Das iPhone 6, es wackelt

Apple hat uns mit dem iPhone 6 ja wieder ein ganz wunderbares Stück Technologie hingestellt. Im Vergleich zum Vorgängermodell, das eigentlich schon nahezu perfekt war, hat es in fast allen Bereichen noch mal nachgelegt. Nach der Keynote im September 2014 wurde das iPhone 6 in den darauf folgenden 24 Stunden rund 4 Millionen Mal vorbestellt, am ersten Verkaufswochenende sind 10 Millionen iPhones über den Ladentisch gegangen und in den ersten drei Monaten wurden insgesamt 74 Millionen Stück verkauft. Was für eine Zahl, unglaublich! Im Schnitt sind das ungefähr 9 iPhones pro Sekunde. Dazu muss man wirklich nichts mehr sagen (weil man auch gar nicht weiß, was man dazu sagen soll). Bevor nun das nächste iPhone erscheint, hab ich gedacht, ich sag jetzt trotzdem noch mal was. Weil irgendwie ist das neue iPhone auch ein bisschen komisch. Als wäre es gar kein richtiges iPhone.

Trennungsschmerz

Wie man das halt so als braver Kunde macht, ich hab mir das iPhone 6 natürlich auch gekauft. Obwohl ich mit dem iPhone 5 noch total glücklich war und eigentlich gar keinen Bedarf hatte. Das iPhone 5 ist für mich quasi das formvollendet perfekte iPhone. Allein schon die Farbe. Es ist schwarz, so wunderbar und hemmungslos schwarz. Wie eine schöne Frau im sexy Fetisch-Leder-Outfit. Wenn das iPhone 5 auf dunklen Flächen lag, konnte man es bei gedimmten Licht oft gar mehr sehen. Es ist einfach mit der dunklen Umgebung verschwommen. Und die Form erst! Mein lieber Mann. Wenn man es blind in die Hand nahm, konnte man nie sagen, wo oben oder unten ist, links oder rechts, richtigrum oder falschrum – ganz toll! Ohne Sichtkontrolle konnte man es nur herausfinden, in dem man das iPhone in der Hand dreht und dabei über das Gehäuse streichelt, auf der Suche nach der Einkerbung des Homebutton – ganz wunderbar!

iPhone 5 in Originalverpackung

Das iPhone 5 auf dunkler Oberfläche – kaum zu sehen.

Von daher war es auch kein Wunder, dass ich mit dem Loslassen ein paar Probleme hatte. Loslassen ist einfach schwierig. Aber Festhalten ist leider immer nur ein Sieg auf Zeit. Die Software braucht mit jedem Update mehr Power und das iPhone wird damit einhergehend immer langsamer. Und so macht das Ganze auch irgendwann keinen Spaß mehr. Außerdem fühle ich mich dann immer ein Stück weit wie meine Eltern. Mit meinem Finger führe ich einen Touch aus und das Programm auf dem iPhone reagiert nicht unmittelbar. Also denke ich, mein Touch wurde nicht erkannt (alternativ: ich habe das Zielelement nicht richtig getroffen). Folgerichtig setze ich an, um den Touch erneut durchzuführen. Kurz bevor mein Finger das Display erreicht, reagiert aber das System auf die erste Berührung. Entweder merke ich das gar nicht mehr oder ich kann den Finger nicht mehr abbremsen. Ist auch egal, denn auf den zweiten Touch reagiert das System in Echtzeit und löst damit eine beliebig andere Funktion aus. Und damit landet man dann irgendwo in der App, wo man gar nicht hinwollte. So kann doch kein Mensch arbeiten.

Hallo!

