Shortbus

Was wäre, wenn es einen Ort gäbe, an dem wir uns selbst sein könnten? Einen Ort, an dem wir uns nicht verstellen oder anpassen müssten. Einen Ort, wo wir unsere Bedürfnisse nicht verbergen müssten. Einen Ort, wo wir unsere Fassaden und Masken ablegen können. Weil uns niemand verurteilt. Weil niemand über uns richtet. Weil jeder Mensch an diesem Ort gleich ist. Und diese Gleichheit liegt in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Ich werde angenommen, trotz meiner Deformation und Sonderbarkeit. Egal, wie ich bin, was ich bin, wer ich bin. Egal, was ich gemacht habe, was ich mache und noch machen will. Und ich bin nicht allein. Es ist warm. Es ist geborgen. Es ist schön. Ich muss meinen Fetisch nicht unterdrücken, sondern kann meinen Fetisch leben. Und wenn man das kann, dann ist alles richtig, dann ist das Leben schön. Leid, Schmerz, Traurigkeit, man wird sie niemals gänzlich los. Aber an diesem Ort ist Frieden. Es ist das Paradies und ein solches Paradies ist der Shortbus in New York.

„New York is where everyone comes to be forgiven.“

In dieser Stadt trifft man das schwule Pärchen James und James. Alle lieben James und James, die Jamies sind einfach wunderbar. Aber hinter den Kulissen ist die Wirklichkeit natürlich eine andere, die Beziehung der Jamies hat einen Defekt. Wenn man das als Betroffener erkennt, ist das immer gut. Es führt jedoch nicht zwangsweise automatisch zur Antwort auf die Frage, worin der Defekt besteht. Deswegen suchen die Jamies die Paar- und Sexualtherapeutin Sophia auf. Man könnte doch die Beziehung offener gestalten, oder etwa nicht? Und so kommt Ceth ins Spiel. Ceth ist genauso wunderbar wie James und James. Ceth ist aber nicht nur wunderbar, sondern auch zuckersüß. Und wer so süß ist, der kann wahrhaft kein schlechter Mensch sein. Und so verbindet sich in langsamen Schritten, was zusammen gehört und vermischt sich zu etwas Größerem. Aber dahinter steckt ein eigentlich ganz anderer Plan. James ist depressiv und arbeitet an einem Videokunstprojekt. Und dieses Projekt ist der eigene Tod.

„I look back to things that were when I was 12 years old. I’m still looking for the same things now.“

Nicht nur James dreht Videos, auch Caleb hat seine Kamera immer dabei. Caleb wohnt allein, arbeitet allein und verbringt seine Zeit allein. Caleb hat keinen Fernseher und deswegen produziert er sich sein eigenes Fernsehen. Und dieses Fernsehen sind die Jamies. Caleb folgt den Jamies unbemerkt auf Schritt und Tritt. Er macht Videos, er macht Bilder und genießt im Stillen das Leben der anderen. Aber die Perfektion gerät in Gefahr und diese Gefahr heißt Ceth. Denn Ceth bringt die Struktur der Jamies durcheinander.

„Justin, someone just came on your cat.“

Ebenfalls Durcheinander ist die Partnerschaft von Sophia und Rob. Es ist wie so oft. Wir verteilen gerne Ratschläge und können diese Ratschläge aber eigentlich selbst nicht befolgen. So geht es zumindest Sophia. Auch die Sexualtherapeutin hat sexuelle Probleme und darunter leidet sie sehr. Die gleichen Probleme, nur umgekehrt, hat also auch Rob. Aber das ist noch nicht alles. Er verdient kein Geld, lebt von Sophias Einkommen und fährt ehrenamtlich Essen auf Rädern aus. Alles nicht gut für das eigene Selbstwertgefühl. Sophia und Rob halten sehr stark zueinander und belügen sich jeden Tag, denn keiner weiß etwas vom Leid des anderen.

„You’re taking a picture of yourself at Ground Zero: do you smile?“

Bald lernt Rob die seltsame Severin kennen. Severin hat keinen Anschluss. Sie hat keinen Anschluss an die Gesellschaft und sie hat keinen Anschluss an andere Menschen. Sie ist also allein. Äußerlich allein. Innerlich allein. Und so lebt sie isoliert wie in einer Schachtel und bewegt sich einsam durch die Zeit. Trotzdem hat sie ein Auge für das Außergewöhnliche und für das Wunderschöne in all den Dingen, welche um sie herum geschehen. Diese Momente hält sie auf Polaroid fest. Obwohl sie selbst nichts hat und nichts bekommt, kann sie etwas geben, wonach sich viele Menschen sehnen, und das ist Dominanz. Damit verdient sie ihren Lebensunterhalt und irgendwann gehört auch Rob zu ihren Kunden.

“I used to wanna change the world. Now I just wanna leave the room with a little dignity.”

Soweit nichts Neues. Wir haben alle die Sachen auch vor unserer eigenen Haustür liegen. Auch wir haben Sehnsucht. Auch wir haben Mangel. Auch wir müssen etwas überwinden. Das ist weder aufregend noch besonders, das ist das Leben. Aber darüber spricht man eigentlich nicht. Schließlich würden wir damit unsere eigenen Schwächen offenbaren. Deswegen sind wir das Gegenteil, wir sind perfekt. Diese Masken und Fassaden kosten uns aber viel Kraft. Im Shortbus können wir sie ablegen. Im Shortbus können wir unser wahres Gesicht zeigen. Im Shortbus brauchen wir niemanden etwas zu beweisen.

