Die Verantwortung in dir

Zuerst möchte ich folgende Frage in dein Raum stellen. Was ist Verantwortung? Ist es nicht seltsam, dass eine Erklärung auf Anhieb schwerfällt? Verantwortung ist schließlich kein Fremdwort. Meist verwenden wir es, um eine Zuständigkeit zum Ausdruck zu bringen. Eine andere Variante ist der moralische Kontext, welcher den Schwerpunkt darauf legt, die Folgen des eigenen oder eines fremden Handeln zu tragen, was immer das auch bedeuten mag. Das sind aber beides nur Bruchstücke von etwas Größerem. Im Internet habe ich folgende Erklärung gelesen. „Wenn du etwas weißt, und etwas tun kannst, damit etwas geschieht oder nicht geschieht, dann hast du Verantwortung. Du kannst der Verantwortung gerecht werden oder dich der Verantwortung entziehen. Du kannst dich aber nicht selbst aus der Verantwortung entlassen, solange du etwas tun kannst.“

Verantwortung ist kein Erfüllungsgeschäft, welches auf einem Anspruch basiert. Verantwortung wirkt jedoch auf uns selbst und gleichzeitig wirkt es auf andere. Die Wirkung entsteht mit dem ungeschriebenen Recht, uns nach den Folgen und Konsequenzen unseres Handelns zu befragen. Es besteht also eine schwer greifbare Instanz, welche Rechenschaft von uns einfordert. Dies kann natürlich nur rückblickend geschehen. Aber zeitgleich können wir vorausblicken und bestehenden Erwartungen mit verantwortungsbewusstem Handeln begegnen. Dazu müssen wir jedoch in der Lage sein, die Zusammenhänge des Geschehens mit all ihren Rückkoppelungen einzusortieren. Eine Verantwortung kann man alleine wahrnehmen oder teilen. Bei Misserfolg ergibt sich nicht automatisch eine Schuld. Und zuletzt schwebt Verantwortung nicht in einem leeren Raum, sondern ist durch ein Wertesystem fixiert, was es nicht einfacher macht.

Auch wenn wir es nicht vollständig verstehen, der wahre Kern wurde deutlich zum Ausdruck gebracht. Mit anderen Worten, wenn wir nichts tun können, sind wir von jeglicher Verantwortung befreit.

Du hast keine Wahl

So etwas kann durch Entmündigung geschehen. Entmündigung kann nur durch ein Gericht angeordnet werden. Wir verlieren damit jegliche Freiheit. Wir bestimmen nicht mehr selbst, es bestimmt ein Vertreter. Er trägt die Verantwortung, weil wir jetzt das moralische Recht haben ihn danach zu fragen, was mit uns geschieht. Im rechtlichen Sinne haben wir eigentlich nur die Geschäftsfähigkeit verloren. Aber dieser Verlust erlaubt uns keine Vertragsabschlüsse mehr. Und damit hat unser Wille keine Kraft und Wirkung mehr. Er ist nichtig.

Manchmal ist das auch gut so. Wenn wir die Kontrolle über unser Denken verloren haben und unser Wille dem Chaos folgt. Das kann uns allen passieren, wenn es der Tod nicht eilig hat. Aber zumindest können wir im Vorfeld durch eine Vorsorgevollmacht darüber bestimmen, wer später über uns bestimmt. Das Geschenk dieser Wahl haben nicht alle Menschen. Der Verlust der eigenen Kontrolle kann durch psychische Krankheiten und Traumata auch in frühen Lebensjahren jederzeit und unmittelbar eintreten. Sicherlich wären einige Amokläufer froh gewesen, wenn sie in der Lage gewesen wären, den Staffelstab rechtzeitig zu übergeben.

Etwas anderes gelagert ist die Problematik, wenn jemand anderes uns die Verantwortung über unser eigenes Leben entzieht, obwohl wir im Vollbesitz aller geistigen Kräfte dazu eigentlich in der Lage wären. In der Regel sind davon nur Teilbereiche unserer Lebensgestaltung betroffen. Dennoch ändert das nicht den Sachverhalt und man nennt es Bevormundung. Bevormundung kann durch Eltern, Mitmenschen und den Staat erfolgen. Gegen Eltern und Mitmenschen kann man sich in gewisser Art und Weise wehren, gegen den Staat leider nicht.

