Die vergessenen Kinder

Beruflich verbringe ich aktuell die meiste Zeit in einem Projektbüro. Das Projektbüro befindet sich in einem externen Gebäude außerhalb des Campus meines Arbeitgebers. Das Gebäude ist hauptsächlich für solche Zwecke angemietet und viele unterschiedliche Projektteams sind dort zuhause. Bedingt durch den dynamischen Projektbedarf wird über die Zeit die Belegung im Gebäude immer mal wieder angepasst. Das letzte Jahr befand sich mein Projektbüro im achten Stock. Vor ein paar Wochen wurde uns nun ein neuer Raum im ersten Stock zugeteilt und wir mussten umziehen.

Umzüge sind immer sehr aufwändig. Zwar kümmert sich das Facility Management um den Umzug der ganzen Technik, aber die ganzen Kleinigkeiten machen trotzdem viel Arbeit. Meistens bemühe ich mich zusammen mit einem Kollegen darum, dass sich alle Dinge am richtigen Platz wiederfinden. Türschilder müssen ausgetauscht und Whiteboards montiert werden. Jeder Arbeitsplatz benötigt ein Notebookschloss und ausreichend Mehrfachsteckdosen, damit jeder sein Smartphone laden kann. Die Grundreinigung darf man auch nicht vergessen, weil sonst zumindest ich mich nicht wohlfühlen würde. Und zuletzt wäre da noch der Kram der vorherigen Nutzer, den man irgendwie loswerden muss. Beim Auszug nehmen es die meisten Kollegen traditionell nicht ganz so genau und hinterlassen allerlei unnötigen Kram in den Schränken. Jedenfalls, das Ausmisten und Leerräumen nimmt richtig viel Zeit in Anspruch.

In einer Schublade eines Beistellschranks fand ich dann ein gerahmtes Foto zum Aufstellen. Das Foto zeigte zwei lächelnde Kinder, die fröhlich in die Kamera schauten. Ich hielt inne. Wie kann es passieren, dass jemand das Foto seiner Kinder vergisst? Ich wischte mit den Fingern den Staub vom Bilderrahmen und wurde ein bisschen traurig. Wie kann das passieren? Mir fiel eigentlich nur eine akzeptable Erklärung ein, und zwar dass ein Fremdfirmenmitarbeiter von heute auf morgen während einer Abwesenheit offgeboardet wurde und nicht mehr an Arbeitsplatz zurückkonnte.

Das Foto hat mich den ganzen Tag innerlich beschäftigt. Ich überlegte, was nun der richtige Umgang damit wäre. Das Foto ist schließlich privat und die Kinder haben Persönlichkeitsrechte. Ich warf es also in den Papierkorb. Drei Minuten später holte ich es wieder heraus. Wegwerfen brachte ich irgendwie nicht übers Herz. Jetzt steht das Foto sichtbar in unserem Projektbüro in der Hoffnung, dass es vielleicht aus einem glücklichen Zufall heraus wieder zur Mutter oder zum Vater zurückfindet.

Die vergessenen Kinder

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
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