Über die Umschwünge der himmlischen Kreise

Ich wohne in der Kopernikusstraße. Kopernikus lebte im 15. Jahrhundert und hieß mit Vornamen Nikolaus. Damals hat man noch geglaubt, dass sich die Sonne um die Erde dreht und wir den Mittelpunkt des Universums bilden. Nur der Kopernikus hat das nicht geglaubt. Deswegen hat er das Buch „De revolutionibus orbium coelestium“ geschrieben. Kopernikus war ein schlauer Kopf und wusste um die Kraft seiner Botschaft. Aus diesem Grund hat er das Buch fast 30 Jahre zurückgehalten. Das Werk gehört zu den Meilensteinen der Astronomie der Neuzeit und leitete die kopernikanische Wende ein. Die kopernikanische Wende war eine mentale Revolution und erschütterte ohne Gewalt das Selbstbild des Abendlandes. Nicht nur der Himmel hat sich verändert, sondern die ganze Welt stand plötzlich völlig auf dem Kopf und nichts war mehr wie zuvor. Nur durch ein Buch, das behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Der Buchdruck war damals noch keine hundert Jahre alt und während des damaligen Übergangs vom Spätmittelalter in die frühe Neuzeit konnte eigentlich auch kaum ein Mensch lesen. Und trotzdem waren 300 Seiten Papier in der Lage die Welt zu verändern. Die Erstauflage betrug 500 Stück und erstaunlicherweise existieren davon heute noch einige Exemplare. Vor sieben Jahren wurde eins dieser Bücher beim Auktionshaus Christie’s in New York für 2,2 Millionen Dollar versteigert. 2,2 Millionen Dollar!!! Aber das ist eigentlich noch gar nichts. Denn die Ausgabe 27 von Detective Comics von 1939 wird von Experten auf 3,5 Millionen Dollar geschätzt und gilt als das teuerste Comic der Welt. Das Comic hat damals 10 Cent gekostet und beinhaltete erstmalig eine Geschichte namens The Batman.

Detective Comics 27 (DC Comics)

Detective Comics 27 (DC Comics)

Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich. Denn Comics waren schon immer viel teurer als Bücher. Während der Buchleser für 5 Euro schon mehrere Hundert Seiten im Taschenbuchformat erhält, bezahlt der Comicleser den gleichen Betrag für 48 Seiten im gleichen Format. Insgesamt ist das nachvollziehbar. Das Comic ist wesentlich aufwändiger im Entstehungsprozess und auch noch viel teurer in der Produktion. Und kaum einer interessiert sich dafür! Die Liebe zur 9. Kunst tragen nicht sehr viele Menschen in sich. Entsprechend selten und dann auch noch voll versteckt findet man Comic Shops in den Städten. Ich meine, heute ist das zum Glück kein Problem mehr, weil wir jetzt das Internet haben. Früher war das etwas komplizierter.

Früher bin ich alle zwei Jahre nach Erlangen auf den Internationalen Comic Salon gefahren. Das ist eine Comic Messe. Das Comic wird dort nicht nur gezeigt, diskutiert und reflektiert, sondern auch gefeiert. Und die ganze Stadt macht mit. Die örtlichen Museen zeigen Ausstellungen, das örtliche Kino zeigt Comic Filme, es gibt einen großen Flohmarkt mit vielen Sammlerstücken und überall in der Stadt stehen Skulpturen. Ganz wunderbar! Genauso wunderbar ist der Sachverhalt, dass man auf dem Comic Salon in Erlangen nicht nur Comics anschauen, sondern auch Comics kaufen kann. Lange Rede, kurzer Sinn, der Comic Salon übernahm für mich eine wichtige Rolle in der Lieferkette.

Internationaler Comic Salon Erlangen

Bild: Internationaler Comic Salon Erlangen

Dieser Aufwand war für das Buch nie nötig. Das Buch war schon immer überall. In der Stadt ist die nächste Buchhandlung immer nur wenige Meter entfernt. Man muss nie weit laufen. Heute muss man eigentlich gar nicht mehr laufen. Ich habe die Buchhandlung direkt in der Handtasche. Buchhandlung in der Handtasche? Ach geh weg, ich habe aller Bücher der Welt dabei. Da kann die Buchhandlung nur davon träumen. Jedes Werk ist nur Klick weit entfernt und fällt zärtlich aus der Wolke am Himmel direkt in meinen Kindle hinein. Und dieser Himmel überdeckt die ganze Welt. Ich brauch noch nicht mal ein WLAN. Der Kindle verbindet sich weltweit mit den lokalen Mobilfunknetzen und das auch noch kostenfrei. Ich bin nie ohne Buch. Das Buch ist nie ohne mich. Jedes Buch ist immer bei mir.

