gut. Irgendwann so Mitte Dezember rum, kommt dann das zweite Schreiben von der Stadt mit dem Parkausweis drin. Wenn dieses zweite Schreiben kommt, stehe ich kurz vor meinem Urlaub und der Parkausweis macht mir das noch einmal bewusst. Dann wird mir ganz warm im Bauch.

Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, wie der Bürocenter Wacker ins Spiel gekommen ist. Das war rückblickend wahrscheinlich nur Zufall. Neustadt an der Weinstraße ist nicht weit vom Wohnort meiner Eltern entfernt. Der Bürocenter Wacker liegt in einem Industriegebiet vor der Stadt. Ich glaube, ich habe auf der Rück- oder Hinfahrt zu meinen Eltern kurz gehalten und dort meinen allerersten Parkausweis laminiert. Im nächsten Jahr war es wohl zufällig genauso so. Und im dritten Jahr war es quasi schon fast Tradition. Und so verbinden sich langsam die Dinge miteinander, Weihnachten vor der Haustür, Urlaub, warmes Gefühl im Bauch und Parkausweis laminieren.

Der Bürocenter Wacker ist eigentlich mehr auf Firmenkunden fokussiert, aber Privatkunden kaufen dort auch gerne ein. Meine Eltern sind namentlich als Kunde registriert. Damit hat man die Möglichkeit ohne Bargeld auf Lieferschein einzukaufen. Die Rechnung kommt dann einmal im Monat konsolidiert mit allen Posten. Früher, wenn ich für meine Eltern dort etwas besorgen musste, hab ich mir auch ein oder zwei Sachen in den Warenkorb geschummelt. Ich fand das schon irgendwie cool, dieses Einkaufen auf Lieferschein. Wenn ich heute den Bürocenter Wacker betrete, dann sieht er immer noch so aus wie früher. All die Sachen, die es dort gibt: Hefte, Ordner, Bleistifte, Geschenkpapier, Briefumschläge, für mich ein Fenster in eine ganz andere Welt. Aber eine schöne Welt.

Ich hab mich schon oft gefragt, warum der Bewohnerparkausweis überhaupt so ein dünnes Papier ist? Das ist doch kein Schmierpapier, was man einmal kurz benutzt und dann wegwirft. Der Bewohnerparkausweis muss ein ganzes Jahr durchhalten, sollte also aus stabiler Pappe bestehen. Bestimmt war das auch mal so und das dünne Papier bedingt sich aus einem politischen Sparpaket. Könnte ich mir gut vorstellen, aber das ist nur eine Annahme. Ich habe noch nie ausprobiert, mit einem native Bewohnerparkausweis im Original über ein ganzes Jahr zu kommen. Als ich meinen ersten Bewohnerparkausweis von der Stadt erhielt, war gleich mein erster Gedanke, den muss man laminieren. Und das habe ich dann auch gemacht.

In meinem Auto hab ich den Bewohnerparkausweis nicht fest an der Scheibe befestigt. Er klemmt hinter der Sonnenblende für den Beifahrer. Immer wenn ich in Mannheim parke, muss ich die Sonnenblende runterklappen, den Bewohnerparkausweis herausholen, auf die Armatur hinlegen und die Sonnenblende wieder hochklappen. Eigentlich ganz schön umständlich. Immerhin ist das Rüberstrecken zum Beifahrersitz nicht so anstrengend (kleines Auto und so). Die Sonnenblende am Fahrersitz möchte ich nicht für die Lagerung des Bewohnerparkausweis verwenden, weil ich sonst den darin integrierten Spiegel nicht mehr richtig nutzen kann (ab und zu muss man halt schon gucken, ob man noch hübsch ist). Und an die Scheibe kleben mag ich den Ausweis nicht. Warum, das kann ich jetzt so nicht erklären, ich mag das einfach nicht.

Wenn mich jemand fragt, wie lange ich schon in Mannheim wohne, dann zähle ich immer die Bewohnerparkausweise hinter der Sonnenblende. Ich habe noch keinen einzigen Ausweis weggeschmissen. Das Zählen der Bewohnerparkausweise ist viel einfacher als umständliches Rückrechnen und Erinnern in Gedanken. Darin bin ich sowieso nicht so gut, am Anfang war das noch leicht. Als ich das zweite und dritte Jahr in Mannheim gewohnt habe, da waren nicht viele Jahre rückzurechnen. Aber jetzt ist es schwieriger. Ich bringe die Jahre durcheinander und habe keinen richtigen Fixpunkt.

Die Farbe des Bewohnerparkausweises wechselt jedes Jahr und ich frage mich manchmal, welche Farbe der Bewohnerparkausweis wohl nächstes Jahr hat. Dieses Jahr ist der Bewohnerparkausweis orange. Letztes Jahr war der Ausweis hellblau. Davor grün, gelb und wieder orange. Dass jetzt nach vier Jahren schon wieder ein Orange kommt, ist komisch. Zuvor hatte ich nämlich auch schon dunkelrote und dunkelblaue Bewohnerparkausweise. Da hat also jemand beim Durchzählen der Farben einen Fehler gemacht. Außerdem gäbe es noch viel mehr Farben, die man verwendeten könnte. Violett, dunkelgrün, braun oder gar schwarz.

Anfangs hab ich gedacht, dass die Farbe den Stadtteil markiert, damit die Stadtbediensteten leichter Falschstadtteilparker identifizieren können. Denn der Bewohnerparkausweis gilt nicht für die ganze Stadt. Er berechtigt nur das Parken in einem bestimmten Stadtteil und ein Stadtteil wird mit einer rationalen Zahl (reelle Zahl) gekennzeichnet. Mein Stadtteil hat die Nummer 2,5. Die Nummer ist recht klein aufgedruckt und ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Zahl in jedem Fall beim Kontrollieren von außen ablesen kann. Und deswegen die Farben, aber das war falsch gedacht, denn die Farben markieren nicht den Stadtteil. Alle Stadtteile haben die gleiche Farbe. Ich weiß nicht, was die Farben machen und was für einen Sinn dahinter steht, aber ich finde die wechselnden Farben schön.