Staatliche Bevormundung kann man auch als gezielte Beeinflussung des Verhaltens der Bürger durch Verbote und Pflichten verstehen. Ein Extrembeispiel war der Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, welcher in Deutschland über 100 Jahre lang, sexuelle Handlungen zwischen Personen des männlichen Geschlechts in verschiedenen Ausprägungen verbot. Das klingt heute wie aus einem anderen Universum. In der modernen Gesellschaft findet die Einschränkung auf einem anderen Level mit einer anderen Zielstellung statt. Früher war staatliche Bevormundung vorrangig durch Angst getrieben. Heute steht mehr die Bewahrung von körperlicher und seelischer Gesundheit im Vordergrund. An dieser Stelle scheinen wir zu versagen. Deswegen nimmt der Staat folgerichtig seine Fürsorgepflichten wahr und entlässt uns in vielen Fällen aus der Verantwortung.

Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen Fürsorge und Bevormundung? Auf dieser Frage haben wir noch keine Antwort gefunden, die für uns alle zusammen akzeptabel ist.

Ich verletze mich selbst

Zigarettenrauchen ist ein wunderbar polarisierendes Beispiel. Die letzten Jahrzehnte hat sich unsere Regierung sehr an dieser Front bemüht, aber die Ergebnisse waren meistens bescheiden. Die Anzahl der Raucher ging nur schleichend und kaum spürbar zurück, obwohl die Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitlichen Aufklärung nicht ungehört blieben. Rauchen ist tödlich, dieser Hinweis stand auch schon seit Jahren auf den Verpackungen. Es war uns nicht egal, aber etwas anderes schien wichtiger. Deswegen vergrößerte man den Hinweis (damit man es auch ohne Brille lesen kann) und versuchte zunehmend zu provozieren (Rauchen macht impotent). Weil uns die Argumente zum Protest fehlten, waren Zigaretten auch immer wieder Gegenstand von Steuererhöhungen. Ein Sprichwort sagt, ein stetiger Tropfen höhlt den Stein. Und so kam es dann auch.

Der finale Durchbruch war das Raucherverbot in der Gastronomie in Deutschland im Jahr 2008. Zuvor gab es viele Initiativen, die allesamt furios scheiterten. Selbst eine Vereinbarung zwischen Bundesministerium für Gesundheit und dem deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes brachte nicht den gewünschten Erfolg. In nahezu allen Gaststätten wurde immer noch munter geraucht (außer bei MacDonalds). Dazu muss man wissen, es war keinem Restaurant verboten, den Bewirtungsraum als rauchfrei zu erklären. Nur tat dies kaum eine Gaststätte. Über den Umweg des Nichtraucherschutzes für Arbeitnehmer und über die Gesetzgebung der Bundesländer fand das Rauchverbot in der Gastronomie letztendlich aber doch noch seinen Platz im Alltag. In der Konsequenz fühlen sich Raucher mittlerweile zunehmend aus der Gesellschaft ausgegrenzt.

Nun darf man kritisch fragen, aus welcher Notwendigkeit hat sich diese Initiative ergeben? Rauchen ist Genuss, zeitgleich auch Sucht und es schadet der Gesundheit. Jeder Raucher ist sich diesem Sachverhalt bewusst. Und er entscheidet sich trotzdem für die Zigarette. Wenn man sich durch Rauch im Restaurant belästigt fühlt, das kann jeder verstehen. Es ist einfach unangenehm. Aber warum setzt man sich dann dieser Belästigung aus? Schließlich besteht dazu kein Zwang. Es scheinen also andere damit entstehende Vorteile stärker zu wiegen. Und warum gab es damals quasi keine rauchfreien Lokale? Vielleicht ist das die wesentliche Frage.

Die gesellschaftliche Debatte zum Rauchverbot wurde entsprechend hitzig und kontrovers geführt. In voller Lautstärke kam es immer wieder zum Vorwurf der Bevormundung. Diese Schlussfolgerung ist nicht verkehrt, wenn man dem Ansatz folgt, dass die Verantwortung des Staats bis zur Aufklärung reicht und danach erlischt. Für die Aufklärung sind wir dankbar. Sie hat uns in die Lage versetzt, nicht blind die Segel zu setzen. Sie hat uns die Möglichkeit gegeben, den Sachverhalt zu bewerten. Und dennoch haben wir ebenso das Recht, den Ratschlägen nicht zu folgen, und gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf zu nehmen.