Alla hopp, nun wird mich also das iPhone 6 die nächsten Jahre begleiten. Jeden Tag. Es wird immer um mich sein. Nur einen Handgriff entfernt. Das ist schon was. Meine Beziehungen waren bisher noch lange nicht so innig (will man ja auch gar nicht; also zumindest nicht rund um die Uhr; ist halt kompliziert). Jedenfalls, aus diesem Grund ich wollte mir Zeit zum Kennenlernen nehmen und mich in Ruhe mit dem neuen iPhone beschäftigen. Nun ist Zeit aber genau das, was man oft nur sehr begrenzt zur Verfügung hat. Und ausgerechnet zu jener Zeit hatte ich ziemlich viel um die Ohren. Deswegen habe ich, als der Postmann das Päckchen aus Holland lieferte, das iPhone erst einmal originalverpackt auf das Regal gelegt. Und dort blieb es dann auch eine Weile liegen.

iPhone 6 originalverpackt

Es ist ja nicht eilig.

Tatsächlich hatte ich dann in den darauffolgenden Wochen fast vergessen, dass hier noch etwas auf mich wartet. Ich bin halt auch ein Stück weit altmodisch, also erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Mitunter kann ich da schon einen ganz schönen Tunnelblick entwickeln und mich in einer Endlosschleife verirren (der Hamster und so). Aber zum Glück hat der Mensch auch ab und an Urlaub. Und als dann der Urlaub da war, ich so:

Ist doch kein Penis!

Ich sag’s mal vorab, wie es ist. Das iPhone 6 ist mir nämlich zu groß. Strenggenommen war mir auch schon das iPhone 5 zu groß. Ich kam nur mit Mühen mit dem rechten Daumen nach oben in die linke Ecke (dort geht es meistens zurück). Beim iPhone 6 ist das nun gar nicht mehr möglich. De facto kann ich das iPhone 6 nicht mehr mit einer Hand bedienen, sondern benötige künftig beide Hände. Eine Hand zum Halten, eine Hand zum Bedienen. Das will einfach nicht so richtig in meinen Kopf rein. Meinen Alltag wird das ganz schön verkomplizieren. Ich hab nämlich oft einen Kaffee oder eine Zigarette in einen Hand und das iPhone in der anderen Hand. Ab sofort habe ich also ein Problem, das es zu lösen gilt. Es ist jetzt auch nicht unbedingt so als ob ich überdurchschnittlich kleine Hände hätte (zumindest wenn ich meine Hände mit den Händen einer Frauen vergleiche). Aber das iPhone 6 ist sogar so groß, dass ich es nicht mehr sicher in der Hand umschließen kann, weil’s auch noch zu breit ist.

iPhone 6 Schwarz

Und wie komme ich jetzt mit dem Finger nach oben? :-(

Natürlich referenziere ich hier auf das normale iPhone 6 und nicht auf das iPhone 6 Plus. Selbstverständlich hat sich Apple für solche Feingeister wie mich einen Mechanismus ausgedacht, um den oben Teil des Bildschirms nach „unten“ zu holen. Aber irgendwie funktioniert die Usability hier nicht zuverlässig, was ziemlich komisch ist, weil man das von Apple so nicht gewohnt ist. Sei’s drum. Eigentlich habe ich ja gedacht, dass es allgemein darum geht, die Sachen einfacher zu machen. Deswegen verstehe ich jetzt nicht, dass ich künftig beide Hände für etwas brauche, wozu ich vorher nur eine Hand gebraucht hab, was ja dann komplizierter ist. Und da kann ich hundertmal drüber nachdenken und komme immer zum gleichen Ergebnis – ich kapier’s nicht. Na ja, Menschen muss man so nehmen wie sie sind und iPhones muss man halt so nehmen wie sie kommen.