Als ich dieses Jahr meinen Bewohnerparkausweis laminieren wollte, war das Laminiergerät im Bürocenter Wacker leider verschwunden. Die Angestellte, die mich bedient hat, war ganz schön verwundert. Das hat doch niemand geklaut, oder etwa doch? Auf Nachfrage bei einer Kollegin haben wir aber herausgefunden, dass die Chefin (Frau Wacker) das Laminiergerät mit die Mittagspause genommen hat. Aber warum nimmt denn Frau Wacker das Laminiergerät mit in die Mittagspause? Das hat sie bisher noch nie gemacht. Großes Grübeln (aber keine Panik)!

Zum Glück kam gerade in diesem Moment der fehlenden Erkenntnis die Chefin aus der Pause und hatte (Überraschung, Überraschung) ein brandneues Laminiergerät unter dem Arm. Große Freude im Bürocenter, was ist das denn für ein cooles Gerät! Zum Glück war grad ein Kunde da (ich) und wollte etwas laminieren, da konnte man das neue Gerät gleich mal ausprobieren. Wenn man etwas Laminieren möchte, muss das Laminiergerät sich erst aufwärmen. Das dauert ein paar Minuten. Ich schau mir in dieser Zeit immer die anderen Maschinen an, die im Service-Bereich so rumstehen. Was es da alles gibt, das ist kaum zu glauben! Schneidemaschinen, Kopierer, Plotter, Schredder, Brieffalzmaschinen, Labelwriter, Kuvertiermaschinen.

Jedenfalls, das neue Gerät hat meinen Parkausweis perfekt laminiert. Das muss ich schon sagen. Als wäre die Laminierung gar keine Veredelung, sondern der eigentliche Urzustand, so perfekt war mein Bewohnerparkausweis laminiert. An der Kasse saß die Frau, bei der ich schon die Laminierung meines ersten Bewohnerparkauswies bezahlte. Nach so vielen Jahren Bewohnerparkausweis laminieren ist das sehr ungewöhnlich. Sie hat an einer Hand eine leichte Behinderung. Ich kenne die Frau nicht, aber ich weiß, dass sie ursprünglich aus einem Dorf in der Südpfalz kommt. Ich weiß aber nicht mehr, woher ich das weiß. Die Laminierung selbst kaufe ich heute nicht mehr auf Lieferschein, sondern bezahle gleich (sogar in bar).

Die Welt, sie ist oft so schnell, also müssen wir auch schnell sein, was aber falsch ist, weil wir unsere eigene Geschwindigkeit haben und die Welt gar nicht böse wäre, wenn wir uns etwas langsamer drehen oder gar stehen bleiben würden. Und Geschwindigkeit, Geschwindigkeit ist manchmal ganz schön anstrengend. Die Veränderung selbst können wir nicht aufhalten. Sie verschiebt den Zuvorzustand in unsere Gedanken und dort existieren das Vergangene als Erinnerung weiter. Und an das Neue, daran müssen wir uns erst wieder gewöhnen und organisatorisch wie mental mit viel Aufwand in unserem Leben bewältigen. Aber manchmal, da bleibt auch etwas gleich. Es dreht sich nicht, es wächst nicht und es bewegt sich nicht. Es fühlt sich an wie eine Insel und ich finde das schön. Ich freu mich schon wieder auf nächstes Jahr.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
6 Kommentare
  1. marco
    Gitte Härter 27. Dezember 2014

    … da les ich so harmlos vor mich hin und dann kommt dieser überraschende Satz, der mich laut zum Lachen gebracht hat:

    >>Ich freue mich voll darauf, im Dezember meinen neuen Bewohnerparkausweis beim Bürocenter Wacker in Neustadt an der Weinstraße zu laminieren.

    :-D

    Wie schön. Der Text. Das Ritual der Gewöhnlichkeit mit Bedeutung. Und wie dus wieder geschrieben hast.

  2. marco
    Heike 27. Dezember 2014

    Herrlich :-)
    Bei mir läutet der Ausweis den Frühling ein – auch ein schönes Gefühl :-)

  3. marco
    marco 27. Dezember 2014

    Danke!

    @Gitte
    Ich musste beim Schreiben an die Angst vor der Tiefe und die Besteckschublade denken. Ich glaube, dein Ansatz fetzt richtig!

    @Heike
    Was so ein kleiner Bewohnerparkausweis alles bewerkstelligt. :-)

  4. marco
    Gitte Härter 27. Dezember 2014

    Cool! :-D

  5. marco
    Frau Momo 29. Dezember 2014

    So schön zu lesen!

    Ich mag es sehr, wie du anhand eines einfachen Parkausweises komplexe, detailreiche Erlebniswelten erschaffst und erzählst. Jeder Mensch hat ja seine ganz eigenen Rituale, Symbole, “unspektakulären” Gewohnheiten, wiederkehrenden Ereignisse, die eine Reihe von Assoziationen, Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen auslösen, so dass eine ganz eigene Welt entsteht. Ich finde, du hast dieses Phänomen ganz wunderbar und auch sehr liebenswert beschrieben.

  6. marco
    marco 30. Dezember 2014

    @Frau Momo
    Mensch, du schreibst aber auch immer ganz wunderbare Kommentare.
    Weil du den Faden aufgreifst, weiterführst und neu verbindest.
    Danke!!!

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