Die halluzinierende Oma

Im Urlaub fahre ich recht selten mit der Straßenbahn. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich voll der Stubenhocker bin und die Wohnung nur im Notfall verlasse. Im Alltag dagegen bin ich ständig mit der Straßenbahn unterwegs, meistens auch mehrmals am Tag. Letztens hatte ich auf einer Fahrt wieder ein sehr interessantes Erlebnis.

Ich war gerade auf dem Weg zu einem außerhalb liegenden Projektbüro und saß in Fahrtrichtung auf einem dieser Sitze für zwei Personen. In der Stadtmitte von Mannheim stieg eine ältere Dame zu und setzte sich neben mich. Ich nahm kurz Notiz von ihrer Anwesenheit und blickte danach wieder aus dem Fenster. Plötzlich begann die ältere Dame frei geradeaus zu sprechen, obwohl kein Gesprächspartner in ihrer Nähe war.

„Letzte Woche ist die Frau von Hans gestorben.“
„Das Alter bringt besondere Herausforderungen mit sich.“
„Nein, ich mag das nicht.“
„Helena liegt immer noch im Krankenhaus.“
„Morgen kommt endlich der Handwerker.“

Oh Gott oh Gott!!! Die Frau halluzinierte. Ich bekam einen Schreck. Was macht man in so einer Situation? Muss man da überhaupt was machen? Und wenn ja, was? Die stabile Seitenlage hilft da ja nicht weiter! Obwohl ich schon erwachsen bin, hatte ich überhaupt keinen Plan. Ich blickte in der Straßenbahn umher. Die anderen Passanten schienen sich an der Situation nicht zu stören. Niemand nahm Notiz von der halluzinierenden Oma. Komisch! Ich überlegte. Eigentlich sind diese Illusionen ja nicht dramatisch. Jedenfalls kommt dabei niemand zu Schaden. Warum also die Oma nicht einfach weiter herumhalluzinieren lassen, wenn das Halluzinieren der Oma die Zeit vertreibt. Also tat ich so als wäre nichts, blickte aus dem Fenster und hörte der Oma weiter zu.

„Die Beerdigung ist am Donnerstag.“
„Ich würde gerne mal wieder ins Theater.“
„Den Hans-Jürgen habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“
„Gerhard pflegt seine Frau.“
„Ich muss später noch Einkaufen gehen.“

Ein paar Haltestellen weiter stand die Dame auf, drehte sich um und lief zum hinteren Ausgang in der Straßenbahn. Dabei mir fiel auf, dass Sie einen kleinen Bluetooth-Kopfhörer im anderen Ohr trug, mit dem sie scheinbar die ganze Zeit über telefoniert hat. Nach dieser Erkenntnis kam ich mir mal wieder sehr intelligent vor.

Oma mit einem Knopf im Ohr

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.