Der Tagesausweis

Das Meeting war für neun Uhr angesetzt. Mit Ausnahme meines Kollegen Tobias waren schon alle Teilnehmer anwesend. Ungefähr 5 Minuten nach 9 haben wir dann ohne Tobias angefangen.

Tobias war nur etwa 50 Meter Luftlinie entfernt, stand vor dem Firmeneingang und stellte fest, dass er seinen Mitarbeiterausweis vergessen hatte. Dummerweise hat man die Zugangskontrolle an diesen Eingang schon vor zwei Jahren automatisiert und deswegen gab es auch keinen Pförtner. Tobias klingelte an der zentralen Rufanlage und es meldete sich der Sicherheitsdienst. Ob man ihn reinlassen könne, Ausweis vergessen und so (ich fand das schon etwas gutgläubig). Nein, das geht leider nicht. Ohne Ausweis darf niemand auf das Gelände. Er muss sich leider am Haupteingang (der noch nicht automatisiert wurde) einen Tagesausweis anfertigen lassen.

Man kann die Strecke zum nächsten Eingang zwar auch zu Fuß laufen, ist aber schon ein gutes Stück. Also ging Tobias zurück auf den Parkplatz, stieg ins Auto, fuhr los, passierte 3 Kreuzungen, dort ins Parkhaus und über den Fußweg zum Haupteingang (der noch nicht automatisiert wurde). Dass ein Mitarbeiter den Ausweis vergisst, das passiert täglich. Der Tagesausweis ist also recht schnell gedruckt und ausgestellt. Tobias geht zurück ins Parkhaus, steigt ins Auto ein, fährt los, passiert 3 Kreuzungen, parkt, läuft zu Fuß an den Eingang, hält den Tagesausweis an den Scanner und nichts passiert.

Wenn Tobias mich gefragt hätte, ich hätte ihm das gleich sagen können. Denn der Tagesausweis besteht letztendlich nur aus schöner Pappe. Auf dieser schönen Pappe steht der Name des Inhabers und das war’s. Die echten Mitarbeiterausweise sind dagegen richtige SmartCards mit integrierter RFID-Technologie. Nur mit denen kann man Türen öffnen.

Also ruft Tobias wieder über die zentrale Rufanlage beim Sicherheitsdienst an. Ob man ihn reinlassen könne, hier der Tagesausweis (zeigt Tagesausweis in das Objektiv der Überwachungskamera). Antwort: Nein. Die Echtheit könne so nicht überprüft werden. Er müsse den Haupteingang rein (der noch nicht automatisiert wurde). An dieser Stelle war Tobias natürlich mental stark im Anschlag. Ich persönlich kann das zwar verstehen, muss mich aber andererseits auch wieder von seinen getroffenen inneren Annahmen distanzieren (denn so einfach funktioniert diese Welt schon lange nicht mehr).

Nun wieder zurück auf den Parkplatz, ins Auto einsteigen, losfahren, 3 Kreuzungen passieren, dort ins Parkhaus und zu Fuß an den Haupteingang (der noch nicht automatisiert wurde) laufen. Auf dem Firmengelände angekommen, dann die ganze Strecke ausschließlich zu Fuß wieder zurücklaufen. Als Tobias dann endlich eintraf, war das Meeting leider schon vorbei.

Tobias findet diese Geschichte bis heute nicht lustig. Ich dagegen finde die Geschichte immer wieder zum totlachen.

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
2 Kommentare
  1. marco
    Nicole 21. Februar 2016

    … mental stark im Anschlag … ich liebe diese Formulierung :)

  2. marco
    Heike 22. Februar 2016

    Hihihihihi – ich liebe es, wenn Prozesse sich verselbständigen :-)

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