Du bist tot und ich bin am Leben

An diesem Tag war der Himmel voller grauer Wolken. Ich habe mich entsprechend wohl gefühlt. Ich mag das einfach, dieses beschauliche Grau. Zu oft fühle ich mich wie ein Fremdkörper, aber an diesem Tag war ich auf seltsame Weise mit der Welt verbunden. Irgendwann habe ich mein Notebook zugeklappt und bin spontan weg. Meine Kollegen haben sich schon etwas gewundert. Ich wusste auch nicht richtig, wie ich das erklären sollte. Bin in die Straßenbahn eingestiegen und ein paar Haltestellen später, aber auch ein paar Haltestellen früher als normal wieder ausgestiegen. Ich wollte auf dem Nachhauseweg noch ein bisschen Luft schnappen und ein Stück spazieren. Ich mag es, mir die Leute anzuschauen, die mir entgegen kommen. Ich mag es, mir die Leute zu betrachten, die in den Cafés sitzen. Ich mag es, die vorbeifahrende Straßenbahn zu beobachten. Auf dem Weg traf ich eine Bekannte und wir sind ein Stück zusammen gelaufen. Manchmal stimmt einfach die Chemie zwischen den Menschen, obwohl ich mich gar nicht richtig an ihren Namen erinnern konnte. Irgendwie war für den Moment alles perfekt und ich habe das sehr genossen. Kurz darauf schloss ich meine Wohnungstür auf, wechselte die Schuhe, räumte ein paar Dinge aus der Handtasche an ihren Wohnungsplatz.

In solchen Momenten dreht sich alles. Die Geräusche verändern sich und die Klänge vergehen, die große Lautstärke verkommt zu einem Rauschen im Hintergrund. Was man geplant hat, ist dahin. Ein neuer Farbton entsteht. Er schiebt sich nicht nur über den Augenblick, sondern über das ganze eigene Leben, bestreicht ohne Kompromisse alles, was in diesem Leben drin ist, was sich in diesem Leben bewegt, der Farbton vermischt sich mit den anderen Farben und verändert die Bedeutung der Einzelteile. Und dann ist da auch noch eine gewisse Stille. Eine Stille, die vorher nicht da war. Aber die Zeit, sie geht weiter. Sie bleibt nicht stehen. Die Zeit geht weiter und man muss sie füllen. Mit Dingen, die aber im Augenblick nicht mehr zählen. Ein sehr seltsamer Moment, in dem man plötzlich unvermutet steht, den man nicht erwartet hat, der aber trotzdem da ist, genauso wie etwas anderes plötzlich fehlt. Das Leben einer Anderen.

Und mit der Abwesenheit kommen Fragen. Die Fragen, die sich plötzlich wieder stellen. Die Fragen, die schon immer da waren. Die Fragen, auf die man bisher keine Antwort hatte. Was aber niemanden interessiert, außer dich selbst, ist ja auch dein Leben und nicht das Leben der Anderen. Das Leben, das funktioniert. Weiterfunktioniert. Man geht auf die Arbeit und verrichtet seine Dinge. Man wartet an der Haltestelle auf die Straßenbahn. Man arbeitet fleißig. Man räumt die Wohnung auf. Es funktioniert. Das Leben, es funktioniert vor sich hin. Trotz des Unglücks habe ich in den nächsten Tagen gute Laune. Richtig gute Laune sogar. So gut gelaunt war ich schon lange nicht mehr. Weggedrängt, nicht nur dasjenige, sondern auch all diese Fragen und die Sachen, mit denen man sich innerlich normalerweise so beschäftigt. Übrig bleibt nichts und in diesem Nichts und durch dieses Nichts entsteht unvermutet etwas neues.

Mittagspause mit Kollegen beim Bäcker. Wir blödeln rum, wir haben Spaß und ich bin das Zentrum. Bevor die Pause zu Ende ist, spreche ich über den Schicksalsschlag. Die Stimmung dreht sich und ein Kollege schaut mich komisch an. „Du bist mit Sandra verwandt?“ Und er erzählt. Seine Tochter geht mit deiner Tochter in die Schule. Und er erzählt mir von den Kurznachrichten, die seine Tochter von deiner Tochter nach dem Unglück erhielt und darauf verstört ihre Mama fragte, ist das echt? Und er erzählte weiter, so viel Dinge, die ich nicht über dich wusste. Ich lies mir das nicht anmerken und täuschte darüber hinweg.

