Die SmartCard

Und dann begab es sich, dass mein Arbeitgeber von BlackBerry auf Smartphones mit Windows gewechselt ist. Mich hat er dabei natürlich nicht gefragt. Ich hab meinen BlackBerry wirklich geliebt. Hauptsächlich deswegen, weil er so einen schönen altmodischen Silberrahmen hatte, der mich an das erste iPhone erinnert hat. Jedenfalls, ich habe mich mit Händen und Füssen gewehrt und als das neue Nokia Lumia mit Windows-Betriebssystem per Post geliefert wurde, hab ich die Verpackung erstmal ungeöffnet in den Schrank gelegt und einfach meinen BlackBerry weiterbenutzt. Irgendwann, ungefähr ein dreiviertel Jahr später, wurde jedoch auch die serverseitige Infrastruktur umgestellt und dadurch wurde der BlackBerry unbrauchbar. Da blieb mir nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beißen. Mit der Zeit hat man sich auch daran gewöhnt. Ich hatte eigentlich nur ein Problem und zwar konnte ich unterwegs keine verschlüsselten Mails mehr lesen. Es ist freilich nicht so, dass man jeden Tag hunderte von verschlüsselten Mails bekommt, aber ab und an kommt schon eine.

BlackBerry Bold

Also hab ich die Hotline angerufen (die Nummer der Hotline kann ich mittlerweile nachts ungefragt im Schlaf beten). Die Hotline sagte mir, um verschlüsselte Mails auf dem neuen Windows Phone zu lesen, muss auf dem Smartphone eine virtuelle SmartCard hinterlegt werden. Und auf dieser virtuellen SmartCard wird dann ein Zertifikat gespeichert, mit dem sich die Mails entschlüsseln lassen. Dabei wird die virtuelle SmartCard aus einem Zertifikat erzeugt, das auf meiner echten SmartCard gespeichert ist. Wenn wir in der Firma von einer SmartCard sprechen, dann meinen wir damit unseren Firmenausweis im Format einer Scheckkarte. Auf dem Firmenausweis stehen nicht nur Bild, Name und Nummer des Mitarbeiters, sondern darauf befindet sich auch ein waschechter Chip (quasi wie in einem richtigen Computer). Und deswegen (weil der Chip halt so intelligent ist) nennt sich das ganze SmartCard.
 
Schaltkreis
 
So schön, so gut. Die Hotline ging also hin und versuchte remote über die Fernwartung, die virtuelle SmartCard aus dem Zertifikat meiner echten SmartCard zu generieren. Dazu musste ich nur die SmartCard in den Rechner stecken und den Rest erledigte die Hotline. Leider hat dabei irgendwas nicht geklappt. Die Erstellung der virtuellen SmartCard lief trotz mehrmaliger Versuche immer wieder auf einen Fehler. Weil hier Profis am Werk waren, kam man schließlich auf die Idee, den Chip auf meiner echten SmartCard einfach neu zu konfigurieren (quasi so wie wenn man zuhause den Rechner neu aufsetzt). Und los ging’s. Ich war zu dem Zeitpunkt auch noch ganz entspannt. Der Support Engineer formatierte meine SmartCard und startete die Neukonfiguration. Und dann hat sich das System wieder aufgehängt. “Irgendwas stimmt mit Ihrer SmartCard nicht. Sie müssen sich einen neuen Ausweis machen lassen!” Im ersten Moment, dachte ich, macht nicht’s, gehe ich halt morgen im Laufe des Tages an die Ausweisstelle. Im zweiten Moment, dachte ich, halt, ich kann meinen Rechner ohne SmartCard ja gar nicht starten, ich muss jetzt also sofort an die Ausweisstelle.

