Automatisierter Journalismus

Früher hat man immer einen Menschen gebraucht. Um etwas zu schaffen, zu verrichten oder zu erledigen. Der Mensch hat das Feld bestellt. Und der Mensch hat die Früchte geerntet. Das war ziemlich anstrengend. Mittlerweile haben wir zum Glück die Maschinen erfunden. Seitdem gehen uns die Sachen leichter von der Hand. Viele Aufgaben haben wir sogar schon komplett den Maschinen überlassen und müssen die Maschine eigentlich nur noch einschalten. Die Arbeit macht dann die Maschine ganz von allein. Wir müssen die Maschine weder bedienen noch beobachten. Eine tolle Sache. Das hat uns so gut gefallen, dass wir nach den Maschinen die Informationstechnik erfunden haben. Informationstechnologie ist quasi das nächste Level. Die Sache klingt im ersten Moment eigentlich ziemlich langweilig. Man nehme beliebige Informationen, transformiert diese Daten und heraus kommt dasselbe, nur in anderer Form. Wer das nicht kapiert hat, kann mal kurz 3 + 5 ausrechnen. Letztlich ist Informationstechnik ein Synonym für Intelligenz. Unser Gehirn macht ja schließlich auch nichts anderes. Der Input ist die Welt, die Transformation ist unser Denken und heraus kommt unser eigener Standpunkt.

Wenn man diese Intelligenz nun mit den Maschinen kombiniert, gibt es keine Grenzen mehr und die Möglichkeiten konvergieren im Unendlichen. Der Automatisierungsgrad dringt immer tiefer und weiter in unser Leben ein. Seltsamerweise merken wir das gar nicht. Es ist ein unsichtbarer Prozess. Angefangen hat es in den klassischen Fabriken, in denen wir seit langer Zeit schrittweise von Robotern verdrängt werden (das haben wir noch gespürt). Die Verdrängung findet aber schon seit vielen Jahren auch außerhalb der Fabriken statt (das spüren wir nicht mehr). Unser Bargeld erhalten wir schließlich nicht am Schalter, sondern vom Geldautomat. Es ist so selbstverständlich wie unspektakulär. Auch verantwortungsvolle Verrichtungen wie Personenbeförderung haben wir teilweise schon an die Maschinen abgegeben. Am Frankfurter Flughafen transportiert eine Hochbahn namens SkyLine die Passagiere zwischen den Gates hin und her, ohne Fahrer, vollautomatisch. Lange hat man gedacht, dass Automatisierung nur einfache, gleichartige und strukturierte Tätigkeiten ersetzen kann. Aber das ist nicht richtig. Denn wir stehen an einer neuen Schwelle und jetzt geht es an das Eingemachte.

Computer Journalismus

Computer und Algorithmen sind mittlerweile in der Lage sehr komplexe Tätigkeiten selbst und eigenverantwortlich durchzuführen. Und die Substitution von Mensch durch Maschine ist nun auch in Bereichen greifbar nahe, in welchen der Mensch bisher als unersetzbar galt. Im Journalismus, zum Beispiel. Zu diesem Thema hat Lorenz Matzat auf der Republica 2014 in Berlin einen Vortrag namens „Roboterjournalismus: Wenn Algorithmen Nachrichten machen“ gehalten und über den aktuellen Stand der Forschung berichtet. Mich hat das ehrlich gesagt schon etwas gegruselt. Was soll man davon halten, wenn ein Computer einen Zeitungsartikel schreibt? Sind wir tatsächlich schon so weit? Sind unsere Algorithmen wirklich in der Lage einen journalistischen Text zu erschaffen? Ich bin dem technischen Fortschritt nicht abgeneigt und verfüge eigentlich über ein fundiertes Wissen der Informatik (denke ich zumindest), sodass ich mir eine konkrete Vorstellung über eine Neuerfindung in meinen Gedanken anlegen kann. Ich kann also mir grob herleiten und skizzieren, wie eine neue Technologie „in etwa“ funktioniert. Beim Computer Journalismus hatte ich aber irgendwie ein Problem.

Dass viele Reportagen schon data-driven sind, okay. Man denke nur an die Berichterstattung bei der Fußballweltmeisterschaft. Da werden Spielsituationen herausgegriffen, die Kamera dreht sich und das ganze Spielfeld dreht sich mit. Es werden Vektoren auf das Spielfeld gelegt, um taktische Spielzüge zu erklären. Und es werden Simulationen durchgeführt und umfangreiche Statistiken bescheren uns einen richtigen Mehrwert. Das kommt alles direkt aus dem Computer und wir als Mensch bauen darauf auf; wir Menschen stehen daneben und erklären. Aber dass der Computer selbst einen Text auf Knopfdruck schreibt, das ist dann noch mal eine andere Hausnummer. In mir drin war irgendwie ein Widerstand. Aber je länger man darüber nachdenkt, je länger man sich damit beschäftigt, umso nachvollzierbarer ist das Ding. Es ist logisch. Es ist naheliegend. Es ist der nächste Schritt.