Miteinander gesprochen haben wir selten, obwohl wir uns gar nicht selten begegneten. Und all diese Begegnungen waren durch Zurückhaltung geprägt, deine und meine. Wir haben uns irgendwie gegenseitig in Distanz gewogen. Unsere Andersartigkeit haben wir unausgesprochen akzeptiert und einander trotzdem immer angelächelt. Ich kann mich an keinen Augenblick erinnern, der ohne ein Lächeln zwischen uns blieb. Und so wenig Überscheidung es gab, umso stärker haben sich unsere Kreise überschnitten und so waren wir indirekt miteinander ständig verbunden. Ich öffne dein Profil auf Facebook. Im ersten Moment bin ich etwas verwundert, weil ich dich nicht gleich erkenne. Ein neuer Haarschnitt, sieht total gut aus. So lange hatten wir uns also zuletzt nicht mehr gesehen.

Ich parkte das Auto direkt vor dem Friedhof. Es war noch früh. Ich rauchte noch ein paar Zigaretten und beobachtete die Trauergäste, die nacheinander eintrafen. Vor dem Kondolenzbuch entdeckte ich einen weiteren Kollegen und fragte mich, wie kommt der denn jetzt hierher? Ich sprach noch ein bisschen mit der Familie. Man sieht die Familie fast nur noch auf Beerdigungen. Der Strom an Menschen hörte nicht auf. Sehr viel junge Menschen, Jugendliche und Kinder. Um die Trauerhalle bildet sich langsam ein großer Stern von Menschen.

Wir stehen alle da und schweigen. Wir denken und wissen nicht, was wir denken sollen. Wir begreifen und begreifen es genauso nicht. Wir verstehen und zeitgleich verstehen wir es nicht. Eine Kerze geht um. Das Licht, es geht durch alle Hände. Hinter mir klingelt ein Handy. Ich drehe mich um und sehe wie meine Tante kreidebleich wird, noch mitten in der Schockstarre die Handtasche durchfühlt und hyperventiliert, wegläuft, auf dem Handy rumdrückt, das Handy nicht versteht, die Technik nicht versteht, wie kann ich nur das Handy ausmachen, wie kann ich das Handy stummschalten?

Es ist seltsam. Wir werden auf so viele Prüfungen vorbereitet. Wir lernen in der Schule über ein Jahrzehnt lang, bevor man uns ins Leben loslässt. Aber solche Sachen lernen wir nicht. Wie man damit umgeht. Wie man dem begegnet. Wie man das verarbeitet. Das muss jeder Mensch für sich alleine lernen. Und ich frage mich, muss das so sein? Lebenskompetenz, das wünsche ich mir schon lange als Schulfach. Das wäre viel wichtiger, nachhaltiger und wirkvoller als manch anderes Zeug, was wir auch bei Interesse alleine entdecken könnten. Aber das echte Leben, das lernen wir immer nur durch Schmerz und das ist nicht in Ordnung. Der Tod ist immer da und überall um uns herum. Wir abstrahieren das weg und wenn der Tod nah heran kommt, wissen wir nicht, was wir damit machen sollen.

Ich denke an alle die sinnlosen Kämpfe, ich denke an all die unnötigen Fragen, ich denke an die anhaltende Rebellion. Und plötzlich ist sie da, die Antwort. Die Antwort, die man sein ganzes Leben lang vergeblich suchte. Die Antwort, die nicht überrascht, weil man diese Antwort eigentlich schon lange wusste, aber keinen Zugang zur Antwort gefunden hat. Nun spüre ich es. Ich spüre es nicht nur, die Antwort durchfließt meine Gedanken, sie durchfließt meinen Körper, sie durchfließt meine Seele. Der Augenblick ist klar und scharf. Und zwischen einzelnen Tränen beginne ich zu verstehen. Ich möchte die Antwort festhalten. Ich möchte die Antwort aufschreiben. Ich möchte die Antwort nie wieder vergessen.