Straßenbahn

Neue Firmenausweise gibt es bei uns auf dem Campus nur an der Ausweisstelle. Die Ausweisstelle ist natürlich geographisch im letzten Eck. Der Firmenausweis ist übrigens farbig. Unsere Corporate Identity besteht aus mehreren Farben. Diese Farben sollen unsere Vielfalt zum Ausdruck bringen. Meine Lieblingsfarbe ist aber leider nicht dabei. Jeder einzelne Werksausweis trägt auch nur einer dieser Farben (so viel zur Vielfalt). Ebenso wenig kann man sich die Farbe bei der Ausstellung des Ausweises aussuchen. Das System druckt (angeblich) nach Zufall. Mein alter Ausweis war rot! Meiner neuer Ausweis ist jetzt blau (blau mag ich überhaupt nicht).

Farben

Dann hab ich die liebe Frau an der Ausweisstelle noch gefragt, ob sie mir auch ein neues Umhängeband geben könnte (das Umhängeband ist nämlich immer in der Farbe des Ausweises gehalten)? Ich bin ein bisschen monkisch, deswegen ist mir das schon recht wichtig. “Nee, das ginge nicht, das müssen Sie beim Ihrem Sekretariat bestellen” (mein Unternehmensbereich hat keine Sekretariate mehr). Grummelig, bin ich zu meinem Arbeitsplatz gefahren (mit rotem Band und blauem Ausweis). Nach der physischen Ausweisausstellung muss man den Ausweis dann über die Hotline aktivieren und konfigurieren lassen. Und immerhin hat das tatsächlich ruckizucki geklappt und auch die virtuelle SmartCard auf dem Windows Phone konnte ohne Probleme generiert werden. Endlich wieder unterwegs verschlüsselte Mails lesen.

Rot Blau

Dummerweise hab ich den Ausweis drei Tage später verloren. An jenem Tag wollte ich eigentlich Homeday machen, musste mich dann aber wieder zur Ausweisstelle begeben. Die Frau hat mich natürlich ein bisschen komisch angeguckt. Dieses Mal durfte ich den Ausweis auch selbst bezahlen (weil ich ihn auch selbst verloren hab). Immerhin werden diese Einnahmen nicht als Gewinn verbucht, sondern an einen guten Zweck gespendet. Aber Happy war ich dann trotzdem, weil ich diesmal keine blaue Farbe gezogen habe. Und ein Band hab ich diesmal auch bekommen (weil ich das Band ja mitverloren hatte).

Geldspende

Zurück zuhause, kaum die Tür aufgemacht, klingelte das Telefon.

Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, habe ich gleich die Hotline angerufen. “Können Sie mir die SmartCard einrichten, ich hab einen neuen Ausweis.” “Kein Problem, gerne!” Nachdem die Hotline schon zehn Minuten am Werkeln und die Neukonfiguration fast abgeschlossen war, sagte die Dame am Telefon irgendwann, “Sie sind ja im HomeOffice!” “Ja!” “Im HomeOffice können wir die Installation nicht abschließen. Wir können die Installation nur im Firmennetzwerk abschließen. Können Sie sich per VPN ins Firmennetz einwählen?“ „Wie soll das gehen? Der VPN-Zugriff ist über die SmartCard abgesichert.“ Lange Rede, kurzer Sinn, ich bin nach dem Telefonat wieder in die Firma gefahren.

Straßenbahn

Zum Dienstschluss ging ich mit funktionierendem Ausweis voll glücklich an die Stechuhr, ziehe meinen Ausweis durch und das Stechgerät sagt, “Ausweis falsch”. Och Nö! Was’n das jetzt schon wieder? Zufällig war ich abends mit einer Kollegin aus HR verabredet, der ich ausführlich mein Leid anvertraute. Und glücklicherweise war ihr die Problematik bekannt. “Da ham dort bei der Ausweisstelle vergessen, deinen Ausweis mit der Zeitwirtschaft zu verknüpfen” “Sag jetzt nicht, dass ich da noch mal hin muss” “Nee, da musste nur ein Ticket aufmachen, aber nicht bei der IT-Hotline, sondern bei der HR-Hotline!”

Tickets bei der Hotline

Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.

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