Wer bin ich?

Die letzte Stunde habe ich damit verbracht, mit Freunden auf Twitter herumzualbern. Eigentlich wollte ich mein Bücherregal abstauben, aber dann schrieb ich einen Tweet und eins kam zum anderen. Heute ist es dunkel draußen. Viel dunkler als die letzten Tage und Wochen. Die Sonne macht eine Pause und ich fühle mich innerlich wohl. Die Wolken sind der Missing Link und ich bin zeitweise kein Fremdkörper. Die Kaffeemaschine unterbricht das Lied For now I am Winter von Olafur Arnalds. Das Mahlwerk zerdrückt die Bohnen und für ein paar Momente ist kein anderes Geräusch im Raum. Ich öffne die Tür zum Balkon und zünde mir eine Zigarette an. Wenn es duster ist, machen die Menschen tagsüber ein Licht an und man kann in die Wohnungen sehen. Der Nachbar gegenüber steht am Herd. Die Oma in der Wohnung links daneben ruht sich im Sessel auf. Ganz oben hängen zwei lesbische Frauen gemeinsam die Wäsche auf. Und irgendwo höre ich Streit. Alles ist richtig! Nichts ist verkehrt. Ich sauge den Moment auf. Der leere Raum öffnet sich und stellt mir plötzlich eine Frage, wer bist du?

Skizze: Haus im Querschnitt

Wer bin ich?

Bin ich meine Kleidung? Meine dunkelblauen Jeans, mein weißes Hemd, mein dunkler Pullover? Gerade erst vor ein paar Tagen sagte meine Schwester, ich wäre immer so langweilig angezogen. Und ich muss zugeben, sie hat leider recht. Mein Kleidungsstil ist maßgeblich von meiner ersten Freundin geprägt und meine erste Freundin war immer sehr ordentlich angezogen. Eigentlich würde ich viel lieber komplett schwarz durch alle Schichten tragen. Aber schwarz wird mit der Zeit durch das Waschen grau und ich möchte nicht ebenso ergrauen. Kleider machen Leute und wenn ich mir eine neue Garderobe zulegen würde, wäre ich dann noch der gleiche oder schon anders? Ein bisschen anders oder ein bisschen mehr anders? In welche Schublade würde ich umsortiert? Uniformen lassen das Individuum verschwinden und vielleicht sollte ich das mal ausprobieren. Die meisten meiner Kollegen tragen Anzug im Büro, aber ich trage keinen Anzug, obwohl ich eigentlich laut Etikette einen Anzug tragen müsste. Warum tue ich das nicht?

Skizze: Uniform

Wer bin ich?

Bin ich mein Körper? Den Körper, den ich im Spiegel sehe? Ist das mein Körper? Bin das wirklich ich? Oder bin ich das nur teilweise? Wenn sich eine andere Person vor den Spiegel stellt, zeigt der Spiegel einen anderen Körper. Wenn ich meine Taille ablehne, gehört die Taille dann überhaupt zu mir? Ich habe mir die Taille nicht ausgesucht. Resultiere ich aus dem Körper oder resultiert der Körper aus mir? Ich kann ihn formen, genau so formen, wie ich meinen Körper brauche. So gesehen ist der Körper dann nur ein Werkzeug. Ich kann mich zwar seinen Teilen bedienen, aber der Körper bedient sich genauso mir. Weil er zurück wirkt und mein Bewusstsein beeinflusst. Ich fühle mich wohl, wenn ich einen neuen Pullover trage, weil sich der Pullover auf der Haut gut anfühlt. Genauso fühle ich mich schlecht, wenn der Körper defekt ist, also krank. Es sind Zahnräder, die ineinander greifen. Ich kann den Körper nicht austauschen, es ist mit mir verwachsen und ich kann der Deformation nicht entfliehen. Der Körper ist da und ich bin darin.

Skizze: Spiegel

Wer bin ich?

Bin ich meine Haare? Sie sind braun. Etwas zerstruppelt. Das sagen die anderen, ich sage das nicht. Als Kind war ich blond, heute nicht mehr. Lange Zeit habe ich lange Haare getragen, was mich sehr stark differenziert hat, weil alle anderen Jungs kurze Haare getragen haben. Und in einigen Jahren habe ich wohl keine Haare mehr, nicht nur wegen dem Alter, sondern wegen der Gene. Welchen Teil von mir werde ich dadurch verlieren? Bin ich dann überhaupt noch vollständig? Werde ich noch richtig gesehen, so wie bin, weil Haare doch auch Identität zum Ausdruck bringen und ich dann aber bestimmte Identitäten nicht mehr zum Ausdruck bringen kann. Eine Fußnote, eine Fußnote kann ich mir nicht auf dem Kopf schreiben (da fehlt was). Die Fußnote würden nur die Hubschrauber über mir sehen. Und was bringt mir ein Hubschrauber, der genau weiß, wie ich bin?