Die Musik endet und alle Worte sind gesprochen. Der Trauerzug beginnt. Für mich ist das stets der schwierigste Moment, ich muss all meine inneren und äußeren Kräfte zusammen nehmen. Der Zug wird von deinen Töchtern angeführt. Eine noch Kind, eine an der Schwelle zur Frau. Hunderte von Menschen und alle Blicke richten sich auf deine Mädels. Das ist das Drama, das noch zum Drama hinzukommt, und das Drama übersteigert! Und wir sind alle unendlich stolz. Wir sind so stolz! Der Himmel wieder voller Wolken, ein schönes Grau, es ist angenehm warm, sogar Vögel singen. Es ist ein wunderbarer Tag.

Bisher habe ich Beerdigungen immer als befreiend empfunden. Man geht schwer hin und verlässt sie leicht. Weil eine lange Reise ihr friedliches Ende fand. Aber eine solche Beerdigung war das leider nicht. Selbst der Leichenschmaus bestach durch komisches Gewicht. In der Küche bereitet Mama den Kaffee für die Gäste vor. Wir sprechen über die Rede in der Trauerhalle. Mama sagt, „als dann das Handy geklingelt hat, wie kann man nur, das gibt’s doch nicht, was sind das nur für Leute, ich hab mich dermaßen aufgeregt.“ In diesem Moment kam meine Tante in die Küche, immer noch ganz aufgelöst, „mein Handy hat während der Trauerrede geklingelt, ich wäre am liebsten gestorben, ich wusste nicht, wie ich das Handy ausmache.“ „DU warst das????“ Und gemeinsam müssen wir lachen.

14. Dezember 2014
Persönliches

Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen schreibt Marco ebenso gerne auf Twitter und produziert den Podcast Zirkusliebe.

Kommentare 8

  1. junaimnetz2013 14. Dezember 2014

    Danke.
    Ja. So ist es, so fühlt es sich an. Und auch wieder ganz anders, je nach Mensch, Lebensgeschichte und Beziehung.

    Ein wahnsinnig eindrücklicher und ehrlicher Text.

    Ich dachte fast die ganze Zeit an ein Zitat von Epikur. Er schrieb: „Der Tod betrifft uns nicht. Nicht die Lebenden, nicht die Toten.“ Paraphrasiert wiedergegeben fand er, die Abwesenheit der Teilnahme (= die Abwesenheit des Lebens) bedeute, dass jemand, der bereits tot ist, diese Abwesenheit der Teilnahme nicht schmerzlich vermisst. Die Lebenden wiederum seien ja noch nicht tot und nähmen daher sehr wohl am Leben teil. Der Tod beträfe uns also lediglich im Moment des eigenen Sterbens, und da nur sehr kurz.

    Das, so banal es klingt, hilft einem Menschen wie mir, der zwar an viele verschiedene Dinge zwischen Himmel und Erde glaubt, aber sicher nicht an eine Form von bewusstem Weiterleben nach dem Tod, gar in einem Paradies oder in der Gegenwart einer erdachten Gottheit. Es hilft mir, weil es sortiert: Ich bin hier, ich bin am Leben. Du nicht, Dich betrifft es nicht mehr, auch nicht die Angst, die Zweifel, die Trauer. Der Titel Deines Blogposts. Aber natürlich ist das nicht alles, was in der Titel-Dichotomie mitschwingt. „Die Fragen, die schon immer da waren“, beschäftigen sich ja oft auch mit einem schlichten „Warum?“. Der Gedanke an mangelnde Fairness des ganzen kosmischen Designs schwingt sicherlich auch jedes Mal mit. So ruft Deine Gegenüberstellung ein (bekanntes) Gefühl der Beklemmung und der Betroffenheit hervor.

    Wobei ich mich gleich wieder über das entstehende Wortspiel zwischen „Betroffenheit“ und „betreffen“ auf eine etwas morbide Art und Weise amüsieren kann. Der Tod (anderer) macht mich zwar sehr betroffen, betrifft mich letztlich aber nicht. Weshalb ich in der Lage bin, mich zu verabschieden, zu trauern, auf einer Beerdigung zu weinen und trotzdem später in der Küche über die Formulierung und die so menschliche Verzweiflung Deiner Tante zu lachen. Der Schmerz und die Traurigkeit stehen letztlich – ambivalent, oder? – auf einem ganz anderen Blatt als der Tod.

