Guru Meditation

Kann sich noch jemand an die Guru Meditation erinnern? Die Guru Meditation war eine Fehlermeldung des Amiga. Die Fehlermeldung wurde in besonders schwerwiegenden Fällen, die zum Absturz des ganzen Computers führten, eingeblendet. Dabei färbte sich der Bildschirm schwarz und oben blinkte ein roter Rahmen, der einen Fehlercode enthielt. Man hatte zwei Möglichkeiten, ein Klick mit der linken Maustaste führte zum Neustart des Rechners, ein Klick mit der rechten Maustaste startete den Debugger. Und natürlich war die Arbeit verloren, falls man nicht zufällig vorher gesichert hat. Die Guru Meditation ist ungefähr mit dem heutigen Blue Screen auf Windows vergleichbar. In einer solchen Situation liegt die natürliche Reaktion des Menschen natürlich darin, aus dem Nichts heraus Gefühlswallungen aufzubauen, die sich meist als Aggression niederschlagen. Genau deswegen haben die Amiga-Erfinder die Fehlermeldung nicht Fehlermeldung genannt, sondern Guru Meditation. Beruhige dich, mach eine Pause und ordne deine Gedanken.

abgestürzt

Der Amiga war übrigens ein recht innovativer Computer von Commodore. Er kam 1985 auf den Markt und war überaus erfolgreich. Leider ging der Mutterkonzern Commodore irgendwann aus anderen Gründen in die Insolvenz und damit fand auch der Amiga seine persönliche Guru Meditation. Die Community hat zwar jahrelang versucht, den Amiga noch zu retten, aber leider hat nichts so richtig gefruchtet. Damals bin ich dann sehr widerwillig auf den Personal Computer gewechselt und hab mich jahrelang darüber gewundert, dass Windows so erfolgreich war. Zum Glück haben sich die Zeiten mittlerweile gebessert und man kann heute auch unter Windows recht anständig arbeiten. Trotzdem gibt’s immer wieder so Phasen, da macht der Rechner von morgens bis abends Zicken. Auf Windows gibt’s leider keine Guru Meditation, der Blue Screen lässt den Nutzer mit seiner Aggression völlig allein. Aber eine Guru Meditation würde heutzutage auch keinen Sinn mehr machen. Selbst wenn man den Rechner ausschaltet und raus ins Leben geht, man kommt aus der Wallung gar nicht mehr heraus. Egal, wo hin man schaut, überall Blue Screens.

Politik, kaputt

Im politischen Betrieb stand Blau bislang für Hoffnung. Hoffnung wie die United Nations. Hoffnung wie die europäische Union. In Deutschland hat sich diese Hoffnung mittlerweile ins Gegenteil verdreht und Blau ist jetzt auch die tragende Farbe der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland geworden. Da müssen wir künftig umdenken und die Assoziation lösen. Aber nicht nur das politische Spektrum hat sich vergrößert, auch die Lebenswirklichkeit der Menschen ist bunter geworden. Und diese Lebenswirklichkeit ist so farbenreich, dass die Couleur im Bundestag nicht mehr ausreicht, um dieser Vielfalt gerecht zu werden. Unsere eigene Position finden wir also in der Regel nicht wieder, sofern wir nicht dem politischen Idealtypus entsprechen. In der Folge entsteht eine Politikverdrossenheit, die langsam und schleichend unsere Demokratie zerstört. Bei einer Wahlbeteiligung von 60 % spricht und regiert die Siegerkoalition im Schnitt für 30 % der Bevölkerung (also für eine Minderheit). Ich habe lange Zeit gedacht, dass man allein schon aus Demut wählen muss. Demut gegenüber all den Menschen in der Welt, die diese Wahl nicht haben. Heute denke ich das nicht mehr. Denn warum sollte man das tun, wenn der eigene Standpunkt bei diesem Spektakel gar nicht vertreten wird?