Journalismus durch Algorithmen und Daten

Eigentlich ist das (handwerklich betrachtet) auch kein Hexenwerk, so ein Bericht über ein Fußballspiel. Welche Mannschaften standen auf dem Platz? Wie war die Stimmung im Stadion? Wie war der Spielverlauf? Hat sich das Spiel gedreht? Wer hat das Spiel dominiert? Gab es böse Fouls? Gibt es einen Helden? Wer hat die Tore geschossen? Gab es erwähnenswerte Situationen? Gab es schwere Verletzungen? Wie ist das Spiel ausgegangen? Es sind immer die gleichen Fragen. Und all diese Fragen kann man aus Daten ableiten. Viele dieser Daten kann man direkt im Stadion durch Mikrofon und Kamera erheben. Und aus diesen zwei Datenquellen kann man alles Weitere berechnen.

Der Spielverlauf wird also permanent und vollständig in Bild und Ton aufgezeichnet. Und der Computer rechnet permanent mit. Und die Ergebnisse werden ebenfalls wieder gespeichert und weiteren Berechnungen zugrunde gelegt. Der Datenstream aus Bild und Ton liefert alles, was der Computer braucht. Die Atmosphäre im Stadion wird über den Audiokanal ausgelesen, die Kamera ist überall, sie folgt dem Ball und zeitgleich betrachtet sie auch Szenen auf der anderen Seite des Spielfelds. Pässe werden genau analysiert. In welche Richtung wird der Ball gespielt? Wie viele Pässe werden in einer Minute gespielt? Kommen die Pässe überhaupt an? Und wenn ja, wie oft? Wie schnell bewegen sich die Spieler? Selbst ein Laie erkennt unmittelbar den Spirit eines Fußballspiels. Was ein Laie kann, das kann ein Computer schon lange.

Aber ein Computer kann noch viel mehr. Er kann die Taktik und Spielzüge viel besser analysieren als ein Mensch das vermag. Dazu braucht es nur eine historische Datenbank, mit deren Hilfe der Spielverlauf verglichen wird. Ähnlich wie bei einem Schachcomputer. Die Intelligenz des Schachcomputers basiert nämlich im Wesentlichen aus Algorithmen und einer Datenbank (Bibliothek). Diese Datenbank enthält Spielzüge historischer Duelle von Großmeistern und ist im Kleinen, was BIGDATA im Großen ist. Im Schachspiel kann der Mensch übrigens schon lange nicht mehr gegen den Computer gewinnen. Das letzte große Duell fand im Jahr 2006 statt (das ist jetzt also fast schon 10 Jahre her). Der russische Großmeister Wladimir Kramnik verlor gegen das Programm Deep Fritz 10 eindeutig mit 2:4. So ein Fußballfeld ist eigentlich auch nichts anders wie ein Schachbrett. Wir sehen nur die Quadrate nicht.

Es braucht am Ende einfach nur Daten. Und die verfügbaren Daten werden dann hemmungslos miteinander kombiniert. Daten aus dem laufenden Spiel werden mit Meta-Daten werden mit Daten aus der Liga werden mit historischen Daten kombiniert. Auf diese Weise kann ein Computer erkennen, wenn eine Mannschaft das Spiel gewinnen muss, damit ein Abstieg verhindert wird. In diesem Kontext kann aus der Spielweise abgeleitet werden, ob sich diese Mannschaft schon aufgegeben hat oder ob sie für den Klassenerhalt kämpft. Der Computer kann erkennen, wann ein Spieler über sich hinauswächst oder einen Leistungseinbruch erleidet, sobald die statistische Abweichung über einen individuellen Grenzwert geht. Dahinter steht eine unendlich lange Kette von WENN-DANN-Verzweigungen und iterativen Schleifen. Wissenschaftlich ist es erwiesen, dass jegliche Logik über diese Elemente abgebildet werden kann. Und wir als Menschen machen auch nichts anderes, wir denken logisch.

Am Ende müssen all die Daten und Schlussfolgerungen nur noch niedergeschrieben werden. Dazu braucht man Worte, deren Bedeutung und eine Anleitung, wie die Worte am Ende zusammengesetzt werden müssen. Und das nennt sich dann Grammatik. Die Grammatik ist ein systematisches Regelwerk, um all die vielen Worten semantisch zu kombinieren, damit wir Sprache überhaupt verstehen. Und alles, was systematisch ist, mag der Computer besonders gerne. Es mag es nicht nur gerne, sondern er kann damit umgehen. Es fügt sich alles zusammen und wird miteinander vermischt. Worte, Satzbau, Grammatik, Fakten, Daten, Spielzüge, Fußballinformationen.

