Du

Es ist mir egal, woher du kommst. Ob es dort schön ist oder hässlich. Ob es dort regnet oder der Nebel regelmäßig die Häuser versteckt . Ob der Ort noch existiert oder schon längst abgebrannt. Hast du ihn selbst angezündet oder war das jemand anderes? Musste sich jemand dafür rechtfertigen oder wurde zur Verantwortung gezogen? Mir ist es gleich. Ob du von oben gefallen oder von unten aufgestiegen bist, es bedeutet mir nichts. Vielleicht hast du dich auch noch gar nicht bewegt, weil dir der Mut fehlt, weil du Angst hast oder Pflichten die Wege versperren. Du bist willkommen. Jedes Zuhause ist verschwunden und unser Zuhause ist überall. Ich möchte dich fragen, was ist deine Lieblingsfarbe? Blau? Grün? Vielleicht sogar violett? Und es ist okay, wenn du mir deine Lieblingsfarbe nicht verraten möchtest und deine Lieblingsfarbe ein Geheimnis bleibt.

Es ist mir egal, wen du verraten und weggestoßen hast. Deinen Freund, deine Mutter, deinen Vater, deine Frau, deine Kinder. Alle beschimpfen dich, alle hassen dich, alle sagen, du bist der Teufel. Mir reicht es, dass du atmest, die gleiche Luft, die ich atme, die gleiche Luft. Es ist nicht die beste Luft, es gibt viel bessere Luft, aber immerhin ist es Luft. Es gab Gründe für deinen Verrat und ich zweifle deine Gründe nicht an. Du hast dich verändert, aber die Regeln sind die gleichen geblieben. Ich muss dir nicht vergeben, denn es gibt nichts zu vergeben, du vergibst dir selbst, obwohl das auch nicht nötig wäre. Ein Mensch an der falschen Stelle ist Gift. Alles ist gut. Ich bin genauso falsch. Schau her! Ich spiele Tetris mit Leichen, weil ich sie kaum noch verstecken kann, und Memory mit echten Menschen, weil die Suche noch nicht zu Ende ist. Ich frage nicht danach, ob deine Entscheidung richtig war. Richtig ist das gleiche wie falsch das gleiche wie schwarz das gleiche wie weiß. Zu einfach, um alles zu erklären. Wie kann ein Gefühl falsch sein, wenn ein Gefühl existiert?

Es ist mir egal, was du getan hast. Ob du geklaut hast, ob du versagt hast, ob du gelogen hast. Alle sind verkehrt. Niemand ist richtig. Ich belüge dich und ich erzähle dir trotzdem Wahrheit. Die Antworten bleiben ein Geheimnis und jeder Mensch trägt eine eigene Antwort in sich. Aber die Ankunft der Anderen ist nicht deine Heimat. Vertrau mir! Es ist egal, ob du schon gelernt hast, dich selbst zu überwinden, oder ob du immer noch Sklave deiner inneren Schatten bist. Kräfte der Wechselwirkung, Pendelschläge der Inkonsistenz, Gefühle der Schiefe! Du bekommst so viele Chancen wie brauchst. Hier wird nicht gezählt, alle Türen bleiben geöffnet. Und Mauern werden nicht nur gebaut, wir sprühen auch Graphitti drauf. Weil jede Mauer ein bisschen falsch ist. Aber du, du bist richtig, auch wenn nur betrügst und lügst und deinen eigenen Vorteil kennst.

Ich frage nicht danach, wohin deine Reise geht. Und ich frage nicht danach, warum du überhaupt auf der Reise bist. Ob du einen Ort verlassen hast oder einen anderen Ort finden möchtest. Vielleicht existiert der Ort gar nicht. Die Wahrheit wirst du erst bei deiner Ankunft erfahren, obwohl die Ankunft ein Traum bleibt. Du brauchst deine innere Folter nicht zu verstecken, sie ist genauso dein Reichtum, deine Geschichte, dein Schönheitsfleck. Und alles, was mir egal ist, ist mir eigentlich gar nicht egal. Schon wieder habe ich gelogen! Weil ich dich kennenlernen möchte. Weil du mir gefällst! Weil ich dich liebe! Ich möchte dir einen Kuchen backen! Ich möchte dich mit einem Kissen bewerfen. Ich möchte einen Ausflug mit dir machen. Lass weg die schönen Fassaden, wir feiern das Kind in dir. Zeig mir seinen Spielplatz. Zeig mir seine Eltern. Zeig mir seine Geburt. Und es ist mir wirklich scheißegal, ob deine inneren Schamlippen nach Außen stehen.

Es ist mir gleich, ob du mich zurückliebst. Ob du Frauen liebst, ob du Männer liebst oder dich nicht zwischen Frau und Mann entscheiden kannst. Ob du eine Frau werden möchtest, weil du ein Mann bist, aber nur als Frau lieben kannst. Genauso unwichtig, woraus deine Liebe besteht. Ob du besitzen möchtest, einsperren, begleiten, vergöttern, beherrschen, loslassen oder dich selbst für jemand anderen aufgeben. Du darfst mich hassen! Alles ist Liebe. Sie ist frei. So frei bist du. Dein Fetisch ist mein Erdbeereis, er darf leben, du darfst leben. Du darfst dich mit schmutzigen Schuhen treten lassen, du darfst dich als Clown verkleiden, du darfst dich benutzen lassen, du darfst erregen, wenn du Zehenspitzen siehst. Du darfst dominieren, fesseln und peitschen, ich hab mich schon mal angekettet und ein Safeword brauch ich nicht.

Niemand hat dich danach gefragt, ob du geboren werden wolltest. Jetzt bist du da. Schön, dass du da bist. Hier ist ein Ort, der keine Unterschiede macht. Wunderbar, einen Augenblick mit dir zu teilen.

21. Dezember 2015
Mensch
Creative Commons
Creative Commons
Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.

Kommentar 1

  1. Pingback: 2016 – in Euren Worten – juna im netz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.