„I see it… all around me… but it stops at my skin. I can’t let it inside. It’s always been like that. It’s always gonna be like that.“

Dort sind wir frei. Diese Freiheit lässt nicht die Probleme verschwinden, aber sie schafft neue Räume. Und in diesen Räumen entstehen Potentiale. Die Potentiale, das sind wir. Das bist du. Das bin ich. Es ist eigentlich völlig egal, wer das ist. Denn am Ende wird alles gut. Jetzt feiern wir erst mal ein Fest. Obwohl es kalt ist. Obwohl der Strom fehlt. Obwohl die Welt im Dunklen liegt. Wir sind zusammen. Wir lachen zusammen. Wir tanzen zusammen. Wir weinen zusammen. Ich liebe dich und du liebst mich. Hier und jetzt. Wir feiern ein Fest. Wir feiern das Leben. Wir feiern jetzt und hier im Shortbus.

Shortbus ist ein Film von John Cameron Mitchell aus dem Jahr 2006. Wer in den Bus einsteigen möchte, kann das tun. Shortbus ist als DVD verfügbar und befindet sich aktuell im Programm von Watchever.

Shortbus @ Amazon
Shortbus @ IMDB

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
7 Kommentare
  1. marco
    Nicole 28. April 2014

    Da ich den Film nicht kenne, habe ich eine ganze Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass du über einen Film schreibst. Das tust du zwar, wie immer, mit viel Gefühl und in schöner Sprache. Doch, um zu verstehen, worum es geht, habe ich dann noch diese Rezension gebraucht:

    http://www.spiegel.de/kultur/kino/sex-komoedie-shortbus-froehlich-voegelt-besser-a-443612.html

    Sie enthält alle Infos, die ich mir wünsche. Da bin ich doch eher klassisch veranlagt…

  2. marco
    Nicole 28. April 2014

    Natürlich kommt am Ende der Trailer, aber das ist mir zu spät. Zumal ich ihn in der ubahn grad nicht anschauen kann… Grundsätzlich aber ein sehr gutes Element!

  3. marco
    marco 28. April 2014

    Das Video ist kein Trailer. Es ist eine Filmszene. Sie führt den Text inhaltlich fort und gehört damit noch ganzheitlich zum Beitrag.

    Ich hab am Anfang willentlich nicht dazu geschrieben, dass ein Film dahinter steht. Schließlich ist der Text keine Filmkritik. Ich wollte den Text so schreiben, dass er auch ohne den Film „funktioniert“.

    Das hat aber scheinbar nicht so gut geklappt. Vielleicht brauchen unsere Gedanken eine bekannte Struktur zum Einsortieren. Alternativ zerstört vielleicht genau diese Verknüpfung zum Film das Konzept. Ich muss mal darüber nachdenken.

  4. marco
    Nicole 29. April 2014

    Es ist Kunst und ich hab es nicht verstanden. Das gehört bei ungewöhnlichen Ansätzen dazu. Den Ausschnitt habe ich mir jetzt halb angeschaut. Ist leider auch überhaupt nicht meine Welt. Macht aber auch nichts :)

  5. marco
    Koelschgirl 30. April 2014

    Bei mir hat es funktioniert, ich wusste oder habe mir zumindest schon bevor ich sah, dass noch ein Videoclip eingefügt ist, gedacht, dass du über einen Film schreibst. Vielleicht weil es vom Stil her deinem Blogeintrag über Inception gleicht.

    Mir gefällt deine Art, über Filme zu schreiben oder besser gesagt, sie zu beschreiben. Ob ich mir Shortbus anschauen werde (ein Watchever-Abo habe ich), weiß ich aber noch nicht. Er klingt zumindest sehenswert. Das ist so ein Film, den man nicht mal ebenso “zwischendurch” schaut, sondern einer, für den man sich Zeit nehmen muss, denke ich. Wie für ein gutes Buch oder eine Kunstaustellung.

  6. marco
    marco 1. Mai 2014

    Oh… wow! Danke!
    Jetzt kann ich mit dem Shortbus doch noch Frieden schließen.

    Nebenbei, ich bin mir nicht sicher, ob man bei Watchever eine ungeschnittene Fassung anschauen kann. Der Film hat eine FSK ab 18 Freigabe. Es gibt zwar die Altersüberprüfung, aber ich hab die Erfahrung gemacht, dass Watchever trotzdem manchmal nur entschärfte Versionen zeigt.

    Es ist natürlich am Ende eine Geschmacksfrage, ich würde sagen, ja nimm dir Zeit und nicht jeden Abend. Andererseits wirkt der Film nicht so schwer, wie es den Eindruck macht.

  7. marco
    dalia1969 24. Mai 2014

    Der Film ist großartig. Am Anfang blieb ich, weil mir das erste Mal bei einer Sexszene der Mund aufgeklappt ist und ich nur noch da saß und mitfieberte, ob er es schafft oder nicht.

    Dann blieb ich hängen.

    Und dann wurde es zu einem großartigen Film über all die Schwächen die wir haben und manchmal schon optisch offenbaren, manchmal auch nicht. Der Film zeigt so grandios, wie wir manchmal Ergänzung finden und manchmal auch Zerstörung.

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