Und trotzdem bin vor ein paar Monaten an einen Ort gereist, um Bücher zu bestaunen. Ich schlendere über die Frankfurter Buchmesse, aber die Szenerie fühlt sich komisch an. Als wäre irgendwas verkehrt. Entweder bin ich verkehrt oder die Buchmesse ist verkehrt oder beides zusammen ist verkehrt. Auf der Frankfurter Buchmesse stehen noch echte Bücher in den Regalen (so richtig mit Papier). Ich empfange auf dem Smartphone eine Kurznachricht von Susanne („Ich bin soooo neidisch“). Jedes Jahr fragt sie mich, ob ich nicht ihre jährliche Pilgerfahrt nach Frankfurt begleiten mag. Jedes Jahr hab ich abgelehnt, weil ich bislang nicht so richtig warm mit ihr wurde (also mit der Buchmesse, nicht mit der Susanne). Dieses Jahr habe ich mir wieder einen Stups gegeben (dafür hat es dann ausnahmsweise bei Susanne nicht geklappt).

Frankfurter Buchmesse (Quelle: Frankfurter Buchmesse)

Frankfurter Buchmesse (Bild: Frankfurter Buchmesse)

Das Comic Zentrum der Frankfurter Buchmesse gibt es mittlerweile nicht mehr. Bis 2013 war dieses Forum eine Institution in der Szene (Faszination Comic). Aber viele Comic-Verlage orientieren sich mittlerweile neu, gehen auf Distanz zum Medium Comic und präsentieren ihre Werke inzwischen als Literatur, Kunst- oder Jugendbuch. Die Pressesprecherin der Buchmesse sagt, das Comic sei endlich in der Mitte der Literatur angekommen und wir brauchen das Comic-Zentrum nicht mehr. Was nun dazu führt, dass sich die Comicverlage über das Messegelände verstreuen. Laut Messeführer findet man Comics in Halle 3. Aber diese Comics sind eigentlich gar keine Comics. Mit Ausnahme der großen Häuser wie Carlson findet man in Halle 3 nur Kinder- und Jugendliteratur.

In der gleichen Halle hat Amazon einen großen Messestand zum Thema Self-Publishing aufgebaut. In der Szene ist Self-Publishing umstritten. Aber ich freue mich über den Zugewinn an Freiheit und die neuen Möglichkeiten. Das Renommee bestimmen zwar weiterhin die Verlage, aber über die eigene Publikation bestimmt nun der Autor. Bestehende Strukturen lösen sich auf und die Welt verändert sich. Ist doch schön! Ich suche den Weg nach draußen. Brauche etwas frische Luft. Es ist Fachbesuchertag und die Gänge sind voller Menschen. Charlotte Roche kommt mir entgegen und in dem Gedränge tritt sie mir fast auf den Fuß. Was eigentlich ganz cool gewesen wäre, weil ich dann hätte sagen können, dass mir Charlotte Roche schon mal auf den Fuß getreten ist.

Charlotte Roche (Quelle: Frankfurter Buchmesse)

Charlotte Roche (Bild: Frankfurter Buchmesse)

Etwas später stelle ich mit Überraschung fest, dass mein Nudel- und Olivenöllieferant Fattoria la Vialla einen Stand auf der Buchmesse hat. Ich würde es gerne vertwittern, aber mir fällt spontan keine gute Verpackung ein. Noch ein paar Wochen zuvor habe den Hof von La Vialla in der Toskana besucht. Es war eine längere Fahrt von unserer Finca dahin, hat sich aber schon allein deswegen gelohnt, weil ich dadurch deren Rotweinkekse entdeckt hab, die total gut schmecken. Ich kann mich noch an den Tag erinnern. Auf dem Gut habe ich mit meinem dreijährigen Patenkind gespielt und die kleine Lana quer übers Anwesen mit einem Handrollwagen gezogen, was ihr voll Spaß gemacht hat, aber mir ein schlechtes Gewissen, weil mit diesen Wagen eigentlich die Kunden ihre Einkäufe ans Auto fahren sollten.

