Die Erwartung in dir

Sie ist in dir und nicht in mir. Sie ist in deinem Kopf, sie ist in deinen Gedanken. Du hast sie selbst erschaffen. Du bist ihr Architekt allein. Woher du kommst, was du erlebt hast, was du tust. Es floss alles in den Bauplan ein. Raumklima, Belichtung und Material, die Innenarchitektur hast du dir selbst konzipiert und ausgedacht. Es standen dir keine Berater zur Seite. Das Haus wurde ganz nach deinen Wünschen gebaut. Es wurde nicht nur für dich gebaut, du hast es selbst gebaut. Du hast die ersten und letzten Steine gesetzt, du hast die Wände gestrichen, du hast den Boden verlegt. Trotzdem hat es dich keine Mühen gekostet, du hast nicht geschwitzt, du hast dich nicht schmutzig gemacht, das ging alles mehr oder weniger implizit nebenbei. Kaum war es eingerichtet, war es unmittelbar nicht mehr dein Geschmack. Das Leben verändert sich, du selbst veränderst dich, deine Bedürfnisse verändern sich. Deine Gedanken, deine Wünsche, deine Erfahrungen deformieren dieses Gebilde permanent. Es ist niemals gleich und immer anders. Du vergewaltigst es jeden Tag.

Aber mit mir hat das alles nichts zu tun. Ich hab daran keinen Anteil. Und mir ist das ehrlich gesagt, auch völlig egal. Es ist deine Sache und nicht meine Verantwortung. Ich habe keine Vereinbarung getroffen, ich habe keinen Vertrag unterschrieben, ich habe keine Zusage gemacht. Und ich weiß auch nichts über das, was sich in dir befindet. Ich kann deinen Kopf nicht öffnen und ich kann deine Gedanken nicht sehen. Deine Geschäftsbedingungen hängen nicht aus. Es ist ein mysteriöses Buch, das niemand kennt. Ich möchte das Buch nicht lesen, es ist dein Buch, nicht mein Buch. Aber lese mir ruhig ein paar Absätze vor. Lese mir Gedichte vor. Lese mir Kurzgeschichten vor. Aber erspare mir den ganzen Roman. Ich gehöre zu den Protagonisten, ich weiß das. Aber ich möchte nicht nach der Rolle forschen, die mir zugewiesen ist. Will nicht auswendig lernen. Will meinen Text nicht sprechen. Ich erwarte (das sage ich dir aber nicht), dass du noch mal die Fakten prüfst und Anweisung gibst. Nicht nur meiner selbst willen, sondern auch deiner selbst willen, dass wir die Zeit nutzen können, dass wir die Zeit nicht verschwenden, denn wir würden sie verschwenden, wenn unsere Köpfe durch falsche Annahmen über den Anderen vergiftet sind.

Sie hat dich fest im Griff. So fest, du kannst dich kaum dagegen wehren. Sie vergiftet deine Tage, sie vergiftet deine Gefühle, sie vergiftet dich. Dein Herz ist ummantelt und dein Herz ist eingeschweißt. Es ist von einer Filter-Bubble umgeben und diese Blase verschmutzt die Flüsse. Die Filter-Bubble verfärbt deine Empfindungen. Die Filter-Bubble verfärbt dich. Sie provoziert Enttäuschung und das Gegenteil. Sie richtet nicht nur dich, sondern auch mich, nicht nur mich, die ganze Welt dazu, das Universum und alles was in dem Universum zu finden ist, was wir aber nicht wissen, weil das Universum zu groß ist, um es zu erfassen. Erwartungen an das Universum haben wir trotzdem. Die Erwartung ist ihre eigene Instanz und Moral und Frau und Herr. Sie hat keine Gnade, Gnade braucht es nicht, wir sind nicht vor Gericht. Transparenz dem Staat, aber keine Transparenz für unsere Gedanken. Die Beschuldigten müssen nichts erfahren. Die Schuld, die sie tragen, diese Schuld tragen sie nur in unseren Kopf. Und unser Kopf ist geheim. Von ihrer Schuld wissen die Schuldigen nichts.

