Bis nichts mehr übrig war

Ich liebe meinen Freund. Ich liebe meinen Freund wirklich sehr. Aber sein Herz schlägt für eine andere Frau.

Es war noch nicht ganz Nacht. Die Musik füllte angenehm den Raum. Vorsichtig stellte der Kellner die Getränke auf den Tisch. Ein Cabernet Dorsa, ein Shiraz und ein stilles Wasser mit zwei Gläsern. Das kleine Teelicht freute sich leise und brachte alles zum Funkeln. Nach dem Kino gingen wir selten gleich nach Hause. Es war eine schöne Gewohnheit, danach noch irgendwo einzukehren.

Er zündete sich eine Zigarette an. Lukas sah heute traurig aus. Traurig und irgendwie verloren. Das lachende Kind war in weiter Ferne. Das kleine und wunderbare Kind. Ich nahm die Melancholie an. Ob er jetzt gerade an sie dachte? Wir sprachen nicht viel. Das taten wir selten.

Emma. Emma ist meine beste Freundin. Ich mag sie wirklich sehr. Wir spielen regelmäßig zusammen Squash und gehen oft zusammen aus. Ich hab sie durch Lukas kennengelernt. Emma und Lukas sind Kollegen. Emma ist Programmiererin. Ich habe Emma von Anfang an in mein Herz geschlossen. Ich frage mich heute manchmal, wie weit die beiden damals schon waren.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Der Blick war mehr ein Samen. Ein lautloser Klang, der zu einem Geräusch aufsteigt, jeden Tag, ganz unscheinbar. Irgendwann ist der Ton nicht mehr zu überhören. Und dann stellt man sich Fragen. Ist da was? War da was? Das Gefühl ist da. Und die Kontrolle längst verloren. Bei uns war es nie so. Wir mussten uns unsere Liebe erarbeiten. Unsere Liebe war nie einfach so da.

Es ist ungefähr ein Jahr her. Da wurde mir es mir bewusst. Es brannte sich in meine Augen. Es brannte sich ganz tief in meine Seele hinein. Es war so unantastbar wie ein mathematisches Gesetz. Man konnte es nicht ablehnen. Man konnte es nicht verneinen. Es war jetzt. Es war hier. Es war real.

An jenem Abend waren wir getrennt unterwegs. Ich hatte mich lange darauf gefreut, meine ehemaligen Studienkollegen wieder zu sehen. Das Leben sorgt manchmal für seltsam offensichtliche Zufälle. Ich saß mit drei Frauen und zwei Männern im Restaurant auf der Empore und war guter Laune. Und dann kam Lukas rein. Mit Emma. Anfangs freute ich mich noch.

Je mehr Minuten vergingen, umso mehr schwand meine Freude. Und ein stilles Unbehagen hob sich empor. Es ließ die Musik verschwinden. Es ließ mein Essen verschwinden. Es ließ meine Freunde verschwinden. All meine Sinne waren auf diesen Tisch gerichtet.

Ich habe Lukas noch nie so gesehen. Er lächelte, er lachte, er war fröhlich. Er leuchte, er funkelte, er schien glücklich. Und Emma auch. Sie waren ganz bei sich selbst und bildeten zusammen eine Art Mittelpunkt. Ohne ein Gebot zu brechen. Sie berührten sich nicht. Sie küssten sich nicht. Aber man konnte es spüren. Zwei Planeten in ihrer richtigen Umlaufbahn.

Lukas riss mich aus den Gedanken. Ob wir noch einen Wein bestellen? Ja, gerne. Wir tranken oft viel mehr als uns gut tat. Wir waren gerne im Café bei Wein und Zigaretten. Unsere Sprachlosigkeit fand ihren Ausgleich in der Wärme der Zweisamkeit. Es ist wie richtig und falsch im gleichen Moment. Die Liebe ist da, nur ist sie nicht am richtigen Platz.

Ich beobachte ihn. Wie seine Blicke verstohlen durch den Raum streiften. Wie er sich bemühte, nicht zu offensichtlich meinen Busen zu bewundern. Wie er in seiner Handtasche nach weiteren Zigaretten suchte. Wie er sanft sein iPhone in die Hand nahm. Wie er die Dinge auf dem Tisch in seine Ordnung zurück sortierte, nachdem der Kellner die Bestellung gebracht hatte. Lukas war manchmal ein richtiges Schauspiel. Seine alltäglichen Eigenheiten summieren sich fast bis zum Mond. Letztens habe ich ihn dabei erwischt, als er beim Einkaufen die Waren auf dem Fließband „ordnete“. Das Schöne daran war, dass er sich dabei selbst nicht ernst nahm, die Dinge als solches aber mit ganz ernster Vehemenz durchzog. Dafür liebte ich ihn.

