Lautstärke und ihre Ebenen

Ich mag das Konzept der Schichten. Mich fasziniert, dass jeglicher beliebiger Sachverhalt, aus gleicher oder wechselnder Perspektive betrachtet, keine universale Bedeutung beanspruchen kann, sondern eine Vielzahl von Ebenen in sich trägt, die komplett divergierende Interpretationen verlangen, sowie eine eigene, spezifische Tiefe besitzen. Letztlich verliert damit jede Bewertung ihre geltende Wahrheit, weil mannigfaltige Ordnungen parallel und zeitgleich existieren, die sich manchmal sogar komplett widersprechen und dennoch nicht inkonsistent beschaffen sind. Ebenso wenig beschränkt sich der Anspruch eines Levels auf seinen gegebenen Gültigkeitsraum, sondern wirkt verändernd in die angrenzenden Level hinein. Die Level überlagen sich also und brechen aus ihren Definitionsräumen aus. Die größte Überraschung liegt am Ende aber darin, dass wir uns im sozialen Miteinander blind dieser Komplexität ergeben und jegliche Synchronisation der Flughöhe ausbleibt.

Wenn ich zuhause Musik höre, gibt es einen ganz ähnlichen Sachverhalt. Ich kann nämlich die Lautstärke, obwohl sie nur einmal existiert, auf verschiedenen Ebenen ausprägen. Dabei vererbt sich die Lautstärke eines übergeordneten Reglers transparent auf alle untergeordneten Regler durch, ohne die Regler selbst zu verändern. Was sich verändert, ist nur die Lautstärke an sich.

1. Spotify

Auf Spotify höre ich ja total gerne die Playlists der Anderen. Direkt im Spotify Player gibt es auch den ersten Regler, um die Lautstärke der Musik-Wiedergabe zu justieren (Application Layer). Dieser Regler hat den höchsten Rang und jede Veränderung verändert die Lautstärke, aber sie verändert nicht die nachgeordneten Regler. Spotify ist dabei nur ein exemplarisches Beispiel. Genauso verhält es sich mit anderen Playern wie iTunes.

Screenshot: Volume Spotify Client

2. Betriebssystem

Die Musik wird jetzt vom Betriebssystem der Plattform (Notebook, Tablet, Smartphone) über die Airplay Technologie per Funknetz an das Sound System weitergeleitet. Auf Betriebssystemebene kann ich nun die Lautstärke des Airplay Streams anpassen (OS Layer). Eine Veränderung dieser Lautstärke verändert nicht den Regelungsgrad der Lautstärke in der Spotify Applikation. Ebenso wenig verändert sich die Lautstärke der tieferliegenden Regler. Trotzdem verändert sich die Lautstärke in der wirklichen Welt.

Screenshot: Lautstärke Pegel MacOS

3. Klinkenstecker

Bevor der Airplay Stream jedoch am Soundsystem ankommt, wird der Stream von einem intelligenten Router aus dem Funknetz abgefischt, zurück ins Analoge codiert und auf dem technischen Stack eigentlich viel weiter unten auf einen 3,5 mm Klingenstecker gelegt, der mit dem führenden Lautsprecher verbunden ist. Die Interpretation des Eingangspegels des Klingensteckers kann man nun in den Systemeinstellungen des Soundsystems festlegen, was die Lautstärke natürlich wieder deformiert.

Screenshot: Eingangspegel Klingenstecker

4. Soundsystem

Jetzt kann man natürlich auch noch Lautstärke des Soundsystems insgesamt regeln. Der Begriff Soundsystem beschreibt ein vollständig autonomes System zur Wiedergabe von Audio-Quellen. Letztendlich handelt es sich dabei um einen weiteren Computer mit spezifischer Funktionalität (sieht halt nur nicht wie ein Computer aus). Ich nutze das System von Sonos. Hier besteht nun zum ersten Mal eine kausale Abhängigkeit auf die nächste Ebene, denn die eingestellte Lautstärke wirkt sich nicht nur auf die echte Lautstärke aus, sondern wirkt ebenso anteilig auf die Regler an den Lautsprechern selbst.

Screenshot: Lautstärke Pegel Sonos Soundsystem MacClient

5. Lautsprecher

Auf der letzten Ebene befinden sich nun endlich die Lautsprecher. Jeder einzelne Lautsprecher hat seinen eigenen Regler. Die Gültigkeitsraum dieser Regler ist auf den jeweils eigenen Körper begrenzt, was sehr interessant ist, weil sich der übergeordnete Lautstärkegrad auf mehrere Instanzen dieser Ebene vererbt. Entsprechend wirkt jegliche Justierung auf dem Lautsprecher entsprechend seiner Gewichtung auch eine Ebene zurück auf die Lautstärke des Gesamtsystems.

Screenshot: Sonos MacClient Lautstärke Lautsprecher

Ist doch schon ziemlich erstaunlich, wie sich die Lautstärke aus so vielen Einzellautstärken zu ihrer Endgröße aufsummiert. Da kommt man ganz schnell durcheinander und verliert leicht den Überblick. Oft tritt der bizarre Fall ein, dass ein Regler ganz niedrig steht, aber die Laustärke trotzdem laut ist (oder umgekehrt), weil der Regler nur einen kleinen Teil der Wahrheit wiederspiegelt. Und das ist jetzt die Brücke zurück. Denn im echten Leben verhält sich die Bedeutung des Gegebenen ja eigentlich auch nicht anders. Wir wissen nicht, aus wie vielen Schichten die Semantik besteht, wie die Level aufeinander wirken, auf welcher Ebene wir gerade stehen oder wo oben und unten ist. Beim Musik hören kann man wenigstens nachgucken, wie die Regler stehen.

Dieser Beitrag wurde in abgewandelter Form ebenfalls im Techniktagebuch veröffentlicht.
Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
3 Kommentare
  1. marco
    Heike 2. Juni 2015

    OK, das sind mir dann doch zu viele Fremdworte :-)

  2. marco
    Marco 2. Juni 2015

    Jetzt wollte ich dir EINMAL nicht so viel Zeit stehlen, hab einen ungewöhnlich kurzen Text veröffentlicht und jetzt sind zu viele Fremdwörter drin.

  3. marco
    Heike 2. Juni 2015

    Tja, wie man es macht, man macht es falsch :-)

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