Die Sprache verloren

Ich bin schon immer gerne durch die Stadt gelaufen. Durch all den Schmutz, durch all den Lärm, durch all die Menschen. Morgens schlendere ich gerade häufig vom Rathaus-Center in Ludwigshafen durch die Innenstadt bis in den Stadtteil Süd hinein. Unterwegs kaufe ich mir einen Latte Macchiato to Go.

Nach der Hälfte des Weges komme ich an der städtischen Bibliothek vorbei. Vor drei Jahren hab ich dort ein Buch für einen Kollegen abgegeben und eine Überziehungsgebühr bezahlt. Neben der Bibliothek ist ein Cafe. Früher hab ich dort viel Zeit verbracht. Aber das Cafe hat sich mittlerweile verändert und ich fühle mich darin nicht mehr richtig wohl. Das Cafe gehört Valle. Valle ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Gegenüber vom Cafe ist irgendeine weiterführende Schule. Was für eine Schule genau, das weiß ich nicht. Vor der Schule sitzt jeden Tag ein Mann. Neben dem Mann steht ein Einkaufswagen und im Einkaufswagen sind viele Tüten.

Der Mann sitzt nicht nur da. Jeden Tag macht es den Anschein als hielte er eine Rede. Er wedelt mit den Armen, appelliert ins Leere und setzt seine Mimik ein. Es ist kein Publikum da. Seine Stimme ist nicht allzu laut, aber auch nicht leise. Man versteht kein Wort, obwohl der Mann nicht in einer Fremdsprache spricht. Es klingt beinah so als hätte er vergessen, aus welchen Buchstaben die Worte gebildet werden oder wie man die Vokale und Konsonanten richtig ausspricht. Vielleicht sind auch die Worte insgesamt nicht richtig kombiniert. Ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht, was er sagt. Ich weiß nicht, ob er die Passanten überhaupt registriert. Ich frage mich, ob es ihm selbst bewusst ist. Ich gehe beinah jeden Tag an dem Mann vorbei.

Was muss alles geschehen, dass man irgendwann die eigene Sprache verliert? Welche Möglichkeit verbleiben, um an die Umwelt anzukoppeln? Aber die größte Frage ist, die ich mir täglich im Vorbeigehen stelle, was ist mit uns nur verkehrt? Mit uns stimmt doch was nicht. Mitten unter uns hat jemand seine Sprache verloren.

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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