defekt

Es gab auch schon politische Hoffnungsträger, welche das Problem nicht nur erkannt, sondern auch gleich neue und innovative Konzepte auf den Tisch gelegt haben. In diese Newcomer wie beispielsweise die Piratenpartei haben wir so viele Hoffnungen gesteckt, dass die Partei sogleich davon erdrückt und sich in Luft aufgelöst hat. Also verbleibt die Politik weiterhin im Gestern gefangen und ist den ganzen Tag damit beschäftigt, die Fehler der Vergangenheit zu bewältigen und Scherben aufzukehren. Dabei werden aber immer nur die Konsequenzen betrachtet, aber selten der Irrtum an sich korrigiert. Nun lebe ich leider nicht gestern, ich lebe heute und denke auch schon an morgen. Die Politik denkt aber keine Zukunft. Sie fragt nicht danach, in welcher Gesellschaft wir morgen leben möchten, und welche Weichenstellungen es dafür braucht. Was auch kein Wunder ist, weil der Gesetzgeber ja schon mit der Bewältigung der modernen Gegenwart kaum noch nachkommt.

Journalismus, kaputt

Das gleiche Problem hat auch der Journalist. Dauernd passiert etwas und verlangt danach journalistisch aufgearbeitet zu werden. Aber die Zeitungen kratzen meistens nur an der Oberfläche und es fehlt die Einordnung in den Zusammenhang. Kontext, Hintergrund und Bedeutung fallen unter den Tisch. Weil der Reporter für solche Betrachtungen keine Zeit hat. Weil die Redaktionen immer kleiner werden. Aber die Welt wird nicht kleiner, sie wird jeden Tag größer. Sie wird nicht nur größer, sie wird auch immer komplizierter. Und weil das alles so kompliziert ist, müssen wir die Welt verstehen. Also benötigen wir Reportagen und Dokumentation und neue Perspektiven. Perspektiven, die jemand anderes für uns einnimmt und erarbeitet. Wir können das nicht selbst machen, weil wir in unserem Hochgeschwindigkeitsleben dafür auch keine Zeit haben.

halbtot

Genauso wie der Reporter halt ebenso keine Zeit hat und trotzdem liefern muss. Deswegen geht er hin und schreibt einfach die Pressemeldungen der Unternehmen ab. Oder kauft die Meldung einfach vom Pressedienst, wenn er zum Abschreiben auch keine Zeit hat. Was dazu führt, dass wir in völlig verschiedenen Zeitungen völlig identische Nachrichten lesen. Insofern habe ich keine Angst vor dem Roboterjournalismus. Vielleicht gibt sie dem Journalisten wieder die fehlende Zeit zurück. Aber immerhin gibt es noch die Sensationen! Die Sensationen! Was wären wir nur ohne unsere Sensationen, Skandale und Spektakel? Echte Themen dringen nicht mehr durch, aber +++ Eilmeldung +++ Angelina Jolie hat Fußpilz. +++ Eilmeldung +++.

Wirtschaftssystem, kaputt

Und zwischen dem Sack Reis und der Ente von nebenan, lesen wir immer wieder dieses Wort. Und dieses Wort ist die Krise. Gestern Krise, heute Krise, morgen Krise. Das hört gar nicht mehr auf. Wir sind irgendwie in einer Wirtschaftskrisenendlosschleife gefangen und unterliegen komischerweise weiterhin dem Glauben, man könnte das System noch retten. Aber da gibt es nichts mehr zu retten, das System ist verloren. Strenggenommen gehört die Krise eigentlich fest zum System dazu. Die Krise wurde algorithmisch in das System hineinprogrammiert und ist ein integralen Bestandteil des Wahnsinns.

entzwei

Die Existenz als solches ist ein Lebenszyklus. Weil Existenz immer ein Anfang und ein Ende hat und nichts auf ewig währt. Und zwischen dem Anfang und dem Ende kann es nicht nur aufwärts gehen, was viele Menschen glauben (oder glauben möchten), aber leider nur ein Märchen ist. Ein Lebenszyklus erzählt immer auch von Stagnation und Degeneration. Und das gilt nicht nur für Mensch und Tier, sondern auch für einfache Gegenstände wie beispielsweise ein Stuhl, ein Auto oder ein Haus. Das gilt sogar für solch komplexe Dinge wie ein Wirtschaftssystem. Permanentes Wachstum ist hier nicht vorgesehen. Das war die schlechte Nachrichte, die gute Nachricht ist, jeder Lebenszyklus endet mit dem Tod.