Ich bin gefährlich

Der Spaß hört auf, wenn die eigene Blindheit unseren Mitmenschen schadet. Wir denken so oft, die Situation zu beherrschen. Aber in Wirklichkeit haben wir jede Kontrolle verloren, was wir niemals zugeben würden.

Zum Beispiel wenn wir das Handy beim Autofahren benutzen. Wir denken, das ist kein Problem. Schließlich können wir viele Dinge beim Autofahren tun, ohne dass unsere Sinne aus dem Verkehr gezogen werden. Wir können uns mit dem Beifahrer unterhalten. Wir können einen Kaffee trinken. Wir können das Radio bedienen. Und wir können sogar rauchen. Aber all das machen wir komplett automatisiert, ohne den Blick von der Straße zu wenden. Das Handy können wir leider in der Regel nicht blind bedienen. Das Handy braucht unsere Augen. Und damit sind wir für wenige Sekunden auf der Straße blind. Wir wissen das. Und benutzen das Handy trotzdem. Das ist okay. Meistens geht es gut, aber manchmal auch nicht. So wie es unsere eigene Entscheidung war, so ist es unser eigener Körper, der danach vielleicht nie wieder richtig funktioniert. Nur haben wir nicht nur über uns selbst entschieden, sondern meistens auch über die anderen Menschen im Straßenverkehr, obwohl uns diese Entscheidung nicht zusteht. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn man uns die Verantwortung in dieser Hinsicht entzieht, und die Benutzung des Handys beim Autofahren verbietet.

Das Gleiche gilt auch für Glühbirnen. Die Glühbirne selbst ist ungefährlich. Aber sie braucht verhältnismäßig viel Energie. Alternative Leuchtkörper sind verfügbar, aber setzen sich am Markt nicht richtig durch. Was den Umweltschutz betrifft, sind wir einfach totale Versager. Deswegen ist jedes Verbot mit ökologischen Hintergrund eigentlich gerechtfertigt.

Es gibt noch einige weitere Gesetze, welche unter dem Verdacht der Bevormundung stehen. Besonders die Ladenschlusszeiten werden in diesem Kontext immer wieder diskutiert. Einerseits sollen damit Arbeitnehmer und Familien geschützt werden, andererseits ist es mir nicht erlaubt, mein Geschäft zu öffnen und zu schließen, wann es für mich und meine Kunden günstig ist. Oder warum ist es mir eigentlich verboten, zu später Uhrzeit an der Tankstelle noch Alkohol zu kaufen?

Es ist verboten

Nun sammelt sich ein Gesetz an das nächste Gesetz. Ein Paragraph folgt auf den nächsten Paragraph. Und in Summe entsteht ein ganzes Meer an Verboten. Es ist so vieles verboten, dass wir uns gar nicht mehr merken können, was alles verboten ist. Hinter jedem Gesetz steht die Erkenntnis, dass wir als Gesellschaft alleine nicht mehr weiter kommen, dass wir uns auf den falschen Weg begeben haben, dass wir unsere Verantwortung nicht wahrnehmen. Im Einzelfall mag das auch richtig sein, aber die Summe der Regelwerke provoziert Fragen. Und wir spüren immer mehr, dass unser Leben von Regeln und nicht von Freiheit geprägt ist.

Ein Gesetz ist einfach und unkompliziert. Es kostet viel weniger Mühe und Kraft ein Gesetz zu schreiben, als die Gesellschaft durch Aufklärung zu überzeugen. Oft behandeln wir damit auch nur Symptome, aber nicht die wahren Ursachen und Probleme. Am Anfang steht meistens ein kollektiver Ärger, ein prominenter Unfall oder eine Katastrophe. Darauf folgt dann in der Regel ein Verbot. Man muss nicht lange warten, die politische Diskussion startet sofort und unmittelbar. Das gibt uns die Möglichkeit in die Zukunft zu sehen und Untersagungen zu prognostizieren. Fahrradfahren ohne Helm. Killerspiele für Jugendliche. Tragen von Kopfhörern als Fußgänger. Das wird wahrscheinlich alles bald verboten sein.