Skizze: Hubschrauber

Wer bin ich?

Bin ich meine Geschichte? Bin ich das, was ich erlebt habe? Auch wenn ich mir vieles gar nicht ausgesucht oder gewählt habe. Das war vielleicht nicht das Leben, das ich leben wollte, das war ein anderes Leben. Das Leben gehört natürlich trotzdem zu mir, obwohl ich es womöglich ablehne und verneine. Heute sehe ich Optionen, die mir damals nicht bekannt waren, die ich aber nicht mehr anwenden kann, weil sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt. Ich bin nun gewisse Wege gegangen und diese Wege haben etwas mit mir gemacht, was ich nicht mehr herauslösen kann, und in mir tragen muss. Darüber konnte ich weder entscheiden noch wählen. Vergangenheit ist Bezugsrahmen bin ich. Alles war gestern (ich bin gestern), heute ist ein neuer Tag (ich nicht, bleibe gleich) und Morgen noch unbekannt (mein Programm steht).

Skizze: Here (Zeit)

Wer bin ich?

Bin ich das, was ich denke? Die Gedanken sind frei. Und niemand kann sie sehen, hören, fühlen. Sie gehören mir allein. In meinem Kopf bin ich anonym und diese Anonymität schützt mich, weil du nicht weißt, was ich denke, ob ich dich liebe oder hasse oder gerade in dir penetriere, du weißt es nicht. Ich habe keine Angst und kann genauso denken, wie ich will. Ich brauche nichts zu verstecken und niemand kann die Wahrheit sehen. Trotzdem belüge ich mich zeitweise mit meinen eigenen Gedanken, weil es da noch eine andere Ebene gibt und Sachen existieren, die ich nicht wahrhaben möchte. Da geht’s noch tiefer rein und meine Neuronen sind auch Sklaven. Sie dienen und denken genau das, was ich denken möchte. Obwohl Denken nichts bedeutet. Schließlich kann jeder irgendwas denken und dann etwas ganz anderes machen oder gar nichts machen, sondern nur etwas gedacht habe. Ich steuere meine Gedanken und gleichsam sind die Gedanken außer Kontrolle.

Skizze: Sprechblase

Wer bin ich?

Bin ich das, was ich tue? Schließlich ist die Tat die einzige Sache, die zählt, weil ein neuer Sachverhalt entsteht und seine Relevanz beansprucht. Aber habe ich überhaupt eine Wahl gehabt und kann ich mir das Handeln zu Eigen machen? Und vielleicht hätte ich viel lieber etwas ganz anderes getan, bin aber an der eigenen Angst gescheitert. Bedeutet ein Versuch gar nichts oder heißt das jetzt, ich bin ein Feigling? Für die Angst kann ich doch gar nichts. Ich habe sie nicht gerufen oder hergedacht. Sie kommt aus ganz tief in mir drin. Und ich weiß nicht, wie es die Angst geschafft hat, in mich hineinzukommen. Ich habe sie nicht eingeladen. Die war immer schon da. Irgendjemand hat die Angst in mich hinein gemacht, ich war das jedenfalls nicht. Und jeder Moment ist anders und gibt mir unterschiedliche Energien mit. Kann doch ich nichts dafür, dass der Augenblick nicht zur Angelegenheit gepasst hat.

Skizze: Schrei

Wer bin ich?

Bin ich meine Werte? Schließlich ist das meine Position. Das ist mein Leuchtturm. Das ist mein Manifest. Ich hab dieses Haus selbst gebaut und errichtet und ausgesucht. Das ist nicht nur eine Brille, das ist total deep, my dear. Das innere Katasteramt ist auch permanent mit der Weltvermessung beschäftigt. Und dann muss ich daran denken, dass ich wenige Menschen kenne, die ihre Ansichten wahrlich leben. Eigentlich ist es immer umgekehrt. Die Menschen leben das Gegenteil, was sie sagen und propagieren. Und weil ich selbst ein Mensch bin, kann ich mich davon nicht freisprechen. Wer hässlich ist, der ist schön. Deswegen frage ich mich manchmal, ob wir zur zur Gegenseite wechseln müssten, um das Leben zu leben, das wir leben möchten. So gesehen ist alles Lüge, was ich bin. Die eigene Inkonsistenz ist nicht leicht zu erkennen und zu greifen.

Skizze: Leuchtturm

Wer bin ich?