Ich bin gerne auf Messen. Jede Branche hat ihre eigene Kultur, Codes und Rituale. Und es schön, sich diese Spezifika ins Bewusstsein zu bringen. Schon als Kind habe ich meine Mutter gerne auf Gastronomie Messen begleitet. Da gab’s an jedem Stand was zu essen. Oder meinen Papa auf Landwirtschaftsmessen. Da gibt es Traktoren, die sind so groß wie ein Haus. Mittlerweile gehe ich auch ganz gerne auf Weinmessen. Da kann man ohne schlechtes Gewissen den ganzen Tag trinken (is ja eine Weinmesse). Plötzlich springt mir ein Buch ins Auge und weckt durch das Cover mein Interesse. Am Fachbesuchertag kann man leider keine Bücher kaufen. Der Buchkauf ist auf der Messe gewöhnlich nur sonntags möglich. Zum Glück sind mittlerweile aber andere Zeiten. Ich hole mein Kindle raus, kaufe das Buch sogleich und freue mich auf die Heimfahrt.

Gastland Indonesien (Quelle: Frankfurter Buchmesse)

Gastland Indonesien (Quelle: Frankfurter Buchmesse)

Das Gastland der Buchmesse ist Indonesien. Während Gregor Gysi im ARD-Gebäude sein neues Buch vorstellt, lauschen die andere Julia und ich einem kleinen Konzert. Julia versucht ein paar Bilder der Musiker zu machen und kämpft sich in die erste Reihe. Ich bewache derzeit ihre Taschen. Ich denke an die Arbeit und bearbeite auf dem Smartphone kurz meine Mails. Zeitgleich ärgere ich mich ein bisschen, dass ich an die Arbeit denke und meine Mails bearbeite. Weil ich doch jetzt auf der Buchmesse und nicht auf der Arbeit bin.

Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Wir schlendern langsam durch den Regen über das Messegelände zurück an den Eingang, der nun ein Ausgang ist. Wir durchlaufen noch mal Halle 4. Ich entdecke die Stände von Reprodukt und Avant. Beide Häuser verlegen Comics. “Du, macht es dir was aus, wenn wir hier noch ein paar Minuten verweilen?” Ich schaue mir jedes einzelne Comic an und schreibe mir viele Titel ins Smartphone, damit ich sie mir später zulegen kann. Bisher ist die Digitalisierung fast vollständig am Comic vorbei gegangen und ich glaube, das wird sich auch nicht ändern. Theoretisch gäbe es viele interessante Möglichkeiten, das Comic auf einem Tablet neu zu inszenieren. Praktisch gibt es dafür keinen Markt und keine wirklichen Bestrebungen.

Frankfurter Hauptbahnhof

Frankfurter Hauptbahnhof

Julia und ich fahren zusammen mit der Straßenbahn zum Frankfurter Hauptbahnhof. Die Straßenbahn ist nicht überfüllt und man kann sich gut unterhalten. Mir fehlt noch das Rückfahrticket nach Mannheim. Ich hole das iPhone raus und buche schnell die Rückfahrt. Sitzplätze sind leider schon aus. Es ist das erste Mal, dass ich eine Buchung direkt auf dem Smartphone durchführe. Die Sache dauert keine 3 Minuten. Ich bin überrascht und ziemlich beeindruckt. Wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben. So viele Jahre habe ich von diesen Möglichkeiten geträumt und jetzt sind die Möglichkeiten da.

Ich liebe Bahnhöfe. Es ist schon dunkel. Wir essen noch etwas kleines. Lassen den Tag an uns vorbeiziehen. Und schließlich ist Zeit zu gehen. Julia steigt in die Regionalbahn, ich steige in den ICE. Der ICE ist überfüllt, ich muss stehen. Aber das ist nicht schlimm, die Fahrt dauert nicht lange, kaum eine Stunde. Ich nehme meinen Kindle zur Hand und beginne das vor ein paar Stunden gekaufte Buch zu lesen.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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