Debatten, kaputt

Und dieser Tod wird uns kalt erwischen. Denn wir müssten uns eigentlich langsam über Alternativen unterhalten und Ausstiegsszenarien diskutieren. Aber diskutieren, das können wir ja irgendwie auch nicht mehr. Gegenseitige Befruchtung ist nur noch innerhalb einer Community möglich, aber nicht mehr über die Community hinaus oder zwischen den Communities. Nach dem Grenzwall verdreht sich die Idee ins Gegenteil und erhitzt die Gemüter. Und erhitzte Gemüter sind nicht die besten Voraussetzungen für große Debatten.

irreparabel

Und diese Hitze wird in die Debatte hineingetragen und was dann geschieht, dafür hatten wir lange Zeit noch gar keine richtigen Vokabeln. Der Wortschatz der Deutschen Sprache hat ungefähr 500.000 Wörter, aber kein einziges Wort hat dafür gepasst. Deswegen mussten wir erst neue Wörter erfinden, um den Verlauf von Diskussionen in den heutigen Zeiten überhaupt beschreiben zu können. Und diese neuen Wörter sind Hatespeach, Shitstorm oder Dissen.

Grundrechte, kaputt

Wenn man sich bisher auf etwas verlassen konnte, dann waren das die Grundrechte. Die Grundrechte sind neben den Menschenrechten die wichtigsten Rechte, die wir haben. Alle anderen Rechte bauen darauf auf. Und wenn das Grundrecht nicht funktioniert, funktionieren alle anderen Rechte auch nicht mehr. Weil alle nachfolgenden Rechte durch die Grundrechte determiniert werden. Genauso wie die Grundrechte aus den Menschenrechten bestimmt werden, die universell, unveräußerlich und unteilbar für alle Menschen gelten.

futsch

Früher waren die Grundrechte noch eine heilige Kuh. Heute schert sich da keine Sau mehr drum. Unsere Verbindungsdaten von Telefon, Handy und Internet werden gespeichert. Über die Handynetze werden unsere Bewegungen abgeleitet. Und die Geheimdienste nehmen gleich das ganze Telefongespräch mit. Das Finanzamt darf unverblümt unsere Kontodaten abfragen. Auf der Autobahn werden wir von jeder Mautbrücke fotographiert. Selbst bei den vereinten Nationen wird mittlerweile eine Neuformulierung der Meinungsfreiheit diskutiert, um mehr Zensur zu ermöglichen. Die Kuh ist also tot und der Kampf gegen die Überwachung längst verloren. Aber wehe das Google StreetView Auto fährt durch die eigene Straße, dann hört natürlich der Spaß auf, obwohl das überhaupt nichts mit unseren Grundrechten zu tun hat.

Funktioniert hier eigentlich überhaupt noch was?

Also ich weiß gar nicht, was da überall los ist. Ich kann mir das alles gar nicht erklären. Ich versuche die ganze Zeit links zu klicken, um das System neu zu starten. Aber das funktioniert nicht. Dann versuche ich es mit dem Rechtsklick, aber der Debugger startet irgendwie auch nicht.

5. Januar 2016
Gesellschaft
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Über den Autor

Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.

Kommentare 4

  1. Heike 5. Januar 2016

    Hi,
    ganz abgesehen vom Inhalt (der ist natürlich wie immer spitze & auf den Punkt) – ich liebe diese Optik mit den Schlagworten!

    LG
    Heike

  2. marco 5. Januar 2016

    Dankeschön! :-)

    Ich bin nicht so der Fotografierer und habe daher recht wenig Bildmaterial, um meine doch recht langen Posts aufzulockern. Deswegen bin ich immer ganz happy, wenn ich einen “Workaround” wie oben anwenden kann. Glücklicherweise unterstützt mein Theme den Effekt durch den Weißraum ganz gut.

  3. Sven Meyer 5. Januar 2016

    Cool, wie du den Bogen vom persönlichen Erlebnis mit Technik zu Gesellschaftsthemen und wieder zurück schlägst :) Das “Blue Screen-Gefühl” trifft die Lage im Moment bestens.

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