    Was sagt das über uns? Ich habe keine Antwort.
    Ich wäre dankbar, Deine einmal hören zu können, die, die Du festhalten wolltest. Konntest Du das? Sie festhalten?

  2. Nicole 15. Dezember 2014

    Ich möchte etwas Kluges sagen oder wenigstens etwas Warmherziges. Geht aber nicht. Deshalb sage ich einfach nur: Danke für diesen Text! Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns bald einmal wiedersehen.

  3. Mama notes Blog 16. Dezember 2014

    Vielen Dank für diese Zeilen. Ein sehr berührender, weil so ehrlicher Text. Jeder Tod ist anders, jede Beerdigung ist anders. Ich habe einmal einen Leichenschmaus (ich hasse das Wort) erlebt, bei dem zum Schluss die engsten Verwandten (Kind, Schwestern, wir Nichten und Neffen) wahnsinnig fröhlich wurden. Aufgedreht nahezu. Pläne schmiedeten für Wiedersehen und Parties. Es war kurz vor der Hysterie. Ich glaube, es war der unbedingte Wille, weiter zu machen. Nicht kaputt zu gehen, nach diesem Schock. Die Leere zu füllen.
    Tod ist so merkwürdig schwierig und banal. Gehört zum Leben dazu und ist doch das genaue Gegenteil. Wir begreifen und begreifen auch wieder nicht. Das hast Du sehr schön formuliert.

    Ich nehme Dich einfach mal virtuell in den Arm.

  4. marco 19. Dezember 2014

    @alle über mir
    Erstmal vielen Dank für eure wunderbaren Kommentare. Und bitte verzeiht meine späte Antwort. Ich hatte die Woche etwas Stress und ich wollte nicht so zwischendrin kurzangebunden zurückschreiben.

    @junaimnetz
    Theoretisch müssten wir uns über den Tod wahrhaftig keine Gedanken machen. Er tritt unweigerlich ein. Wir haben keinerlei gesicherten Mittel der Beeinflussung, also warum sich dann überhaupt damit beschäftigen? Es ist verlorene Gedankenenergie. Aber so einfach ist es leider nicht.

    Jeder Verlust wirkt emotional nicht ausschließlich in Richtung des Betroffenen und der Angehörigen, welche sich mental wie operativ konkret neu ordnen müssen. Der Tod wirkt auf jeden Menschen zurück, der damit konfrontiert ist. Was bedeutet der Tod für mich und mein Leben im Angesicht dieser Lehrstunde der Vergänglichkeit?

    Und damit wären wir auch bei den Fragen. Nein, ich konnte die Antwort leider nicht festhalten. Die Antwort ging mir wieder verloren. Ich hab das natürlich erwartet. Aber die Antwort lässt sich künftig besser wiederfinden, das Versteck liegt nicht mehr so weit in der Ferne.

    Vielen Dank für deinen Mut, diesen Kommentar zu posten!
    Ganz toll, hat mich sehr sehr gefreut.

  5. marco 19. Dezember 2014

    @Nicole
    Wir haben uns gegenseitig in den letzten Monaten etwas vernachlässigt, gell? Vielleicht schaffen wir es organisatorisch im nächsten Halbjahr. Köln/Hamburg/Mannheim, völlig egal wo, wir sehen uns wieder und ich bin dabei.

  6. marco 19. Dezember 2014

    @mamanotes
    Ich hab mich voll über deinen Kommentar gefreut. Danke!

    Und du hast auch völlig Recht. Tod, Beerdigung und Umgang, es ist niemals gleich. Sie sind genauso verschieden wie das Leben und die Mensch darin.

    Als Kind hab ich immer gedacht, auf Beerdigungen darf man nicht lachen. Man muss traurig sein und den Anstand bewahren. Ich weiß gar nicht, wer mir diese „Idee“ eingeredet hat. Denn egal, was es ist, alles ist besser als traurig zu sein.

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