Der Kreisel

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Das Dorf ist ein Straßendorf. Östlich führt eine Landstraße in die Gemeinde. Dagegen befindet sich im Westen am anderen Ende eine Kreuzung. Egal, aus welcher Richtung man kommt, man kann an dieser Kreuzung geradeaus fahren oder rechts oder links abbiegen. Wie man sich auch entscheidet, nach wenigen Kilometern kommt das nächste Dorf. Die Lage an der Kreuzung ist sehr übersichtlich und man hat in alle Richtungen eine freie Sicht. Rundum liegen Felder und Äcker. Sichtraubende Bäume und Weinberge folgen erst nach einigen hundert Metern. Trotzdem passieren jedes Jahr mehrere schwere Unfälle an dieser Kreuzung, obwohl das keinem Menschen zu erklären ist.

Seit ich denken kann hat sich Papa deswegen darüber aufgeregt, warum die liebe Verbandsgemeinde am Dorfausgang keinen Kreisverkehr baut. Das würde die Unfallquote auf jeden Fall massiv senken. In Rheinland-Pfalz hält man große Stücke auf den Kreisverkehr und man kann sich vor Kreiseln kaum noch retten. Fährt man heute beispielsweise von meinem Heimatdorf in die nächste größere Stadt (10 km entfernt) muss je nach Wegstrecke sechs bis sieben Kreisel durchqueren. Da wird einem schon manchmal etwas schwindelig.

Vor ein paar Jahren fasste sich die Verbandsgemeinde aber dann doch ein Herz und hat am Dorfende tatsächlich einen Kreisverkehr gebaut. In der Familie konnten wir das anfangs gar nicht glauben. Einen Kreisel? Bei uns? Echt jetzt? Was machen wir dann mit Papa, worüber soll der sich künftig aufregen??? Die Verbandsgemeinde hat dann aber einen katastrophalen Fehler gemacht und einen ellipsenförmigen anstatt eines runden Kreisel gebaut. Die Hauptachse des Ellipsenkreisels liegt dabei orthogonal zum Dorfausgang. Seitdem regt sich Papa nämlich permanent darüber auf, dass der Kreisel gar nicht rund ist, sondern ellipsenförmig.

Skizze: Der Kreisel

Dieser Ärger wächst aber nicht aus sich selbst heraus, denn wenn man mit Traktor und Anhänger aus dem Dorf kommt und geradeaus will, hat man es richtig schwer um die Kurve herumzukommen. Beim Kreiseldesign hat die liebe Verbandsgemeinde also scheinbar mehr an den am Dorf vorbei strömenden Verkehr als an die ansässigen Winzer und Landwirte gedacht. (wäre ich ein Landwirt, würde ich mich da auch drüber aufregen)

Über den Blogger
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
1 Kommentar
  1. marco
    Barbara 19. Januar 2017

    Das mit den übersichtlichen Kreuzungen ist echt ein Phänomen. In einer ländlichen Gegend von Hamburg (ja, gibt es, auch wenn Hamburg ein Stadtstaat ist) stand um die Jahrtausendwende herum die übersichtlichste Kreuzung der Welt: flaches Land, wohin das Auge schaut und zwei gerade Strassen, die sich kreuzen. Es war damals eine der unfallträchtigsten Kreuzungen der Region. Komisch. Es gab grosse lokalpolitische Diskussionen, wie man das ändern könne (Kreisel, Warnschilder, Umwege, …). Ich lebe nicht mehr dort und weiss nicht, wie es heute dort aussieht.

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