Ein Samsung im Fernfeld

Optisch kommt das iPhone 6 natürlich wie aus einem Guss daher. Nahtlos schön verarbeitet. Genauso wie man es gewohnt ist. Das Glas geht über das Display hinaus und schließt nahtlos mit dem Gehäuse ab. Die Rückseite besteht aus eloxiertem Aluminium. Vorder- und Rückseite haben also zwei unterschiedliche Materialien, Glas und Metall, und trotzdem fühlt es wie ein einziger Weststoff an. Es ist dünner geworden. Diese ganzen Details sieht man allerdings nur im Nahfeld. Auf die Entfernung sieht das iPhone 6 genauso aus wie ein beliebiges Gerät von Samsung, was ja eher nicht so gut ist. Es fehlt irgendwie ein Alleinstellungsmerkmal, etwas charakteristisches und besonderes.

iPhone 6 Kunststoff

Quasi Plastik.

Der Kunststoff, der die Antennen vom restlichen Gehäuse trennt, schlägt mir auch nicht so gut auf. Aber hier bin ich vielleicht einfach zu streng. Aber Kunststoff? Quasi Plastik. Hallo?!?!? Wahrscheinlich wollte Apple hier in jedem Fall ein zweites #Antennagate vermeiden. Wir erinnern uns. Beim iPhone 4 waren die einzelnen Antennen nicht sauber isoliert und beim Telefonieren kam es deswegen zu Signalstörungen. Am Ende war aber die ganze Aufregung umsonst, weil wir alle nur das iPhone falsch in der Hand gehalten haben.

Fremdeln

Das iPhone 6 ist also das erste iPhone, dem gegenüber ich ein bisschen fremdele. Aber darüber mache ich mir eigentlich nicht allzu viele Sorgen. Das kommt schon noch mit der Zeit. Das ist wie mit Tieren, mit Tieren hab ich es auch nicht so. Was meine Schwester damals alles für Viehzeug in unsere Familie einbracht hat, das war kaum zum Aushalten. Katzen, Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen, ich war natürlich immer dagegen. Aber meine Eltern haben echt alles durchgehen lassen.

Haustiere

Scheiß Viehzeug! <3

Ich kann mich noch recht gut an die Meerschweinchen erinnern. Meine kleine Schwester hatte zwei Exemplare angeschleppt. Blöderweise kann man das Geschlecht eines Meerschweinchen nach der Geburt nicht gleich erkennen. Das geht erst Monate später. Und natürlich hatten wir ein Männchen und ein Weibchen erwischt, was ziemlich üble Konsequenzen hat. Deswegen hatte meine Mutter auch noch einen zweiten Käfig organisiert und die zwei Meerschweinchen getrennt gehalten. Aber meine Schwester war ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Immer, wenn mal keiner zuhause war, hat sie das eine Meerschweinchen ein paar Stunden zum Anderen in den Käfig gesetzt und am Ende hatten wir eine richtig große Familie am Start.

Auf lange Sicht konnte ich mich innerlich auch nie gegen das Getier wehren und am Ende hatte ich doch immer alle Tiere lieb (wenn sie schon mal da waren). So bin ich halt und so wird es auch mit dem iPhone6 sein.

Passwortstempel

TouchID hat mich bei dieser Sache auch schon ein bisschen mit dem iPhone 6 ausgesöhnt. Das ist so abgefahren. Gehste einfach mit dem Finger auf den Home-Button, ZACK, wird das iPhone entsperrt. Wie geil ist das denn? Muss man keinen Code und kein Passwort mehr eingeben. Funktioniert natürlich nur mit den eigenen Fingern, is klar. Die Story geht aber noch weiter, weil auch Apps diesen Mechanismus nutzen können. So viele Passwörter, die ich mir nicht mehr merken muss. Ich brauch mein Gehirn jeden Tag ein Stück weniger!