Die größte Katastrophe der letzten Zeit geschah in Lampedusa. Europa steht hier in besonderer Verantwortung. Glücklicherweise haben wir auch alle erforderlichen Mittel, um solche Dramen in der Zukunft zu vermeiden. Doch vor lauter Angst, Eigennutz und Bequemlichkeit wird etwas anderes geschehen. Wir werden wahrscheinlich noch höhere Mauern bauen oder einfach nur wegschauen. Schließlich ist das nicht unser Problem, das eigentliche Problem liegt in Afrika. Lampedusa liegt aber vor der Küste Europas und dort schwimmen die Leichen im Meer.

Menschen in unserer Nähe

Die Musik spielt für uns einfach woanders. Die gesamtgesellschaftlichen Wunden und Probleme sind zu weit von unserem eigentlichen Leben entfernt. Wir ärgern uns zwar darüber, aber viel mehr Macht geben wir diesen Dingen nicht. Sie haben nicht die Kraft, unser Leben in seiner wunderbaren Gesamtheit zu deformieren. Wir brauchen die Aufmerksamkeit für die Dinge in unserer unmittelbaren Nähe. Dort, wo wir täglich in der Verantwortung stehen.

Die Verantwortung gegenüber unserer Familie, die Tag für Tag auf unsere Unterstützung angewiesen ist. Die Verantwortung gegenüber unseren Kindern, die noch nicht wissen, was gut für sie ist. Die Verantwortung gegenüber den Menschen, die uns lieben und Tag für Tag ihr Herz ungeschützt in unsere Hände legen. Die Verantwortung gegenüber Arbeitskollegen, welche unsere Hilfe benötigen. Die Verantwortung gegenüber all den Menschen, die uns täglich begegnen. Die Verantwortungen gegenüber unseren Ideen und Idealen, denen wir uns versprochen haben. So viel Verantwortung und nur eine Person, die sie wahrnehmen kann. Ich selbst.

Und wenn wir ehrlich sind, haben wir schon heftige Schwierigkeiten, allein die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Es ist auf so vieles zu achten, unsere Gesundheit, unsere Seele und unser Leben. Stets, immer und überall müssen wir die Folgen unseres Tun und Handeln bedenken und deren Auswirkungen im Bewusstsein tragen. Das kostet sehr viel Energie. Aber wie man es auch dreht und wendet, es ändert nichts. Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber dem Nächsten.

Wir können nicht wegschauen. Wir dürfen nicht wegschauen. Wir müssen uns hinwenden. Es erfordert Mut. Es braucht Kraft. Es ist unbequem. Natürlich können wir diese Verantwortung auch ablehnen und den Fokus weiter allein auf uns konzentrieren. Wir werden davon nie erfahren, aber die Folgen können gravierend sein. Es entsteht Enttäuschung. Es entsteht Armut. Es entsteht Krankheit. Es entsteht Schwäche. Es entsteht Wut. Es entsteht Tod. Es entsteht Verlust. Es entsteht Selbstzweifel. Es entsteht Verzweiflung. Es entstehen Traumata. Daran haben wir zwar keine Schuld. Aber all diese Dinge werden später aus der Persönlichkeit des Einzelnen in die Gesellschaft zurück getragen.

Die Verantwortung in mir

Wir stehen permanent und fortlaufend in einem komplexen System von wechselseitiger Verantwortung. Dabei sind wir nicht allein, denn wir selbst dürfen auch Fragen stellen. Alles ist miteinander verbunden und in Rückkoppelung zueinander.

Wenn du etwas weißt, und etwas tun kannst, damit etwas geschieht oder nicht geschieht, dann hast du Verantwortung. Du kannst der Verantwortung gerecht werden oder dich der Verantwortung entziehen. Du kannst dich aber nicht selbst aus der Verantwortung entlassen, solange du etwas tun kannst.

Wer sich seiner Verantwortung zu entziehen versucht, verleugnet damit einen Teil seines Lebens und seiner Person. Das war ich nicht, das geht mich nichts an. Aber das ist nur eine Lüge, die uns hilft, den eigenen Selbstbetrug zu vertuschen. Wir haben Verantwortung. Nicht nur für uns selbst, sondern auch für den Nächsten.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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