So soll doch die Liebe sein, oder? Den Partner nicht zu verbiegen. Ihn nicht zu transformieren. Sondern den ganzen Menschen anzunehmen. So wie er war. Mit all seinen Fehlern und Schwächen. Das konnten wir sehr beide gut. Wir stritten nie. Es fehlten die Streitfragen. Wir ließen und achteten uns genauso wie wir waren. Wir nahmen kein Anstoß an unserer Unterschiedlichkeit. Vielleicht fehlte auch die Relevanz. Die Welt drehte sich und wir drehten uns mit.

Mit Emma hatte er oft Krach. Er kam dann sehr zornig nach Hause. Das hat mich stets irritiert. Mir ist es nie gelungen Lukas derart aus der Reserve zu locken. Ich habe es nie geschafft, dass er mich anschreit, dass er eine Tür zu schlägt, dass er nicht mehr mit mir redet. Ich wusste meistens nicht, wie ich reagieren und auf welche Seite ich mich stellen sollte. Ich stand immer mittendrin. Es machte auch keinen Sinn. Es ging nicht um Recht oder Unrecht. Es ging darum, dass etwas im Ungleichgewicht war.

Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Hause. Ich schob meine Hand zwischen seine überschlagenen Beine. Das gab mir Sicherheit. Sicherheit und Wärme. Lukas blickte aus dem Fenster. Es war eine ruhige Nacht. Kein Lärm, kein Tumult, keine Aufregung zwischen den Lichtern der Stadt.

Zuhause machten wir uns gleich bettfertig. In unserem Bad gab es nur ein Waschbecken. Wir standen beide davor und putzen die Zähne. Müde und in Vorfreude auf den Schlaf. Jedes langjährige Paar hat seine unausgesprochenen Rituale. Wir taten alles synchron. Wir zogen uns gemeinsam aus, gingen gemeinsam ins Bad, putzen uns gemeinsam die Zähne und gingen gemeinsam ins Bett. Als wären wir gar nicht zwei, sondern eins.

Am nächsten Tag ging jeder seinen Weg. Ein letzter Kuss vor der Haustür. Ich ging links und er ging rechts. Lukas musste arbeiten, aber ich hatte den Tag frei und wollte ein paar Dinge erledigen. Erledigungen waren immer schwierig. Wir liebten beide unsere Arbeit und zum Erledigen verlieb oft nur wenig Zeit.

Zwischen Emma und Lukas bestand ein unsichtbares Band. Das spürten auch Kollegen und Freunde. Es sorgte oft für Irritationen. Sie waren hilflos einander ausgeliefert. Als ob die beiden jeweils in der Gravitation des anderen gefangen wären. Selbst ihre Gemütszustände waren meist symetrisch. Wenn Lukas schlecht gelaunt war, hab ich Emma niemals lächeln gesehen. Und umgekehrt.

Manchmal drang die Wut durch. Die innere Wut. Und wir richten sie immer gegen den Anderen. Von Zeit zu Zeit kippte die Atmosphäre beim Squash. Emma und ich spielten dann nicht aus Freude. Wir kämpften gegen den Gegner. Mit all der Aggression, die wir zu Verfügung hatten. Keinen Ball gaben wir verloren. Ich versuchte den Feind zu besiegen und Emma versuchte ihre Fesseln zu lösen. Bis wir ganz kraftlos auf den Boden sanken.

Ich brachte nie den Mut auf, Lukas auf meine Vermutung anzusprechen. Ich hatte Angst vor der Antwort. Ich wusste, dass ich die Antwort nicht ertragen könnte. Und so schob ich einfach weg, was eigentlich ohne Zweifel war. Tat so als wäre nichts. Wartete still bis die Lebenslüge von selbst in sich zusammen fiel.

Zurück blieb ein seltsames Gefühl. Trotz der Wärme, die wir einander gaben. Vielleicht hatten wir beide nicht die Courage. Vielleicht konnten wir nicht loslassen. Vielleicht hatten wir nur Angst. Das Eigentliche. Wir drückten es weg. Mit aller Kraft.

Das bezahlten wir mit unserem eigenen Unglück. Innerlich starben wir aus. Jeden Tag ein kleines Stück. Bis nichts mehr übrig war.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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