Der Computer wird nicht nur Sportberichte schreiben, sondern auch tägliche Berichte vom Aktienmarkt. In der USA werden 70 % des Aktienhandels von Computern ausgeführt. Computer analysieren die Kurse, Computer kaufen Aktien, Computer verkaufen Aktien, alles in Hochgeschwindigkeit (High Frequency Trading) und alles eigenverantwortlich ohne menschliche Beteiligung. Wussten Sie das? Der Computer bestimmt und steuert den wichtigsten Aktienmarkt der Welt. Also wenn er das tut, dann ist die entsprechende Niederschrift ja eigentlich fast schon selbstverständlich.

Defekter Journalismus

Wenn man sich den Journalismus von heute anschaut, dann springt ein Sachverhalt sofort ins Auge. Der Journalismus ist kaputt. Das ist traurig, aber die Wahrheit. Noch viel trauriger ist der Sachverhalt, Journalismus ist nicht irgendein Beruf. Journalismus hat besondere Aufgaben, die sehr wichtig für die Gesellschaft sind. Aber die publizistischen Grundsätze gelten leider nicht mehr. Wir haben leider keine Zeit mehr für solch einen Quark. Zeit ist Geld. Wir müssen liefern. Jeden Tag und wir sind zu wenige Leute (weil Leute teuer sind). Trotzdem müssen wir liefern. Deswegen tippen wir die Pressemitteilung einfach ab. Und wenn es keine Pressemitteilung gibt, schreiben wir einfach von anderen Zeitungen ab. Oder noch besser, wir lagern das alles aus und kaufen über einen Pressedienst die Nachrichten ein. Für eigene Annahmen, Interpretationen oder gar Verifikation ist schon lange kein Platz mehr.

Der Journalismus ist kaputt. Und der Computer gibt uns nun die Möglichkeit, den Journalismus zu reparieren. Wir müssen es nur tun und einen Teil der Verantwortung abgeben. Wir geben das Tagesgeschäft ab. Wir geben die Standardberichterstattung ab. Wir geben das Brot- und Butter-Geschäft ab. Wir geben ab, was keiner Interpretation oder kreativen Recherche bedarf. Das gibt uns etwas Wichtiges zurück und das ist die Zeit. Die Zeit, die wir brauchen, um die Welt zu entdecken und ihre Geschichten zu finden. Es gibt so viele Geheimnisse. Wir müssen Forschungen anstellen. Wir müssen über Thesen, Annahmen und Interpretation hinausdenken und deren wahre Konsequenz und Bedeutung offenbaren. Und dabei bleibt es nicht, weil die Sache noch ansprechend verpackt werden muss, damit das Lesen auch Spaß macht. Der Computer gibt uns die Möglichkeit zurück, wieder als Entdecker zu wirken und die Welt dem Leser begreifbar zu machen.

Diese Chance werden wir natürlich versauen. Stattdessen werden wir die vielen wunderbaren Journalisten einfach vor die Tür setzen. Die brauchen wir nun ja nicht mehr, außerdem sparen wir Geld und wer interessiert sich schon für die Wahrheit in den Köpfen der Anderen? Mit Nachhaltigkeit hat sich unsere Gesellschaft immer sehr schwer getan. Wir müssen immer erst den Schmerz spüren. Aber der Schmerz wird kommen. Nicht nur im Journalismus, sondern in allen Branchen und Lebensbereichen. Der Journalismus diente in diesem Text nur als Vehikel. Es werden durch die anstehenden Technologiesprünge viel mehr Jobs wegfallen als neue Industrien entstehen. Die Arbeit verschwindet. Wir zerstören Arbeit. Wir entfernen Arbeit. Wir löschen die Arbeit aus. Und die Arbeitslosenzahlen steigen und steigen und steigen. Und das ist gut so. Weil es uns unter Druck setzt. Weil wir endlich die Zukunft denken müssen. Wir müssen neue Systeme denken. Neue Gesellschaftssysteme, neue Wirtschaftssysteme, neue Weltsysteme.

Links
Datenjournalist (Blog von Lorenz Matzat)
Roboterjournalismus: Wenn Algorithmen Nachrichten machen (Republica 2014)

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
1 Kommentar
  1. marco
    marco 23. Januar 2015

    Ja, das ist leider kein Humbug, was ich da oben verzapft habe. ;-)
    http://heise.de/-2525992

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