Die Toten darf man nicht stören

Als Kind bin ich auf einem kleinen Dorf aufgewachsen. Das Dorf hat heute ungefähr 750 Einwohner. Damals wahrscheinlich noch ein paar weniger. Der Friedhof des Dorfes liegt außerhalb. Zum Friedhof führt ein kleiner Gehweg durch landwirtschaftliche Felder. Am Gehweg stehen links des Weges durchgängig kleine Bäume. Das Idyll könnte beinah einem Bilderbuch entspringen.

Wenn ich früher mit Oma auf dem Friedhof war, hat sie mich immer angehalten, ruhig zu sein und sich zu benehmen. Auf dem Friedhof ruhen die Toten und die Toten darf man nicht stören. Das war eine ernste Sache. Mit einem Freund habe ich damals manchmal auf dem Friedhof gespielt. Der Reiz des Spieles lag hauptsächlich darin, etwas Verbotenes zu tun. Einmal fiel dabei ein Grabstein um. Ich hatte deswegen lange Zeit ein schlechtes Gewissen.

Das ist alles schon sehr lange her. Ich bin kein Kind mehr, aber die kleine Lana ist jetzt ein Kind. Hinter meinem Elternhof liegen Weinberge und ich fahre oft mit Lana zwischen den Feldern entlang. Lana im Laufrad, ich auf dem Tretroller. Letztens kam ich auf die Idee, mit Lana das Grab von Opa und Oma zu besuchen. Früher wäre das nicht erlaubt gewesen, aber wir fuhren mit Laufrad und Tretroller über den Friedhof und haben dabei viel gelacht. Das Verbot von damals kommt mir heute ziemlich albern vor.

Wenn man dann schon mal auf dem Friedhof ist, gießt man halt auch das Grab. Die Gießkannen auf dem Friedhof sind riesig. Ich glaub, ich habe noch nie so riesige Gießkannen gesehen. Damit Lana auch gießen konnte, mussten wir also alles zusammen machen. Und ich dachte mir, wie blöd ist das denn, diese riesigen Gießkannen? Ich will gar nicht wissen, wie sich die ganzen Omas damit unnötig abmühen.

Das Gießen hat der Kleinen dann unerwartet viel Freude gemacht. So viel Spaß, dass wir fremde Gräber und letztendlich den halben Friedhof durchgegossen haben. Auf dem Rückweg habe ich mir in Gedanken ausgemalt, ob sich wohl die hiesigen Omas die nächsten Tage darüber freuen werden.

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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