Bin ich überhaupt vollständig aus mir selbst gebaut. Habe ich den Bauplan entworfen oder habe ich den Entwurf nur stillschweigend abgesegnet? Sind die Bausteine von meinen eigenen Händen vermörtelt worden? Bin ich zickig, weil ich mich selbst zickig gemacht habe? Oder sind das nur die Gene? Das Fundament meiner Eltern? Die Traumata meiner Vorfahren? War das nicht alles schon irgendwie festgelegt? Und ich nehme ein tiefes Bad und ertrinke. Was kann ich für mich selbst beanspruchen und was gehört meiner Mutter, meinem Vater, meinen Freunden? Vielleicht bin ich etwas mehr die als weniger ich.

Skizze: Zerstörung

Wer bin ich?

Bin ich das, was der Andere über mich denkt? Schließlich ist das Denken der Anderen ein wesentlicher Teil der selbstempfundenen Identität. Aber woher kann ich überhaupt wissen, was der Andere denkt? Und wenn ich jetzt was Falsches denke, dass andere über mich denkt, dann ist meine Identität völlig verkehrt, weil ich meine eigene Identität auf verkehrten Annahmen definiere. Also bin ich das, was ich denke, dass der Andere über mich denkt? Also denke ich mich doch wieder selbst. Und wenn dann noch jemand in den Raum kommt, mit einem anderen Leben im Hintergrund, der denkt vielleicht noch mal was anders über mich, als derjenige, der sich schon im Raum befindet. Und dann entsteht ein Identitätskonflikt und ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Skizze: 3 Menschen

Wer bin ich?

Bin ich das, was ich fühle? Es lügt nicht. Es ist ganz tief in mir drin. Und bestimmt über mich. Und dann stellt sich raus, doch nur Hormone. Und diese Hormone kann man durch Medizin beeinflussen und schwupidiwups bin ich ein völlig anderer. Das Hormon an sich ist ein biochemischer Botenstoff und determiniert Gefühle. Aber ich bin doch kein Hormon. Ich bin ein ganzer Mensch mit vielen Jahren Leben und spezifischer Beschaffenheit. Das gilt nicht! Das hat mir auch niemand vorher gesagt! Das ist völlig unfair und nicht richtig. Es gibt Progesteron (das beruhigt mich), es gibt Östrogen (das macht mich glücklich), es gibt Testosteron (das treibt mich an), es gibt Oxytocin (das bindet mich an dich) und wo bin ich?

Skizze: Hormone

Wer bin ich?

Und welches Ich ist überhaupt das richtige? Das Kind in mir, das Über-Ich oder das echte Ich. Welches Ich bin ich? Das Kind, das auf Reize, Urtriebe und Gefühle reagiert? Das Über-Ich, das mir die Regeln gibt und innerlich über mich richtet? Oder das operative Ich, das ich lebe und ständig zwischen den anderen Ichs aushandeln muss? Oder gibt es vielleicht noch ein weiteres Ich? So wie bei Batman? Batman, der dunkle Ritter? Bruce Wayne, der Millionär? Bruce Wayne ist strenggenommen auch nur eine Maske. Ein leere Hülle und voller Lügen. Aber wer ist Batman jetzt wirklich? Welche Person ist echt? Die Wahrheit ist, beide Identitäten sind verkehrt und zwischen diesen Polen gibt eine dritte Person, die nur selten in Erscheinung tritt. Diese dritte Person ist ohne Namen und ihre Identität ist trotzdem die Wahre.

Skizze: Batman Symbol

Wer bin ich?

Bin ich das, was ich liebe? Die Frau, die ich liebe, ist ganz anders. Die Frau, die ich vor der Frau, die ich jetzt liebe, geliebt habe, war auch nicht wie ich. Duschgel mit Zimt, das liebe ich auch, aber ein Duschgel mit Zimt kann ich auch nicht sein, weil ich doch ein Mensch bin und ein Mensch etwas anders ist, als Duschgel mit Zimt. Ist es relevant, wie ich liebe? Wenn ich besitzen möchte, bin ich dann Besitz? Wenn ich loslassen möchte, bin ich dann wirklich frei? Wenn ich benutzt werden möchte, bin ich dann nur ein Gegenstand? Und was sagt das über mich aus? Es sollte egal sein, weil Liebe Liebe ist, aber es ist nicht egal, oder ist es vielleicht doch egal?

Skizze: Sex

Was ist der Mensch?

Jede Sekunde werden 10 bis 50 Millionen Zellen im menschlichen Körper ausgewechselt und alle sieben Jahre ist der Körper wie komplett ausgetauscht. Und die ausgetauschten Atome sind irgendwo im Universum, aber ich weiß nicht wo. Vielleicht besteht dein Busen aus meine Schamhaaratomen vor 10 Jahren, wer weiß das schon? Also bin ich du, genauso wie du ich bist. Vielleicht ist die Frage auch vergeblich und es macht gar keinen Sinn, sich damit zu quälen. Ich bin hier und atme. Die gleiche Luft, die du atmest.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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