Fast alles ist ein System

Die Welt ist ganz schön kompliziert und früher war sowieso alles irgendwie einfacher. Kann man jetzt erst einmal nicht abstreiten. Der Mensch selbst und die Akkumulierung von Technologie fordert uns fortlaufend heraus und man kann zunehmend beobachten, dass wir die Kontrolle darüber schleichend verlieren. Große Unternehmen sind zu richtigen Maschinen geworden, welche selbst innerhalb des Unternehmens nicht mehr vollständig zu begreifen sind. Auch die Gesellschaft zersplittert permanent in weitere Einzelstücke und die bewährten Rollenbilder helfen nicht mehr, dem Ganzen eine Struktur zu geben. Vielfalt ist toll, macht die Sache aber auch ganz schön unübersichtlich. Alles zusammen ergibt einen ganz schön anständigen Komplexitätsgrad der Wirklichkeit. Und in dieser komplizierten Wirklichkeit müssen wir leben. Deswegen sollten wir die Wirklichkeit auch ein Stück weit verstehen. Beim Verstehen kann man einen ganz wunderbaren Trick anwenden und sich ein abstrahiertes Modell zur Hilfe nehmen, welches unnötige Komplexität ausblendet und die Zusammenhänge auf das Wesentliche reduziert. Eines dieser Instrumente ist die Systemtheorie.

Definition

Früher habe ich Systeme immer als etwas sehr Kompliziertes verstanden. Das war ja eigentlich nicht falsch. Systeme sind kompliziert, da muss man nicht lange drumherum reden, sonst wären es ja auch keine Systeme, Systeme sind halt mal kompliziert. Aber was ist das jetzt eigentlich genau? Ein System ist eine Menge von Elementen, die miteinander interagieren und strukturell als etwas Ganzes betrachtet werden können. Das klingt einerseits sehr abstrakt, andererseits aber auch sehr einfach. Die Systemtheorie macht jetzt eigentlich nichts anderes als diese Definition auf Anschauungsobjekte des realen Lebens anzuwenden und das Systemverhalten weiterzudenken.

Modellierung

Um das Verhalten eines Systems zu erklären, muss man sich zuerst mit dem System selbst auseinander setzen und dessen natürlichen Aufbau verstehen. Das System besteht zunächst aus seinen inneren Elementen. Jedes Systemelement hat dabei eine gewisse Funktion, seine eigene Charakteristika und agiert innerhalb des Systems mit anderen Systemelementen. Im System selbst und zwischen seinen Elementen besteht eine strukturelle Ordnung. Diese Ordnung ist fest und gleichzeitig auch variabel, also veränderlich. Daneben gibt es im System eine Vielzahl von Routinen und Prozeduren, welche sich am Ende zu einer Systemfunktion aufsummieren. Denn das System selbst existiert nicht grundlos in einem luftleeren Raum, sondern hat ebenfalls eine Rolle in einem übergeordneten System.

Offene Systeme

Systeme sind immer äußeren Einflüssen ausgesetzt. Sie operieren im Kontext einer Umwelt und können sich in der Regel gegenüber ihrer Umwelt nicht verschließen. Deswegen müssen Systeme immer als offene Systeme verstanden werden. Die Systeme nehmen also Rückmeldung aus der Systemumwelt auf und verarbeiten diesen Input mit den Routinen, welche innerhalb des Systems zur Verfügung stehen. Das System verliert durch den äußeren Einfluss nicht seine spezifische Besonderheit. Und dennoch wird das System stets ein Stück weit transformiert, was nicht bedeutet, dass sich das System insgesamt verändert. Offene Systeme sind im gleichen Atemzug nämlich auch geschlossene Systeme, die sich partiell oder ganzheitlich abschotten. Insgesamt besteht dabei stets die Gefahr, dass ein System durch Abschottung, Selektion oder Interpretation an der Wirklichkeit vorbei operiert. Offene Systeme sind also nur relativ offen.

Vernetzte Systeme

Systeme operieren nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit anderen Systemen, die Teil dieser Umwelt sind. Systeme sind also miteinander vernetzt und können nicht isoliert betrachtet werden. Die Outputs eines Systems sind gleichzeitig die Inputs eines anderen Systems. Wenn man ein System verändert, dann verändert man unzählige Systeme mit, die mit dem initial veränderten System in Beziehung stehen. Aber nicht nur die Systeme stehen im Zusammenhang mit anderen Systemen, sondern die Systeme bestehen selbst wiederum aus einer Vielzahl von Untersystemen. Zwischen den Untersystemen besteht ebenfalls wieder eine Ordnung und manches Untersystem hat weitere Untersysteme. Und so geht das immer weiter. Jedes System ist also eine Art von Systemuniversum und die Summe aller Systeme ergeben das Gesamtsystem.