Seltsames Konzept, das Erwarten. Warten macht keinen Spaß. Vor allem, wenn der Zug nicht kommt. Wir stehen nur so rum und die Uhr tickt. Sie tickt und tickt und tickt. Leerzeit, die gefüllt werden muss. Gefüllt mit Büchern, Kurznachrichten, Facebook und Twitter. Die Zeit mag einfach nicht vorbei gehen, bis ER kommt, der Zug. Der Zug, bis er über uns geht und wir in den Zug hinein gehen. ERwartung. Den Zug können wir nicht herzaubern. Und trotzdem ist die Magie in uns. Den Zauberstab haben wir immer dabei. Als Lehrlinge wissen wir nicht, was damit tun. Eine Situation zu drehen, zu mischen, zu beeinflussen. Eingreifen, eindringen, einverleiben, die Situation. Die Situation, wir können sie formen, deformieren, transformieren. Anstatt zu warten. Anstatt zu erwarten. Anstatt zu verharren im Augenblick. Wir sind die Herrscher. Wir sind die Könige. Wir selbst sind unsere Zeit.

Soweit die Menschen, die Technik ganz anders. Dort ist vieles erlaubt, erwünscht und sexy, was sich unter Menschen nicht so schickt. Ist ja auch eine ganz andere Kiste. Ist ja Wissenschaft, ist ja nicht blöde Menschelei. Ist nicht so anstrengend. Ist nicht so nervig. Die Naturgesetze verhalten sich immer gleich. So ein Atom, das hat keine Launen, es blutet nicht periodisch, es schläft immer gut. Ein Atom hat Eigenschafen und diese Eigenschaften, die reagieren genauso wie die Menschen mit ihrer Systemumwelt. Aber immerhin, immer gleich. Hurra! Vermuten, Abschätzen, Erwarten, kann man da schon mal machen. Nicht, dass Messwerte keine Überraschungen mit sich bringen würden, die dann wiederum erforscht werden müssen, weil man doch in der Forschung aus der Überraschung genau das Gegenteil machen möchte.

Was wäre wenn? Soll ich dieses? Würde ich jenes? Wozu die Fragen? Es gilt nicht für mich, aber für die Anderen. Die anderen sollen! Sie sollen dieses und jenes. Auf keinen Fall anders herum. Das wäre ja verkehrt. Die falsche Richtung, würde mir nicht passen. Zumindest nicht heute. Vielleicht morgen, das will ich aber nicht heute entscheiden. Diese Freiheit nehme ich mir. Die Welt dreht sich. Jeden Tag. Sie dreht sich jeden Tag um mich. Deswegen sollen die ja auch alle. Sollen mir dienen, sollen mir gefallen, sollen nach den Regeln leben, sollen die Regeln so leben, wie ich diese Regeln verstehe, und nicht wie sie die Regeln interpretieren, interpretieren kann ja jeder, darum geht es nicht, so wie ich die Regeln verstehe, so sind die Regeln richtig. Heyho! Die Weltformel sie ist, sie ist in mir!

So viel Erwartung in dir drin und ich kann mich auch nicht freisprechen. Sie ist zeitgleich Anspruch. Und Anspruch ist Ablehnung. Sich dagegen stemmen, wehren. Nur nicht geschehen lassen, ohne Grund. Der Prozess der Erwartungsforschung läuft permanent, belegt Systemressourcen. Schade um die Kanäle, andere Berechnungen bleiben dafür aus. Die Erwartung, sie gilt nicht nur für die Anderen, sondern sie gilt ebenso aus den Anderen heraus, auf dich hinzu und in dich hinein. Die Erwartung der Anderen, die wir vermuten, aber gar nicht wissen, ob sie da ist und trotzdem fügen wir uns in die Rolle ein, bei der wir denken, dass sie für uns gedacht ist.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
6 Kommentare
  1. marco
    Nicole 3. September 2014

    Wir sollten ein Treffen anberaumen. Inklusive Rotwein.

  2. marco
    marco 3. September 2014

    Den Kommentar verstehe ich jetzt nicht. Also ich verstehe den Kommentar zwar schon, aber irgendwie auch nicht. Gibt zu viel Spielraum für Interpretation.

  3. marco
    Heike 6. September 2014

    Interpretation? Nein, Nicole meint genau das!

  4. marco
    marco 6. September 2014

    Ja, weiß ich doch. Hab nur im ersten Moment etwas gestutzt und mich gefragt, was will sie mir denn jetzt damit sagen (also im Kontext eines Kommentars zum obigen Beitrag).

    Natürlich habe ich keine Einwände gegen die Planung eines Wiedersehens.
    Ist doch klar. ;-)

  5. marco
    Nicole 10. September 2014

    Ganz so ohne Interpretations-Möglichkeit ist meine Aussage allerdings doch nicht. Der Text hat einige Gedankengänge bei mir hervorgerufen, die sich hier nicht diskutieren lassen, sondern besser in ein persönliches Gespräch passen :)

  6. marco
    marco 10. September 2014

    Siehste Heike!
    Hab ich doch gewusst.
    Meine Antennen!!! ;-)

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