Ist nur ein bisschen traurig, dass man mit der reinen Wischgeste das iPhone nicht mehr entsperren kann. Über die Jahre ist dieses Wischen doch schon etwas ans Herz gewachsen. Aber man kann halt nicht alles haben. Ich frag mich ja immer, so ein Fingerabdruck-Scanner auf dem Smartphone, warum ist da noch niemand vorher drauf gekommen? Natürlich gab’s das schon. War halt bloß sauumständlich, weil die ganzen Helden das Ding nicht gleich im Home-Button verbaut hatten. IMMER muss erst Apple kommen und die Sache richtig machen! Jetzt ist halt bloß blöd, dass der Fingerabdruck als Passwort eine äußerst schlechte Idee ist! Weil man den ganzen lieben langen Tag, auf allen Gegenständen und in der ganzen Welt sein Fingerabdruck hinterlässt (also sein Passwort in Klarschrift).

Fingerabdrücke überall

Das eigene Passwort. Oh Schreck! Es ist überall.

Designer & Ingenieure

Jetzt gibt es noch eine Sache, die zwar allgemein bekannt ist, aber aus meiner Sicht noch nicht ausreichend debattiert wurde: Das iPhone 6 wackelt und das ist ziemlich sonderbar. Schöne alte Holztische, die wackeln auch. Aber die dürfen auch wackeln. Die haben schon ein langes Leben hinter sich. Die sind verzogen und verlebt, und genau das macht auch den Charme von alten Holztischen aus. Etwas neues darf aber nicht wackeln. Das zeugt von schlechter Verarbeitung und ist keine gute Qualität. Nun ist es aber so, schlechte Verarbeitung kann man dem iPhone 6 nun wirklich nicht unterstellen. Nicht ohne Grund sind die Devices von Apple einfach nicht kaputt zu kriegen. Aber wenn man das iPhone 6 auf eine ebene Fläche legt, dann liegt es tatsächlich nicht stabil. Man kann es kaum glauben, aber es ist wirklich so. Es wackelt ein bisschen (z.B. beim Tippen). Da fällt einem im ersten Moment nichts mehr dazu ein.

Ich stell mir das ja so vor: Die Designer und die Ingenieure wurden sich einfach nicht einig. Der Designer wollte Perfektion. Und der Ingenieur wollte eigentlich das gleiche, nur halt nicht bei der Form, sondern bei der Kamera. Die perfekte Form hatte eine Höhe von 6,9 mm. Die perfekte Kamera hatte aber eine Höhe von 7,0 mm. Ziemlich blöd, eins ist höher als das andere. Irgendwie hatten die Designer und Ingenieure dann wohl keinen Lust darauf, diesen Konflikt richtig auszutragen. Macht auch nichts, weil deswegen gibt es ja auch die Entscheider. Aber die Entscheider konnten sich leider auch nicht entscheiden, ob jetzt Form oder Kamera wichtiger war. Ich sag euch, das hätte es unter Steve Jobs nicht gegeben. In der Konsequenz ragt die Kamera nun 0,1 mm auf der Rückseite aus dem Gehäuse heraus. Konflikte soll man halt immer austragen, sonst kommt nur Murks raus.

sechskommaneun ist ungleich siebenkommanull

Und jetzt haben wir den Salat.
Das iPhone 6, es wackelt.

Über den Autor
Marco Hitschler wohnt in Mannheim und schreibt auf diesem Blog beliebige Texte in das Internet hinein. Sein Handwerk ist die Informatik und beruflich arbeitet er im Projektmanagement. Wenn man einmal mit dem Bloggen angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Furchtbar! Infolgedessen wird auf diesem Blog ganz kunterbunt in verschiedenen Formaten publiziert.
4 Kommentare
  1. marco
    Heike 1. April 2015

    Hahahahahahaha – herrlich :-)

  2. marco
    marco 1. April 2015

    Das ist nicht herrlich.
    Ein iPhone, das wackelt, das ist ganz ganz traurig.

  3. marco
    cpt1n 6. August 2015

    Von 6,9mm zu 7mm ist aber nicht 1mm sondern 0,1mm ;)

  4. marco
    marco 9. August 2015

    @cpt1n
    Puh… da hab ich jetzt aber einen Bock geschossen. :-)))
    Danke für den Hinweis!

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