Soziale, technische, soziotechnische Systeme

Es gibt soziale Systeme und es gibt technische Systeme. Soziale Systeme sind Systeme, die aus Menschen bestehen, und technische Systeme sind natürlich selbsterklärend. In Wirklichkeit sind diese Idealtypen aber nur noch selten anzutreffen. Eine Mensch ohne Technologie ist eigentlich nicht mehr existent. Der Mensch ändert sich implizit und explizit durch seine technischen Mittel. Technologie selbst kann ebenso wenig ohne den Menschen betrachtet werden. Weil Technologie seine Existenz dem Menschen verdankt und von ihm für einen bestimmten Verwendungszweck erschaffen wurde. All das akkumuliert sich wiederum als ein charakteristisches System, das soziotechnische System. Ein System, das durch die Kombination von Mensch und Technik gekennzeichnet ist und eine ganz eigene Spezifika besitzt, die sich gegenüber rein sozialen oder technischen Systemen abgrenzt.

Homöostase und Autopoesis

Durch äußere Einflüsse werden Systeme immer wieder erschüttert und geraten in eine Schieflage. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern ein gewöhnlicher Prozess. Die Systeme sind darauf vorbereitet und können deswegen aus sich selbst heraus die notwendige Energie erzeugen, um sich selbst wieder in ein Gleichgewicht zu bringen (Homöostase). Aber das ist noch nicht alles, denn Systeme können die Bedingungen ihrer Existenz immer wieder neu erschaffen, um ihre eigene Notwendigkeit zu generieren. Aber dabei bleibt es nicht, denn jedes System tendiert dazu, sich selbst zu reproduzieren und damit weitere gleichartige Systeme zu schaffen (Autopoesis). Mit diesen Mechanismen können sich Systeme eigenständig regulieren und bedürfen keiner Unterstützung von Außen.

Selbstreferentielle Schließung

Systeme agieren also autonom. Sie besitzen ein natürliches Selbstbestimmungsrecht und jedes System hat damit eine eigene Persönlichkeit. Im Allgemeinen besitzen Systeme eine prinzipielle Veränderungsresistenz. Dies kann als Schutzmechanismus (Selbstreferentielle Schließung) betrachtet werden und ist auch zur Erhaltung der inneren Ordnung erforderlich. Systeme müssen ihre eigenen Strukturen (Identität, Moral, Werte, Persönlichkeit) bewahren und können sich folgerichtig nicht einer permanenten Veränderung unterwerfen. Dabei besteht jedoch auch die Gefahr an einer gegebenen oder veränderten Wirklichkeit vorbei zu operieren und damit die eigene Existenz zu gefährden.

WTF???

Ist ja schön und gut, aber was soll der ganze Quatsch? Worüber reden wir hier denn eigentlich konkret? Wenn wir von Systemen sprechen, dann sprechen wir über Unternehmen, wir sprechen über Organisationen, wir sprechen über Staaten, wir sprechen über Religion, wir sprechen über Moral, wir sprechen über Prozesse, wir sprechen über Technologie, wir sprechen über die Gesellschaft, wir sprechen über Familien, wir sprechen über jeden Menschen – fast alles ist ein System. Dein Arbeitgeber ist ein System, dein Sportverein ist ein System, dein Freundeskreis ist ein System, deine Familie ist ein System und du selbst bist eigentlich auch ein System.

Familie

Als Beispiel ist die Familie gar nicht so schlecht. Denn die Familie ist ein ganz wunderbares System. Es gibt eine überschaubare Anzahl von Elementen (Mama, Papa, Kind 1, Kind 2, Kind n), die als Einheit zusammen wirken. Die Familie hat nicht nur eine individuelle Funktion für die einzelnen Systemelemente, sondern ebenso eine Funktion für das übergeordnete System (Gesellschaft). Sie ist dabei fortlaufend äußeren Einflüssen ausgesetzt und befindet sich dadurch selbst permanent im Wandel. Trotzdem grenzt sich die Familie ebenso gegenüber der Außenwelt ab. Dadurch erhält die Familie ihre Wärme und einen eigenen spezifischen Charakter, der sich von anderen Familien unterscheidet. Wenn man die Familie als System begreift und diesen Text noch einmal liest, dann gewinnt der Code an Verständnis.

Systemtheorie als Weltschablone

Wenn man sich jetzt nur das allein bewusst macht, dass der Mensch nicht für sich selbst als untrennbare Einheit existiert, sondern dass dem Menschen eine Vielzahl unterschiedlicher Kräfte innewohnen, die ihn treiben und keiner gleichsamen Logik folgen, und dass diese Gesamtheit in gegenseitiger Rückkoppelung mit einer Umwelt steht, welche einer ebenso differenzierten Struktur unterliegt, die man nicht eindeutig nach festen Mustern sortieren kann, dann weiß man auch nicht mehr als zuvor, benötigt aber keine weiteren Einzelheiten, denn man hat ein Gefühl im Bauch, darüber, welche Kräfte hier wirken, was den Menschen zum Menschen macht, ihn fortlaufend transformiert und das Zusammenleben verkompliziert.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
3 Kommentare
  1. marco
    Heike 5. Februar 2015

    DAS erklärt natürlich so einiges :-P

  2. marco
    marco 5. Februar 2015

    Gell! Find ich auch. Da bleiben keine Fragen mehr! :-)))

  3. Pingback: WordPress im Ongoing

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